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Wintergedichte klassischer Autoren

Schöne Wintergedichte mehr oder weniger bekannter Klassiker

Klassische Lyrik zur Winterzeit


Winterlandschaft
Bild: Peggychoucair / pixabay.com
Der Winter steigt, ein Riesenschwan, hernieder,
Die weite Welt bedeckt sein Schneegefieder.
Und breitet weithin über stilles Land,
Selbst still und stumm, das starre Eisgewand.


Anastasius Grün

Wintergedichte klassischer Autoren - von A - J

Das Dorf im Schnee
Klaus Groth

Das Wunder kommt
Otto Julius Bierbaum

Der blaue Schnee
Georg Heym

Der Eislauf
A. H. Hoffmann von Fallersleben

Der erste Schnee
Johannes Brassel

Der erste Schnee
Friedrich Güll

Der erste Schnee
Julie Katharina von Hausmann

Der Winter
Matthias Claudius

Der Winter 
Georg Heym

Dezembermorgen
Wilhelm Holzamer

Ein Lied hinterm Ofen zu singen
Matthias Claudius

Ein milder Wintertag
Annette von Droste-Hülshoff

Erster Schnee
Ernst Goll

Es schneit
Gustav Falke

Ganz still zuweilen wie ein Traum
Cäsar Flaischlen

Hoffnung
Emanuel Geibel

November
Reinhold Fuchs

Nun treiben wir den Winter aus
Guido Görres

Schneemann (Satire)
Heinrich Federer

Sehnsucht nach dem Frühling
A. H. Hoffmann von Fallersleben

Unterm Schnee
Maria Janitschek

Vom Büblein auf dem Eis
Friedrich Wilhelm Güll

Vom Kirschbaum
Ferdinand Avenarius

Winteranfang
Martin Greif

Winterbild
Johannes Brassel

Wintergedanken (Sonett)
Johannes Brassel

Winterlied
Joseph von Eichendorff

Winternacht
Reinhold Fuchs

Winters Flucht
A. H. Hoffmann von Fallersleben

Wintertrost
Martin Greif

Winterwärme
Richard Dehmel

 

Hier findet hier neuzeitliche Wintergedichte in klassischer Form! 

Klaus Groth (1819 - 1899)
Das Dorf im Schnee

Still, wie unterm warmen Dach,
Liegt das Dorf im weißen Schnee;
In den Erlen schläft der Bach,
Unterm Eis der blanke Schnee.

Weiden steh´n im weißen Haar,
spiegeln sich in starrer Flut;
alles ruhig, kalt und klar
Wie der Tod, der ewig ruht.

Weit, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr.
Blau zum blauen Himmel zieht
Sacht der Rauch vom Schnee empor.

Möchte schlafen wie der Baum
Ohne Lust und ohne Schmerz;
Doch der Rauch zieht wie im Traum
Still nach Haus mein Herz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)
Sehnsucht nach dem Frühling

O wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd' und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht' ich fliegen,
möchte sehn ein grünes Tal,
möcht' in Gras und Blumen liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang,
möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
lieber Frühling, komm doch bald,
bring uns Blumen, Laub und Lieder,
schmücke wieder Feld und Wald!

Georg Heym (1887-1912)
Der blaue Schnee

Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land, 
das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen 
einander mit der ausgestreckten Hand 
der Horizonte violettes Schweigen.

Hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere 
vier Straßen an. Die niedren Bäume stehen 
wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere 
glänzt wie ihr Auge trübe. Die Chausseen

verweilen kurz und sprechen aus den Ästen.
Dann ziehn sie weiter in die Einsamkeit 
gen Nord und Süden und nach Ost und Westen, 
wo bleicht der niedere Tag der Winterzeit.

Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht 
blieb von der Ernte noch im Ackerfeld. 
Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht 
und heißem Tag der Toten Wache hält.

Der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht. 
Der Sonne Atem dampft am Firmament, 
davon das Eis, das in den Lachen steht 
hinab die Straße rot wie Feuer brennt.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)
Winterlied

Mir träumt`, ich ruhte wieder
Vor meines Vaters Haus
Und schaute fröhlich nieder
Ins alte Tal hinaus,
Die Luft mit lindem Spielen
Ging durch das Frühlingslaub,
Und Blütenflocken fielen
Mir über Brust und Haupt.

Als ich erwacht, da schimmert
Der Mond vom Waldesrand,
Im falben Scheine flimmert
Um mich ein fremdes Land,
Und wie ich ringsher sehe:
Die Flocken waren Eis,
Die Gegend war vom Schnee,
Mein Haar vom Alter weiß.

Maria Janitschek (1859-1927)
Unterm Schnee

Halt ich sacht auf weißem Felde,
Märchen sinnend, stillerlauschten,
Ist`s , als ob zu meinen Häupten
Nahe Flügelschläge rauschten.

Ist es mir, als ob der Schneewind
Warme Blumendüfte brächte.
Blumenduft von tausend Beeten,
Aus der Glutpracht fremder Nächte.

Behend eil`ich in den Garten,
Wo die Bäume silbern stehn,
Um in zitterndem Erwarten
Nach den Zweigen aufzuseh`n.

Streif den Schnee von ihnen zärtlich
Der sie in sein Weiß versteckt,
Und erblick, o lieblich Wunder,
Junge Äuglein, schlafbedeckt.

Frühling! Nach des Sommers Abschied
Nahst du schon mit leisen Küssen,
Und es gibt gar keinen Winter,
Und kein kaltes Sterbenmüssen.

Streift den Schnee nun von den Dingen,
Drunter grünen neue Triebe,
Und ihr spürt des Lebens Jugend
Und die Urkraft seiner Liebe.

Emanuel Geibel (1815-1884)
Hoffnung

Und dräut der Winter noch so sehr
Mit trotzigen Gebärden,
Und streut er Eis und Schnee umher,
Es muss doch Frühling werden.

Und drängen die Nebel noch so dicht
Sich vor den Blick der Sonne,
Sie wecket doch mit ihrem Licht
Einmal die Welt zur Wonne.

Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht,
Mir soll darob nicht bangen,
Auf leisen Sohlen über Nacht
Kommt doch der Lenz gegangen.

Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehen,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf
Und möchte vor Lust vergehen.

Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren
Und lässt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.

Drum still! Und wie es frieren mag,
O Herz, gib dich zufrieden;
Es ist ein großer Maientag
Der ganzen Welt beschieden.

Und wenn dir oft auch bangt und graut,
Als sei die Höll' auf Erden,
Nur unverzagt auf Gott vertraut!
Es muss doch Frühling werden.

Matthias Claudius (1740 - 1815)
Der Winter

Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer;
sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an
und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund, ist er's;
er krankt und kränkelt nimmer,
weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an
und läßt's vorher nicht wärmen
und spottet über Fluß im Zahn
und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn's Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich' und Seen krachen;
das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er sich tot lachen.

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem Strande;
doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

So ist' er denn bald dort, bald hier,
gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.

Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848)
Ein milder Wintertag

An jenes Waldes Enden,
Wo still der Weiher liegt
Und längs den Fichtenwänden
Sich lind Gemurmel wiegt;

Wo in der Sonnenhelle,
So matt und kalt sie ist,
Doch immerfort die Welle
Das Ufer flimmernd küßt:

Da weiß ich, schön zum Malen,
Noch eine schmale Schlucht,
Wo all die kleinen Strahlen
Sich fangen in der Bucht;

Ein trocken, windstill Eckchen,
Und so an Grüne reich,
Daß auf dem ganzen Fleckchen
Mich kränkt kein dürrer Zweig.

Will ich den Mantel dichte
Nun legen übers Moos,
Mich lehnen an die Fichte,
Und dann auf meinen Schoß

Gezweig' und Kräuter breiten,
So gut ich's finden mag:
Wer will mir's übel deuten,
Spiel ich den Sommertag?

Will nicht die Grille hallen,
So säuselt doch das Ried;
Sind stumm die Nachtigallen,
So sing' ich selbst ein Lied.

Und hat Natur zum Feste
Nur wenig dargebracht:
Die Lust ist stets die beste,
Die man sich selber macht.

Winterlandschaft Baum im Schnee
Bild: hansbenn / pixabay.com

Friedrich Wilhelm Güll (1812 - 1879)
Vom Büblein auf dem Eis

Gefroren hat es heuer
Noch gar kein festes Eis.
Das Büblein steht am Weiher
Und spricht so zu sich leis´:
„Ich will es einmal wagen,
Das Eis, es muss doch tragen.“ 
Wer weiß?
 
Das Büblein stampft und hacket
Mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket,
Und krach! schon bricht’s hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
Als wie ein Krebs und zappelt
Mit Arm und Bein.
 
„O helft, ich muss versinken
In lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken
Im tiefen, tiefen See!“
Wär nicht ein Mann gekommen,
Der sich ein Herz genommen,
O weh!
 
Der packt es bei dem Schopfe
Und zieht es dann heraus,
Vom Fuß bis zu dem Kopfe
Wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
Der Vater hat’s geklopfet
Es aus, zu Haus.

Matthias Claudius (1740-1815)
Ein Lied hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.

War je ein Mann gesund wie er?
Er krankt und kränkelt nimmer,
Er trotzt der Kälte wie ein Bär
und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im freien an
und läßt's vorher nicht wärmen
und spottet über Fluss im Zahn
und Grimmen in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn's Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich und Zehen krachen:
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er tot sich lachen.-

Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort, bald hier;
gut Regiment zu führen;
und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren

Ferdinand Avenarius (1856-1923)
Vom Kirschbaum

Ist alles ganz kahl und still,
Nicht mal im Grase sichs regen will,
Steht alles geduckt,
Klappert im Frost und muckt
Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf,
Aber keines gibt was drauf.

Doch im Garten
Sagt einer: Ich kann warten.
Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum,
So dünn ist er worden: der Kirschenbaum.
Schläft er nicht?
Trau einer dem Wicht!
Heute mittag um Uhre eins
Gabs mal ein Pröbchen Sonnenscheins:
Darin – ich habe
Das deutlich gesehn –
Mit seinen Knospen
Fingerte der alte Knabe,
Ein wenig vorsichtig und geziert,
Wie man Badewasser probiert.
Und über seine Runzeln
Ging ein Schmunzeln.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Der Eislauf

Der See ist zugefroren
Und hält schon seinen Mann.
Die Bahn ist wie ein Spiegel
Und glänzt uns freundlich an.

Das Wetter ist so heiter,
Die Sonne scheint so hell.
Wer will mit mir ins Freie?
Wer ist mein Mitgesell?

Da ist nicht viel zu fragen:
Wer mit will, macht sich auf.
Wir geh'n hinaus ins Freie,
Hinaus zum Schlittschuhlauf.

Was kümmert uns die Kälte?
Was kümmert uns der Schnee?
Wir wollen Schlittschuh laufen
Wohl auf dem blanken See.

Da sind wir ausgezogen
Zur Eisbahn alsobald,
Und haben uns am Ufer
Die Schlittschuh angeschnallt.

Das war ein lustig Leben
Im hellen Sonnenglanz!
Wir drehten uns und schwebten,
Als wär's ein Reigentanz.

Cäsar Flaischlen (1864-1920)
Ganz still zuweilen wie ein Traum

Ganz still zuweilen wie ein Traum
klingt in dir auf ein fernes Lied...
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will...
und wie ein Traum ganz leis und still
verklingt es wieder, wie es kam...

Wie plötzlich mitten im Gewühl
der Straße, mitten oft im Winter
ein Hauch von Rosen dich umweht,
wie oder dann und wann ein Bild
aus längst vergessenen Kindertagen
mit fragenden Augen vor dir steht...

Ganz still und leise, wie ein Traum...
Du weißt nicht, wie es plötzlich kam,
du weißt nicht, was es von dir will,
und wie ein Traum ganz leis und still
verblasst es wieder, wie es kam.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
Das Wunder kommt

Schwarz ist die Nacht; es kracht das Eis;
Die ganze Welt ist eingeschneit;
Es steht kein Stern am Himmel,
Am Himmel.

Da sieh: es blitzt ein zitternd Licht,
Ein Stern blitzt aus dem Schwarz heraus,
Ein roter Stern von Golde,
Von Golde.

So hat dereinst der Stern geblitzt,
Nach dem die heiligen Drei gereist
Mit Weihrauch und mit Myrrhen,
Mit Myrrhen.

Den Heiland hat der Stern gebracht;
In dieser Nacht zerbrach das Eis;
Das Wunder kommt: Der Frühling,
Der Frühling.

Richard Dehmel (1863-1920)
Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen, starr,
die fangen zu schmelzen an,
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

Gustav Falke (1853-1916)
Es schneit

Der erste Schnee, weich und dicht,
Die ersten wirbelnden Flocken.
Die Kinder drängen ihr Gesicht
Ans Fenster und frohlocken.

Da wird nun das letzte bisschen Grün
Leise, leise begraben.
Aber die jungen Wangen glühn,
Sie wollen den Winter haben.

Schlittenfahrt und Schellenklang
Und Schneebälle um die Ohren!
– Kinderglück, wo bist du? Lang,
Lang verschneit und erfroren.

Fallen die Flocken weich und dicht,
Stehen wir wohl erschrocken,
Aber die Kleinen begreifens nicht,
Glänzen vor Glück und frohlocken.

Martin Greif (1839-1911)
Winteranfang

Kommet ihr wieder,
Spinnende Nebel,
Füllend mit trübem
Wehen die Luft?

Wo sich geöffnet
Blume an Blume,
Liegt nun, errötend,
Schauernder Duft.

Ach, und ihm wehret
Kaum mehr die Sonne,
Wie es noch gestern
Sichtbar geschah.

Abend und Morgen
Scheinen im Dämmer
Nahe verwoben –
Winter ist da.

Martin Greif (1839-1911)
Wintertrost

Welche Wandlung über Nacht
Hat den Wald beschlichen,
Braun noch gestern, sieht erwacht
Er sein Haar verblichen.

Eis mit langen Zapfen hängt
Rings von allen Ästen,
Weiss der Silberbart sich mengt
Mit des Laubes Resten.

Wohl, Natur in solchem Bild
Mahnt sie an das Alter,
Wäre nicht der Winter mild
Auch ein Welterhalter.

Lasse dort die Eiche, grau,
Näher dich belehren:
Rieselt erst des Frühlings Tau,
Wird das Grün ihr kehren.


Gebilde aus Eiskristallen
sergei_spas / pixabay.com

Julie Katharina von Hausmann (1826-1901)
Der erste Schnee

Wenn die ersten Flocken fallen
Nieder von dem Himmel leis',
Breitend über Wald und Felder
Eine Decke silberweiß —

Glänzen alle Kinderaugen,
Denn nun ist der Winter da;
Und sie wissen's wohl, die Kleinen,
Dann ist's Christkindlein auch nah'

Christkind mit den schönen Gaben
Und dem hellen Weihnachtsbaum,
Den sie seit dem letzten Feste
Oft geseh'n in süßem Traum.

Wir, die Alten, Klugen, denken
Jagend an die Winterzeit —
Kinder singen Weihnachtslieder,
Wissen nichts von Sorg' und Leid.

Und ich will's euch nur gestehen,
Auch ich freu' mich wie ein Kind,
Da ich schon so manchen Streifen
Schnee auf meinem Haupte find',

Zwar der Schnee bringt nur den Winter,
Doch ich bang und zage nicht,
Schau dahinter schon im Geiste
Ein hellstrahlend Weihnachtslicht;

Höre leise schon erklingen
Weihnachtsglocken wunderbar,
Die zum schönsten Fest mich rufen
Und zum sel'gen neuen Jahr.

Friedrich Güll (1812-1879)
Der erste Schnee

Ei, du liebe, liebe Zeit,
ei, wie hat's geschneit, geschneit!
Rings herum, wie ich mich dreh',
nichts als Schnee und lauter Schnee.
Wald und Wiesen, Hof und Hecken,
alles steckt in weißen Decken.

Und im Garten jeder Baum,
jedes Bäumchen voller Flaum!
Auf dem Sims, dem Blumenbrett
liegt er wie ein Federbett.
Auf den Dächern um und um
nichts als Baumwoll' rings herum.

Und der Schlot vom Nachbarhaus,
wie possierlich sieht er aus:
Hat ein weißes Müllerkäppchen,
hat ein weißes Müllerjöppchen!
Meint man nicht, wenn er so raucht,
daß er just sein Pfeifchen schmaucht?

Und im Hof der Pumpenstock
hat gar einen Zottelrock
und die ellenlange Nase
geht schier vor bis an die Straße.
Und gar draußen vor dem Haus!
Wär' nur erst die Schule aus!

Aber dann, wenn' s noch so stürmt,
wird ein Schneemann aufgetürmt,
dick und rund und rund und dick,
steht er da im Augenblick.
Auf dem Kopf als Hut 'nen Tiegel
und im Arm den langen Prügel
und die Füße tief im Schnee
und wir rings herum, juhe!

Ei, ihr lieben, lieben Leut',
was ist heut' das eine Freud'!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Winters Flucht

Dem Winter ward der Tag zu lang,
ihn schreckt der Vogel Lustgesang;
Er horcht und hört's mit Gram und Neid,
Und was er sieht, das macht ihm Leid.

Er sieht der Sonne milden Schein,
Sein eigner Schatten macht ihm Pein.
Er wandelt über grüne Saat
Und Gras und Keime früh und sprach:
»Wo ist mein silberweißes Kleid,
Mein Hut, mit Demantstaub bestreut?«

Er schämt sich wie ein Bettelmann
Und läuft, was er nur laufen kann.
Und hinterdrein scherzt Jung und Alt
In Luft und Wasser, Feld und Wald;
Der Kiebitz schreit, die Biene summt,
Der Kuckuck ruft, der Käfer brummt;
Doch weil's noch fehlt an Spott und Hohn,
So quakt der Frosch vor Ostern schon.

Guido Görres (1805-1852)
Nun treiben wir den Winter aus

Nun treiben wir den Winter aus,
Den alten, kalten Krächzer;
Wir jagen ihn zum Land hinaus,
Den Brummbär und den Ächzer,
Und laden uns den Frühling ein
Mit Blumen und mit Sonnenschein,
Juhei! juhei, juhei!
O komm herbei!
O Mai, o Mai!

Das leere Stroh,
Das dürre Reis
Und alles, was vermodert,
Das geben wir dem Feuer preis,
Dass hoch die Flamme lodert,
Und laden uns den Frühling ein
Mit Blumen und mit Sonnenschein;
Juhei! juhei, juhei!
O komm herbei!
O Mai, o Mai!

Heinrich Federer (1866-1928)
Schneemann (Satire)

Er ist ein heller sicherer Mann,
Nur fehlen die Augensterne,
Womit er das Leben mustern kann,
Wie es gaukelt von nahe und ferne.
Sonst sähe keiner so tief und fein
In die Siebensachen der Welt hinein.

Er ist ein frischer, verwegener Mann,
Nur kann er die Arme nicht rühren,
Doch wenn er nur einen recken kann,
So krachen des Dörfleins Türen,
So trägt er den Kirchturm mit allen Glocken,
Und dürfen noch Pfaff und Küster drauf hocken.

Und lustig ist er, voll Lied und Spaß,
Doch leider taubstumm geboren.
Sonst, weit' ich, er hörte und plauderte bass
Wie tausend Lippen und Ohren.
Er schilderte euch so drollige Sachen,
Die totesten Toten müssten lachen.

Auch wär' er ein rühmlicher Wanderheld,
Wenn die Füße nicht steifgefroren,
Er wandelte, wie wir auf Nachbars Feld,
Zu den Eskimos oder den Mohren.
Er überholte die hurtigsten Pferde,
Zwei Schritte, er wäre am Rand der Erde.

Meines Schneemanns stille Majestät,
Wenn sie nur einmal wollte,
Was sich so faul am Globus dreht,
Hei, wie das tollte und trollte!
Doch solche Genies kann die Welt nicht ertragen,
Drum bleibt er Genie im Schnee und Entsagen.

Wilhelm Holzamer (1871-1907)
Dezembermorgen

Am Fenster steh ich. — Eine Ecke des Himmels,
Mattblau wie Seide,
Mit zarten, weißen, glänzenden Flocken
Hebt sich wie ein Baldachin
Über das Dunkel waldiger Berge.

Und wie von verborgenem Lichte
Breitet sich strahlende Helle,
Glänzig werden die Flocken,
Wie frischer Eierschaum,
Wie schillernde Opale.

Und ich ahne, die Sonne kommt,
Und schaue,
Bis mich ein Strahl trifft,
Ein siegender, leuchtender, warmer Strahl
Ich schaue und schaue . . .

Fern, weit fern
Fliegt unter dem Himmel ein Rabe,
Und mir ist,
Als hör ich sein höhnendes Krächzen.
Aber ich schaue und schaue
Und wart auf die Sonne.- -

Die schaumigen Flocken fliegen zusammen,
Es ballt sich ein grauer Haufen,
Und der graue Haufen
Verschüttet die blaue Seide... 
Und —
Ich schaue und schaue
Und wart auf die Sonne ...

Reinhold Fuchs 1858 - 1938
Winternacht

Die Sterne glitzern wie Demantgeschmeide,
Klar, wie du kaum im Leben sie gesehen,
Doch fremd und kalt; des Weltalls Schauer wehen
Dir um die Stirn auf totenstiller Heide.

Die Schöpfung starrt im weißen Sterbekleide
Dich fühllos an, taub für dein Liebesflehen,
Und du vergißt, als war' es nie geschehen,
Was je die Menschen dir gethan zu leide. —

Fremd, fremd und einsam in der öden Runde! —
Gleich einem Bettlermantel fühlst mit Bangen
Den Stolz du gleiten zum bereiften Grunde.
Macht, Weisheit, Ruhm: — was soll ihr eitles Prangen? —

Ein freundlich Wort aus warmem Menschenmunde,
Ein Druck der Hand sind einzig dein Verlangen ...

Reinhold Fuchs 1858 - 1938
November

Hörst du, wie die Winde klagen
In dem Dornbusch kahl und grau? —
Keiner ahnt, daß er getragen
Rote Rosen einst zur Schau.

In den Feldern, in den Hainen
Stumm ein jeder frohe Klang;
Wie ein schmerzlich-leises Weinen
Schleicht es deinen Pfad entlang.

Halbverschollne Trauerkunden
Hallen aus der Ferne her;
Längst verrauschte Scheidestunden
Machen neu das Herz dir schwer.

Blätter fallen, Wolken schweben;
Nebel schwankt um Busch und Baum; -
Träume werden dir zum Leben,
Und das Leben wird zum Traum ...

Johannes Brassel 1848 - 1916
Der erste Schnee

's ist kalt geworden, trüb und still;
Der erste Schnee zur Erde fiel;
Mit seiner Hand, so weich und lind,
Deckt er das letzte Blumenkind.
O Schicksal, so winterlich herbe und trübe
Was deckst du die Blumen der hoffenden Liebe?
Was soll in des Lebens wild stürmender See
Ein Herz voll Weh?

Der erste Schnee! 's kommt eine Stund',
Da wird das kranke Herz gesund.
Das Leid laß' schlafen wie die Saat,
Die Flockenflaum bedecket hat.
Die Sternlein, die fielen auf rosigen Wangen,
Sie alle sind leise und schmerzlos zergangen,
Und so einst zergeht deines Herzens Weh
Wie erster Schnee.

Ja, laß es schlafen wie die Saat;
Nach Eis und Schnee der Frühling naht.
Sein milder Hauch aus starrer Gruft
Den Primeln und den Veilchen ruft.
So hoffe denn, bangendes Herz, und vertraue,
Daß über den Wolken der Himmel doch blaue,
Und sag' zu dem Flockengewimmel in Ruh':
Deck' zu, deck' zu!

Ernst Goll 1887 - 1912
Erster Schnee

Nun seid ihr wiederkommen
Im Sturme über Nacht
Und habt die müde Erde
So still und weiß gemacht.

Ihr bleichen Flockensterne,
Ob ihr es wissen könnt,
Dass rings sich alles, alles
So sehr nach euch gesehnt?

Ich weiß viel weiße Felder,
So leer, so kahl, so weh,
Die warten nun schon lange
Des Leichentuchs von Schnee.

Ich weiß so viele Blümlein,
Die werden müde sein,
O, hüllt sie tief und feste
Zu süßem Schlummer ein. 

Ich weiß ein krankes Herze,
Das sehnt sich so nach Ruh,
O, deckt das friedenlose
Mit eurem Frieden zu.

Johannes Brassel 1848 - 1916
Winterbild

In stillem Schlummer ruht die Erde,
Gehüllt in zarten, kalten Flaum,
Und über Dorf und Wald und Matten
Legt sich ein winterlicher Traum.

Der Vöglein Brust, die sonst gesungen
Im Wald mit sorgenfreiem Klang,
Entringt sich jetzt vor unserm Fenster
Ein bittend Seufzen, leis und bang.

Doch drinnen am erwärmten Ofen
Großmutter sich behaglich freut,
Ob auch der Winter weiße Flocken
Ihr längst aufs müde Haupt gestreut.

Indessen sie das Bild des Todes
Im stillen Ruh'n der Welt erblickt,
Hat sie der Enkel froh Gejauchze
Der trüben Wirklichkeit entrückt.

Sie fahren, wie sie einst gefahren
Auf breitem Schlitten, sonder Graus,
Mit jugendfröhlichem Gejauchze
In die verschneite Welt hinaus.

Und aus dem Treiben ihrer Kleinen
Glänzt ihres Lebens Morgenrot;
Glückselig flüstert sie durchs Fenster:
Wo Kinder sind, da herrscht kein Tod!

Johannes Brassel 1848 - 1916
Wintergedanken

Wie Erde träumt. Des Winters kalte Lasten
Sie liegen schwer auf dem Gezweig der Tannen;
Des Baches Lauf will eisger Rauhreif bannen;
In Flur und Hain des Lebens Pulse rasten.

Und doch schaut Hoffnungsgrün aus Tannenmasten,
Als wollt' es flüsternd deine Seele fragen:
Hast du, o Mensch, wie ich das Leid getragen,
Wenn wild des Schicksals Stürme dich umrasten?

Hat Hoffnung dir gesagt in dunkeln Stunden,
Es werd die Zeit, die allbarmherz'ge heilen
Mit mildem Hauch des Herzens herbste Wunden?

Grüß mir die Hoffnung! Ihre Strahlen spenden
Den Glauben mir im raschen Zeiteneilen,
Es müsse alles sich zum Guten wenden.

Georg Heym (1887-1912)
Der Winter

Der Sturm heult immer laut in den Kaminen
Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel.
Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.

Nun wohnen wir in rings umbauter Enge,
Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben,
Wie Seiler zerrend graür Stunden Länge.

Die Tage zwängen sich in niedre Stuben,
Wo heisres Feür krächzt in großen Öfen.
Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben
Und starren schräge nach den leeren Höfen.