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Weihnachtsgeschichten

Weihnachtsbild Kirche und Nikolaus mit Schlitten
Bild: Ulli / dreamies.de
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Weihnachtsgeschichten zeitgenössischer Autoren von A - Z

Bens Weihnachtswunsch
von Barbara Pronnet

Besuch
von Gabriele Maricic-Kaiblinger

Damals ...
von Barbara Acksteiner

Das Kind in der Krippe
von Gabriele Maricic-Kaiblinger

Das Weihnachtslicht
von Christina Telker

Der alte hungrige Weihnachtsmann
von Harald Goerke

Der unscheinbare Engel
von Christina Telker

Der Weihnachtsgewinn
von Barbara Pronnet

Die Entdeckung
von Christina Telker

Donner ist krank
von Antje Steffen

Ein Haar vom Christkind
von Christina Telker

Eine wichtige Botschaft
von Barbara Pronnet

Eine „andere“, heutige Herbergsuche
von Gabriele Maricic-Kaiblinger

Es begann in der Silvesternacht
von Gabriele Maricic-Kaiblinger


Barbara Acksteiner
Zu Besuch im Weihnachtswunderland

Och, das ist echt doof, dass noch kein Schnee liegt“, mault Pia, „wie soll denn da der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten und dem Rentier die Geschenke zu mir bringen?“ Trotzig stampft sie mit ihrem Fuß auf.

„Meinst du etwa, dass nur du Geschenke kriegst? Ich möchte auch welche haben!“, ruft wütend ihr älterer Bruder aus dem Kinderzimmer.

In der Küche steht unterdessen Jutta und backt einen Stollen.

Sie hat das Wortgefecht ihrer Kinder gehört. „Kinder, an eurer Stelle würde ich mir um Weihnachten und eure Geschenke keine Gedanken machen. Es gibt für euch beide sicherlich kein einziges.“

Wie von Blitz getroffen, kommt Maik in die Küche gesaust. „Wie? Was? Keine Geschenke? Du machst Witze, oder?“

Schnell fügt Pia hinzu. „Genau, du verkohlst uns. Willst uns nur ärgern!“

„Warum sollte ich euch verkohlen oder ärgern wollen? Wie kommt ihr denn nur darauf? Nein, es wird wohl so kommen, dass ihr beide Heiligabend auf einen leeren Gabentisch guckt.“

Die viereinhalbjährige Pia und ihr fast zwei Jahre älterer Bruder sehen sich entsetzt an.

„Wieso denn?“, will Maik wissen.

„Na, ganz einfach! Weil ihr noch keinen Wunschzettel geschrieben habt!“, klärt die Mutter ihre Kinder auf, die mit weit aufgerissenen Augen vor ihr stehen. „Könnt ihr mir mal verraten, wie der Weihnachtsmann wissen kann, was ihr euch wünscht? Was soll er denn seinem Christkind sagen, was es für euch besorgen muss. Und wenn es kein Geschenk besorgt, dann brauchen die fleißigen Engelchen für euch auch nichts einpacken. Also wird der Schlitten mit Rudolf dem Rentier, dem Weihnachtsmann samt der vielen Geschenken an unserem Haus vorbeifahren und nicht anhalten.“

Pia ist aufgeregt und zuppelt nervös an ihrem Pulli. „Menno, ich kann ja gar nicht schreiben!“

„Stimmt, das kannst du noch nicht, Pia. Aber du könntest dem Weihnachtsmann ein Bild malen. Oder des Abends, wenn du dein Nachtgebet sprichst, ihm sagen, was du dir zu Weihnachten wünschst.“

„Mama, und was soll ich machen?“, möchte Maik wissen.

„Ganz einfach. Du sagst mir, was du dir wünschst. Ich schreibe es vor und du schreibst es ab. Das machst du doch sonst auch. Aber gar keinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann fertig zu machen, das ist nicht schön.“

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Inzwischen haben sich Maik und Pia auf ihre Stühle gesetzt. In der Küche kann man eine Stecknadel fallen hören, so ruhig ist es. Die Kinder überlegen und sagen kein einziges Wort mehr. Jutta hat den Stollen fertig und will ihn gerade aufs Backblech legen, als Maik freudestrahlend ruft: „Komm mit, Pia, ich habe eine Idee!“

Beide springen von ihren Stühlen hoch und verschwinden in Maiks Kinderzimmer. Jutta hört nur noch, dass die Tür laut zuknallt und dann herrscht Stille. Es ist so mucksmäuschenleise im Zimmer, dass es schon fast unheimlich ist. So kennt sie ihre Kinder gar nicht. Meistens geht es nie lange gut, wenn sie zusammen hocken. Oft beginnt nach kurzer Zeit das Gezanke. Aber jetzt - nichts ist zu hören!

Jutta wirft einen Blick in den Backofen. Sie freut sich, der Stollen nimmt langsam Form an. Nachdem sie in der Küche alles auf- und weggeräumt hat, was zum Backen benötigt worden war, und der Geschirrspüler läuft, lässt sie sich auf den Küchenstuhl sinken. In Gedanken ist sie bei dem Gespräch, welches sie vorhin mit ihren Kindern geführt hat.

Den Kopf in die Hände gestützt stellt sie sich die Frage: „War ich etwa doch zu streng?“ Je länger sie darüber nachdenkt, je mehr kommt sie zu dem Entschluss, dass ihre Kinder noch klein sind und dass sie unbedingt mit ihnen sprechen muss. Jutta springt auf und will gerade die Küche verlassen, da geht die Haustür auf und ihr Mann kommt rein.

„Tag, Schatz, alles klar? Ich bin echt geschafft, war heute verdammt anstrengend bei der Arbeit. Du warst auch fleißig, ich rieche Kuchen.“ Schon ist er in der Küche verschwunden. Er guckt in den Backofen und will wissen: „Lecker, Stollen! Mit Marzipan?“

Jutta muss lachen. „Na klar, mit! Ich weiß doch, dass die Kinder und du gern Marzipan mögt. Apropos Kinder …“ Sie schluckt. „Ich muss dir was sagen. Bestimmt ist mir vorhin ein Fehler unterlaufen und ich habe mit meinen Äußerungen Pia und Maik unglücklich gemacht.“

„Was ist denn vorgefallen? Setz dich, erzähle was passiert ist.“

Nun sprudelt aus Jutta heraus, was sie ihren Kindern gesagt hat und dass beide seitdem in Maiks Kinderzimmer verschwunden sind.

„Du hörst es ja selbst! Ach ne, das ist es ja gerade, man hört keinen einzigen Mucks. Ich mache mir wirklich Vorwürfe!“

Klaus steht auf, geht zu seiner Frau, nimmt sie in den Arm und versucht sie zu trösten. „Mensch, Jutta, mach dir nicht solche Gedanken. Komm, wir gehen jetzt zu den beiden und reden mit den Lütten. Ganz in Ruhe. Auf geht’s!“ Er zieht sie vom Küchenstuhl hoch und dann gehen beide zu Maiks Kinderzimmer. Kein Zanken, kein Toben …

Lautlos drückt Klaus die Türklinge runter. Im Kinderzimmer ist es fast dunkel. Der Fensterrollladen ist runtergezogen. So weit, dass nur die oberen Schlitze

etwas Licht ins Zimmer dringen lassen. Sprachlos und irritiert sehen sich Jutta und Klaus an. Doch was sie dann hören und in der Dämmerung schemenhaft sehen können, treibt ihnen Tränen in die Augen und Jutta bekommt vor Rührung eine Gänsehaut.

Eng aneinander gekuschelt sitzen Maik und Pia auf der Bettkante und Maik hat seinen Arm um die Schultern seiner kleinen Schwester gelegt. „Maiki, was meinst du, wenn ich jetzt ganz fest meine Augen zumache, bete und mir wünsche, dass der Weihnachtsmann zu uns kommt, ob der das hört? Ich kann doch nicht schreiben und malen kann ich nicht gut. Und Mama hat gesagt, man kann auch beten! Sollen wir das mal machen?“

„Können es ja versuchen. Wir machen unsere Augen zu und dann wünschen wir uns ins Weihnachtswunderland. Vielleicht treffen wir da den Weihnachtsmann und das Christkind. Und wenn wir die sehen, dann sagen wir denen einfach, was wir uns zu Weihnachten wünschen. Pass auf Pia, bei drei geht’s los, dann machen wir die Augen zu. Du wünschst dir zuerst was, wenn du den Weihnachtsmann siehst. Okay?“

„Hmm, okay, aber ich habe Angst, Maiki.“

„Brauchste nicht, bin doch bei dir. Also: Eins, zwei, zweieinhalb, zweidreiviertel, drei! Augen zu!“

Ruhe.

Weder Maik noch Pia sagen ein Wort. Jutta klopft das Herz bis zum Hals. Sie kann kaum glauben, was dort passiert, denn auf einmal hört sie Pia sagen: „Ja, ich bin Pia Krüger, Weihnachtsmann. Ich habe vergessen, einen Wunschzettel abzugeben. Mama hat gesagt, dann kriege ich kein Geschenk von dir. Aber ich möchte doch so gerne was haben. Eine neue Puppe wünsche ich mir. Eine Barbie mit einem Pferdchen und einem Stall. Und wenn du Geld hast, möchte ich auch was zu naschen. Lieber Weihnachtsmann, bitte bring mir doch Geschenke, ich wünsche mir so sehr welche von dir! Ich will auch lieb sein, versprochen. Soll ich dir mal was sagen, Weihnachtsmann? Schön sieht es hier im Weihnachtswunderland aus, richtig gut!“

Die Eltern von Maik und Pia stehen wie angewurzelt da und können nicht fassen, was im Kinderzimmer vor sich geht.

Jutta kullern Tränen übers Gesicht und sie merkt, dass ihr Mann ebenfalls schlucken muss.

„Biste fertig, Pia?“

„Ja, bin ich!“

„Hallo Weihnachtsmann, ich heiße Maik Krüger und bin der große Bruder von Pia Krüger. Ich habe auch vergessen, einen Wunschzettel zu schreiben. Aber richtig schreiben kann ich sowieso nicht. Was sagst du? Malen? Also, wenn ich was male, sieht das doof aus. Mutti ist sauer, weil ich keinen Wunschzettel gemacht habe. Du auch? Wenn du nicht böse bist, wäre es richtig toll. Weihnachtsmann, ich wünsche mir von dir einen richtigen, lauten Weck-Wecker! Weißt du, so einen, der mich weckt, damit ich immer pünktlich aufstehe. Komme doch bald in die Schule. Und dann wünsche ich mir einen großen Legokasten, und wenn’s geht noch einen Schulranzen. Einen blauen - mit Ab- und Anmachklebesticker. So einer wäre echt geil. Kommst du nun zu uns, lieber Weihnachtsmann? Bitte, bitte! Oh, Christkind, du siehst aber schön aus. Huch, wo seid ihr denn? Ich kann euch ja gar nicht mehr sehen …“

„Maiki, ist der Weihnachtsmann weg? Hast du das Christkind gesehen?“

Jutta und Klaus halten es nicht mehr aus. Sie öffnen die Tür. Nun scheint das helle Tageslicht vom Flur aus ins Kinderzimmer. Klaus geht zum Fenster und zieht den Rollladen hoch, während sich Jutta zu ihren Kindern aufs Bett setzt.

Die Kinder gucken ihre Mutter mit großen Augen an, bevor es aus Maik heraussprudelt: „Mutti, Papa, wir waren im Weihnachtswunderland! Da war der Weihnachtsmann. Und ich habe das Christkind gesehen. Wir haben dem Weihnachtsmann erzählt, was wir uns zu Weihnachten wünschen. Der war ganz lieb und böse ist er auch nicht.“

„Stimmt“, ruft Pia, „der war ganz doll nett! Und er hat gesagt, dass er Heiligabend Geschenke zu uns bringt. Siehste Vati, unser Gebet hat geholfen.“

Überglücklich schließen Jutta und Klaus ihre Kinder in die Arme. Es bedarf keiner Erklärungen mehr. Ein Besuch im Reich der Träume - im Weihnachtswunderland - haben Pia und Maik wieder glücklich gemacht.

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Autorenseite von Barbara Acksteiner

Sabine Kohlert
Glitzersterne Weihnachtszauber

»Sind die hässlich!«, flüsterte Eva ihrem Mann Christian zu.
Ihre Tochter staunte gerade über die vielen lustigen Zwetschgenmännchen in der Weihnachtsbude. »Oh, sind die schön. Das da sieht aus wie die Oma und das, wie unser Nachbar mit dem langen Bart. Und da, Mama schau, ein Engel!« Marlene strahlte. »Kann ich so einen haben?«
»Nein, Maus. Das ist kein Spielzeug. Das sind vertrocknete alte Pflaumen.« Marlenes Mutter schüttelte den Kopf.
Marlene machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich finde den Engel aber schön!«

Sie hopste zum nächsten Stand. »Mama, schau!«
Marlene stand vor einem meergrün glasierten Tondrachen und brachte den Mund nicht mehr zu.
»Er raucht, ganz in echt! Aus seinen Nasenlöchern.«
»Ja, Maus, komm weiter.« Ihre Mutter sah genervt auf die Uhr.
»Ist der echt? Bestimmt ist er ein echter Drache!«
Marlenes Papa nahm sie auf den Arm, damit sie besser sehen konnte.

»Vielleicht sollten wir dann lieber einen Schritt zurückmachen. Er könnte ja Feuerspucken!« Marlene kicherte.
»Der ist natürlich nicht echt!«, klärte ihre Mutter sie auf. »Da sind so kleine Räucherhütchen drin, die zündet man an und dann raucht der Drache.«
»Eva, du nimmt diesem Weihnachtsmarkt jegliche Magie«, raunte Marlenes Vater hinter vorgehaltener Hand.

Seine Frau verdrehte die Augen, als sie seinen empörten Blick sah. »Christian, wir müssen langsam los. Ich muss heute noch diesen Bericht fertigmachen.« Eva verzog das Gesicht. »Außerdem geht mir dieser Weihnachts-Hype hier total auf den Keks. Dieser Christkindlesmarkt ist einfach zu viel. Zu viel Weihnachten, zu viel Glitzer, einfach zu viel!«

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»Aber mir gefällt es«, Christian strahlte, »entspann dich, Schatz.«
Marlene deutete auf einen Stand mit bunten Sternen. »Nur noch ein bisschen.«
»Wir sind jetzt schon über eine Stunde hier. Mir reicht es.« Eva sah wieder auf ihre Uhr.
»Kann ich eine Bratwurst haben?« Marlene war schon zum nächsten Stand unterwegs.
»Okay, eine Bratwurst und dann fahren wir nach Hause«, gab ihre Mutter nach.

Plötzlich blieb Marlene stehen. In der engen Gasse lief eine Gestalt mit einem bodenlangen, weißen, mit goldenen Sternen verzierten Kleid in ihre Richtung. Auf ihrem Kopf trug sie eine goldene Krone und ihre goldenen Locken fielen ihr bis über die Schultern.

Schnell nahm Marlene die Hand ihrer Mutter. »Das ist das Christkind«, flüsterte sie ehrfürchtig und drückte sich vorsichtig an sie.
»Maus, du musst keine Angst haben. Das ist nur eine Schauspielerin. – Au!« Christian trat seiner Frau auf den Fuß. »Kannst du das lassen!«, zischte er ihr verärgert zu. »Unsere Tochter ist fünf Jahre. Lass ihr doch noch ein wenig den Glauben daran.«

Eva seufzte. Das Christkind ging vorüber und seine goldenen Flügelärmel wehten bei jedem Schritt. Marlene war begeistert. »Ist das schön! Ich hab das Christkind gesehen.« Und an ihre Mutter gewandt sagte sie: »Da hast du nicht recht Mama. Eine Schauspielerin kann nie so schön sein, wie das Christkind.«

Christian grinste. Die Bratwurst schmeckte Marlene besonders gut. »Die ist total lecker. Vielleicht hat sie das Christkind gemacht. So eine gute Bratwurst hab ich noch nie gegessen.«
Christian zwinkerte seiner Frau zu. Eva musste nun auch ein wenig lächeln.

»So, Maus, aber jetzt gehen wir – Maus? – Marlene?«
Marlene war verschwunden. Hektisch schaute sich Eva nach ihrer Tochter um. »Christian, ich kann sie nirgendwo sehen.«
Marlenes Vater lief an ein paar Buden entlang. »Marlene, Mausi! Wo bist du?«
»Marlene?«, rief Eva hysterisch.
»Okay, beruhige dich! Du bleibst hier, für den Fall, dass sie zurückkommt und ich gehe hier lang.« Christian nickte seiner Frau zu und ging in Richtung der bunten Sterne davon.
Von Marlene war weit und breit nichts zu sehen. Er schaute an jedem Stand, rief ihren Namen. Nichts!

Als er fast am Ende der Gasse angekommen war, sah er eine Menschentraube im nächsten Gang. Das Christkind stand neben der Krippe und unterhielt sich mit ein paar Kindern. Christian drängte sich zwischen zwei Buden auf die andere Seite. Da war sie! Marlene zupfte das Christkind gerade an seinem goldenen Flügelärmel. »Bist du wirklich das echte Christkind?«, fragte sie laut.

Die Gestalt im Sterneglitzerkleid beugte sich zu Marlene hinunter. »Aber sicher bin ich das echte Nürnberger Christkind.«
Marlene nickte ernsthaft. »Ich hab das eigentlich schon gewusst, aber meine Mama hat gesagt, du bist eine Schauspielerin.«
»So, so eine Schauspielerin. Nein, das bin ich auf gar keinen Fall.« Das Christkind lächelte. »Wie heißt du denn?«
»Ich bin die Marlene«, sagte Marlene. »Du, Christkind, kannst du nicht irgendetwas machen, damit mir meine Mama glaubt?«
»Was soll ich denn machen?«
»Na, halt so einen Christkindzauber. Vielleicht kannst du ein bisschen fliegen oder Glitzersternezauber machen, wie die Hexe in meinem Buch; oder etwas herzaubern.«

»Marlene, Mäuschen, du kannst doch nicht einfach weglaufen«, unterbrach sie ihr Papa und ging vor ihr in die Hocke. »Mama und ich haben einen großen Schreck bekommen. Bitte mach das nie wieder!«
Marlene hörte gar nicht zu. »Papa, schau, das ist das echte Christkind.« Marlene setzte sich auf seine Knie. »Und gleich macht es etwas ganz Tolles. Einen Christkind-Weihnachtszauber mit Glitzersternen. Du musst die Mama anrufen, damit sie das sieht.«

Die Gestalt mit der goldenen Krone schaute etwas hilflos. »Einen Glitzersterne-Weihnachtszauber soll ich machen?« Dann fasste sie sich. »Weißt du Marlene, die Glitzersterne, die sind für Heiligabend. Die muss ich noch ein wenig aufheben.« Sie wurde ernster. »Sag, bist du wirklich weggelaufen?«
Marlene schaute erschrocken, erst das Christkind und dann ihren Papa an. »Ich wollte doch nur, dass Mama Weihnachten auch mag.« Sie fing an zu schniefen.
»Wirklich, deine Mama mag Weihnachten nicht?« Fragend schaute das Christkind Marlenes Papa an. Der zuckte mit den Schultern.
»Was wünschst du dir denn am meisten?«, fragte die Gestalt mit den langen goldenen Locken.
»Dass Mama den Weihnachtsmarkt auch so toll findet wie ich und – eine Zwetschgenpuppe.«

Das Christkind stutzte. Dann schaute es über Marlene und ihren Papa hinweg, nickte und lächelte. »Ich glaube, da lässt sich etwas machen. Hast du gehört, Marlene, was ich da oben auf der Kirche zu all den Menschen hier unten gesprochen habe?«
Marlene schüttelte den Kopf.
Da hob das Christkind seine Arme und fing in feierlichem Ton an, die letzte Strophe seines Prologs aufzusagen: »Die Kinder der Welt und die armen Leut’, die wissen am besten, was schenken bedeut’. Ihr Herr’n und Frau’n, die ihr einst Kinder wart, seid es heut’ wieder, freut euch in ihrer Art. Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.« Dann deutete es auf eine Stelle hinter Marlene und ihrem Papa.

Marlene drehte sich um. Da stand ihre Mama und strahlte. Strahlte, als gäbe es nichts Schöneres, als hier auf diesem Markt zu sein und Marlene zu sehen. Leise flüsterte sie: »Mausi.« Dann breitete sie die Arme aus und in der einen Hand hielt sie den Zwetschgenengel, der Marlene so gut gefallen hatte

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Sabine Kohlert

Diese Geschichte wurde in der Anthologie "Die Magie der Weihnachstsmärkte" Wendepunkt Verlag, Hrsg. Petra Pohlmann, veröffentlicht.


Gabriele Maricic-Kaiblinger
Eine „andere“, heutige Herbergsuche

Lautlose, dicke Flocken bahnen sich ihren Weg auf die Erde, als sie die Straße entlanggeht. Sie streckt die Handflächen aus und lässt einige Schneeflocken darauf zergehen. Trotz hektischem Treiben um sie herum, geht sie ruhig ihren Weg, bleibt ab und zu stehen, um sich glitzernde Schaufenster anzusehen und lächelnd singenden, kitschigen Weihnachtsmännern zuzuhören. Vom Kaufrausch lässt sie sich nicht anstecken. Erstens, weil das Geld dazu sowieso nicht reichen würde, zweitens hat sie kein Verlangen nach irgendwelchem Luxus. Sie fühlt sich schon reich, seit sie in dieses Land gekommen war, seit sie nicht mehr bei jedem Schritt und Tritt Angst haben muss, verfolgt oder gar Schlimmeres zu werden. Fühlt sich glücklich, all dies Schöne erleben und miterleben zu dürfen. Sogar Leute, die achtlos diskriminieren sowie gedankenlos Vorurteile hegen, ohne sich informiert und nach den Beweggründen gefragt zu haben, haben dieses Glücksgefühl in ihr nicht runterdrücken können. Weil sie in ihrer ursprünglichen Heimat noch Furchtbareres erdulden hat müssen.

Wieder in ihrem Zimmer im Heim für Asylwerber angekommen, fällt ihr Blick gleich auf diesen Brief. Sie weiß sofort, was es ist, reißt den Brief ungeduldig auf. Bevor sie noch anfängt zu lesen, fängt ihr Herz an wie wild zu schlagen, und sie braucht ihn eigentlich gar nicht mehr zu lesen, da sie sowieso schon spürt, was drin steht. Ihr Asylantrag ist neuerlich, nun endgültig, abgewiesen worden. Sie muss sich setzen, denn ihre Knie fühlen sich plötzlich so weich und zittrig an. Sie starrt vor sich hin und begreift es nicht. Hat sie doch all ihre Hoffnung darauf gesetzt, hier Schutz zu finden und mit der Zeit ein neues, ein ganz normales Leben anfangen zu können.

In ihrem Herkunftsland hat sie einer religiösen Minderheit angehört, ist als Christin in einem von radikal-muslimischen Regime regierten Land, immer wieder Anfeindungen und Übergriffen ausgesetzt gewesen. Sie, eine Frau, hat es gewagt, sich zur Wehr zu setzen, öffentlich Politik und Justiz zu kritisieren. Nach einer Teilnahme an friedlichen Kundgebungen von Studenten, ist sie als „unreine Christin“ und „Feindin Gottes und des Islams“ verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden.

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Sie zittert bei dem Gedanken an diese Zeit des Grauens, in der Vergewaltigung und Folter auf der Tagesordnung gestanden haben. Auch nach ihrer Entlassung hat sie weiter um ihr Leben bangen müssen. Als Druck und Panik zu groß und wegen ihr ebenso Familienangehörige und Freunde bedroht worden sind, ist sie geflohen, um die Menschen, die ihr lieb sind, nicht noch mehr zu gefährden. Leicht ist ihr das nicht gefallen, liebt sie doch, trotz allem, ihre Heimat. Über Umwege ist sie schließlich in Österreich gelandet, wo sie sich Ruhe, Sicherheit und vor allem Frieden erhofft hat. Einfach nur als allen anderen gleichwertiger Mensch leben hat wollen. Im neuen Land hat sie dann allmählich wieder Mut gefasst, einfühlsame Personen gefunden, die sich bemüht haben, zu helfen.

Und nun - ihre ganze Hoffnung, ihr Vertrauen, dass sie langsam und nur zögernd aufgebaut hat - mit einem Schlag zunichte gemacht.

Der Weg zum Flugzeug erscheint ihr endlos lang, ihre Füße schwer. Von irgendwoher hört sie Glocken läuten. Fein, zart, dann intensiv, das nahende Fest ankündigend. Glocken - im Flugzeug drin werden sie vom startenden, anschwillenden Motorengeräusch übertönt.  Erst jetzt sieht sie sich um, schaut in ausdruckslose, manchmal tränennasse Gesichter. Wie viel Schicksal, wie viel Leid sich wohl hinter jedem verbirgt? Ausgewiesene, Abgeschobene - und jeder Einzelne davon hat seine eigene tragische Geschichte, von der niemand Genaueres wissen will. Aus dem Fenster sehend, erblickt sie noch einige Lichter, die immer schwächer werden, bis sie gar nicht mehr zu sehen sind und ihre ungewisse Zukunft immer mehr zur Gegenwart wird. Nur das Glockengeläute klingt ihr noch einige Zeit im Ohr nach – lieblich und friedlich.

Frohe Weihnachten ...  

 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

Barbara Pronnet
Eine wichtige Botschaft

Der heilige Nikolaus verstaute die letzten Päckchen auf seinen Schlitten, zurrte das Seil fest und stieg auf seinen Kutschbock. Seine Rentiere waren gefüttert, gestriegelt und schnaubten mit freudiger Erwartung Dampfwolken in die eisige Nacht.
„Seid ihr bereit meine Freunde?“ rief er laut  und die braven Tiere nickten. Sie kannten ihre Bestimmung und ihr Herr war ein guter Mann der  eine wunderbare Aufgabe hatte. Er machte die Menschen, besonders die Kinder glücklich.

Mit großem Gebimmel sausten die Tiere über das blanke Eis und nahmen immer mehr Fahrt auf. Der Nikolaus blinzelte und plötzlich hoben sich die Tiere in den Himmel, gewannen immer mehr an Höhe und flogen im Galopp durch die Nacht. Die Sterne funkelten am Himmelszelt und als das Schlittengespann ihre Flughöhe erreicht hatte, schwebte sie lautlos und leicht wie Schneeflocken dahin.Der Nikolaus war nach einiger Zeit etwas eingenickt. Er konnte seinen Tieren vertrauen, sie kannten den Weg. Plötzlich wurde das Gespann unruhig und der Nikolaus war sofort hellwach.

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Er sah gleich warum seine treuen Gesellen Alarm schlugen. Weit unten im Eismeer trieb eine lose Eisplatte mit zwei kleinen Eisbären. Die Eisbärenmutter schwamm aufgeregt daneben her, sie wollte die Kleinen wieder Richtung Ufer treiben, war aber bereits  zu erschöpft. Schnell zog der heilige Mann an den Zügeln und die Rentiere schwebten in einer schrägen Linkskurve hinunter zu der Familie im Wasser.

Mit viel Gefühl dirigierte der Nikolaus sein Gespann und  bald berührten die Hufen der Rentiere sanft  die Wasseroberfläche und sie galoppierten vorsichtig  los. Das Wasser bewegte sich  in sachten Wellen und die Eisplatte mit den kleinen Eisbären trieb zum Ufer zurück.

Die Kleinen sprangen sofort auf sicheren Boden und warteten dort mit großem Geschrei auf die Mama. Als diese sich müde aus dem Wasser zog, sprangen sie auf sie zu und erdrückten sie fast vor Freude.

Der Nikolaus und seine Rentiere waren sehr froh, dass sie der kleinen Familie helfen konnten.

„Ich danke dir von Herzen, du guter Gesell“  sagte die Eisbärenmama ehrfürchtig. „Meine Kinder spielten und plötzlich brach das Eis und sie trieben fort. Es ging alles so schnell. Das Eis wird immer gefährlicher. Irgendetwas stimmt nicht. Es ist, als löse sich unser Lebensraum auf. Seid die Menschen uns jagen, beobachten und stören, passieren diese Dinge“.
Der Nikolaus nickte traurig. „Ich weiß, es wird sich vieles für euch ändern. Ihr müsst vorsichtig sein und euch bereithalten. Wenn die Menschen ihr Verhalten nicht ändern, seid ihr in Gefahr. Ich bringe jedes Jahr eine Botschaft der Besinnung und bete für euch alle. Die Kinder der Menschen sind meine größte Hoffnung und wenn diese erkennen um was es im Leben wirklich geht, dann habt auch ihr eine Chance.“

„Dann wünsche ich dir, dass deine Eingebung  in die Köpfe der Menschen dringt und wir alle wieder auf eine gute und sichere Zukunft hoffen dürfen. Leb wohl“ sagte die Eisbärin mit traurigen Augen. Der Nikolaus winkte zum Abschied und schnell wie der Wind trieb er seine Tiere zurück in die dunkle Nacht.  Jetzt war die Zeit gekommen und er musste sich beeilen.  Er hoffte so sehr die Kinder nicht nur mit Süßigkeiten zu erfreuen, sondern ihnen  seine wichtigste Botschaft zu überbringen. Ihre Zukunft.

Zur Autorenseite

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Antje Steffen
Donner ist krank

Im Elfendorf herrscht große Aufregung. Morgen ist Heilig Abend und die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest laufen auf Hochtouren. Überall liegen Geschenke. Viele sind fertig, andere sind noch in Arbeit. Die Werkstatt-Elfen haben alle Hände voll zu tun, um rechtzeitig zum Fest alle Wünsche zu erfüllen. Auch in der Backstube herrscht reges Treiben. Die Backelfen mixen, wiegen, rühren, backen und verzieren. Auf der einen Seite der Backstube türmen sich die Dosen mit Plätzchen und Gebäck. Überall duftet es nach Weihnachten.

Die Elfen in der Verpackungsabteilung sind ebenfalls im Stress. Sie packen die fertigen Geschenke ein, beschriften sie und legen sie auf den großen Haufen, so dass diese in den Sack gepackt werden können. Man sieht überall Weihnachtspapier, bunte Bänder und Anhänger. Jedes Paket bekommt einen Anhänger mit Namen und wird auf der großen Wunschliste abgehakt. So kann der Weihnachtsmann alle Pakete richtig zuordnen, wenn er unterwegs ist.

Der Weihnachtsmann kontrolliert hier und da und sorgt für Ordnung. Für ihn ist diese Zeit die Schönste des Jahres. Überall ertönen Weihnachtslieder und seine Elfen sind fröhlich bei der Arbeit. Kann es Schöneres geben?

Am Ende seiner Runde geht er in den Stall, in dem seine treuen Rentiere stehen. Hier werden wie überall im Elfendorf die letzten Vorbereitungen für die Reise des Weihnachtsmanns getroffen. Als der Weihnachtsmann den Stall betritt, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Sonst begrüßen ihn die Rentiere fröhlich und die Stallelfen singen Weihnachtslieder. Heute ist alles anders.

Was ist hier los? Bald hat der Weihnachtsmann Gumbi gefunden. Der Elf macht ein besorgtes Gesicht. Der Weihnachtsmann sieht ihn an und sagt: „Hallo Gumbi, was ist passiert? Wieso seid ihr alle so still?“

Gumbi sieht den Weihnachtsmann an und sagt: „Ach, Santa, es ist schrecklich. Donner ist krank. Wir wissen nicht, was ihm fehlt. Er frisst nicht und lässt den Kopf hängen.“

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Santa geht zur Box seines treuen Rentiers und was er sieht, gefällt ihm gar nicht. Donner scheint sehr krank zu sein. Sein Fell ist stumpf und die Augen glänzen fiebrig. Ob er morgen fliegen kann? Der Weihnachtsmann schüttelt den Kopf. Nein, Donner wird in diesem Jahr nicht mitkommen können. Aber ohne Donner fehlt ein Rentier, um den Schlitten zu ziehen. Was können sie tun? Gumbi, der Santa zu Donners Box gefolgt ist, sieht genauso bedrückt aus wie sein Schützling.

Santa dreht sich um und sagt: „Donner kann nicht fliegen. Wir brauchen Ersatz.“

„Ja, Santa“, sagt Gumbi, „aber wen können wir nehmen?“

Santa dreht sich zu Donner um und streicht dem Tier übers Fell. Er überlegt und sagt: „Ich weiß es nicht. Wir haben bisher nie Ersatz gebraucht. Sind die Jungen soweit, dass sie den Schlitten ziehen können?“

Gumbi überlegt kurz: „Ich bin nicht sicher. Wir haben es noch nicht versucht. Der kleine Snuddel macht einen guten Eindruck.“

Santa nickt: „Wir sollten es mit ihm versuchen. Am besten, ihr spannt gleich an. Ich werde einen Probeflug machen.“

Gumbi stimmt zu und eilt davon, um den Schlitten fertig zu machen. Er hofft, dass Snuddel die Aufgabe bewältigen kann. Sonst kann der Weihnachtsmann an Weihnachten nicht zu den Kindern reisen und ihnen ihre Geschenke bringen.

Während Gumbi seine Arbeit macht, dreht Santa sich zu Donner um. Er sagt: „Tut mir leid, dass du krank bist, alter Freund. Du weißt, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn Snuddel es schafft, den Schlitten zu ziehen, kann Weihnachten werden. Aber du musst dich auf jeden Fall ausruhen. Bald bist du gesund und im nächsten Jahr ziehst du meinen Schlitten.“

Donner hebt den Kopf, um Santa anzusehen. Er hat jedes Wort verstanden und weiß, Santa nimmt es ihm nicht übel, dass er in diesem Jahr nicht fliegen kann. Donner hofft, dass Snuddel bereit ist, die Aufgabe zu übernehmen. Es wäre schrecklich, wenn die Kinder auf ihre Geschenke verzichten müssten.

Kurz darauf kommt Gumbi in den Stall zurück. Er geht zu Santa und sagt: „Der Schlitten steht bereit. Bitte komm und mache einen Testflug.“

Santa streichelt Donner ein letztes Mal, dreht sich um und folgt Gumbi nach draußen. Dort steht der Schlitten inmitten der großen Gruppe Elfen. Alle sind gespannt, ob Snuddel den Schlitten gemeinsam mit den anderen Rentieren ziehen kann.

Santa steigt auf den Bock und greift nach den Zügeln. Einen Moment später gibt er das Kommando und die Rentiere setzen sich in Bewegung. Zuerst wirkt es etwas ungelenk, wie Snuddel sich im Geschirr bewegt. Doch bald hat er den Rhythmus der Rentiere gefunden und der Schlitten hebt sich elegant in die Luft.

Die Elfen, die bis zu diesem Zeitpunkt die Luft angehalten haben, jubeln und fallen sich um den Hals. Santa lacht aus vollem Hals und dreht eine Ehrenrunde um das Elfendorf. Snuddel hat die Probe bestanden. Weihnachten ist gerettet.

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Antje Steffen


Ursula Gressmann
Die Tänzerin

Fragil, wie eine lange, dünne Tänzerin mit ausgestreckten  Armen steht er neben dem Kamin. Ich sage Tänzerin, obwohl es eine Nordmanntanne  ist, die dort steht. Nadelhölzer sind  zweihäusig und so könnte es doch stimmen.

Realistisch, aber unfreundlicher, könnte ich auch von einer Krake sprechen. Einer hungrig aussehenden Krake, mit dünnen, wie zur Abwehr erhobenen Armen. Ich gebe zu, mit mehr als acht Armen, zwölf werden es sein. Die  Zweigenden  sind nach unten gekrümmt, was diesen Eindruck  verstärkt.

Damit sie, oder er nicht umfällt, führt von der Spitze bis zur Decke ein grüner Plastikfaden. Seit Jahren befinden sich an dieser Stelle mehrere kleine, sichtbare Löcher. Sie dienen dazu, die Haken aufzunehmen, an denen der jeweilige Weihnachtsbaum befestigt wird. 

Kerzen und Kugeln an diesem  Baum? Ich muss mir etwas Anderes einfallen lassen. Das Gewicht einer Kugel, geschweige von Kerzen halten die filigranen Äste nicht aus.

Ich finde eine  kurze Lichterkettemit kleinen Leds und silbrigen Perlen geschmückt. Dieses schlängelt sich mit meiner Hilfe wie flüchtig, um den dünnen Stamm herum. Einige farblose  Glassterne finde ich auch noch zwischen unserem traditionellen Weihnachtsschmuck in Gold und Rot. 

Acht  winzige rote Glaskugeln vervollständigen  das Bild vom Weihnachtsbaum. Mehr kann ich nicht tun. Alles Andere würde ihn oder sie, überfrachten.

Es hat eine Geschichte, unser Bäumchen. Beim Frühstück -  wir lesen  Zeitung beim Frühstück - fiel mir darin eine Annonce auf: Koniferen, Tannen und Fichten kostenlos zum Selbstschlagen! Die angegebene Adresse befand sich in Borken, also nicht weit entfernt.  Michael, mein Ehemann, griff zum Telefon. Eine hörbar erleichterte Frauenstimme meldete sich und ein Termin wurde vereinbart.

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Scheinbar gab es bis jetzt nicht so  viele Interessenten, wie erwartet. „Pünktlich um 11 Uhr bin ich bei ihnen“, antwortete Michael, ebenfalls erfreut. Er war  ungeduldig  und traf eine halbe Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt bei der angegebenen Adresse ein. Auf wiederholtes Schellen öffnete niemand. Michael  sah sich im Vorgarten um. Zu eng bepflanzt entschied er, überlegte nicht lange und sägte Ruck Zuck nämliche Tanne – die jetzt bei uns eine neue Heimat gefunden hat, ab. Ohne Schwierigkeiten ließ sie sich verladen. Sie war ja dünn und handlich.

Ich erfreute mich an den weichen Nadeln und streichelte die Zweige, konnte ich mich doch noch  gut an den Weihnachtsbaum des vorherigen Jahres erinnern, dessen Nadeln schmerzhaft spitz waren.

Eine halbe Stunde später, wir hatten gerade das Mittagessen beendet, schrillte das Telefon.  Schon der Klang des Telefons ließ nichts Gutes vermuten.Ich saß zwar ein gutes Stück entfernt, konnte aber ohne Mühe jedes Wort der Anruferin verstehen. Schrill und empört klang die Stimme: „Was fällt ihnen ein, sie haben meine erst zwei Jahre alte Nordmanntanne  abgesägt!“

Zwei Stunden später wechselten ein großer, teurer Weihnachtsstrauß und eine gute Flasche Wein den Besitzer, bzw. sie bekamen eine neue Besitzerin.

Annoncen – darum werde ich in Zukunft einen Bogen machen – egal, was sie versprechen.

Frohe Weihnachten!

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Autorenseite von Ursula Gressmann (Tredition Verlag)

Harald Goerke
Treppenträume oder gibt es den Weihnachtsmann wirklich

In einem Dorf wohnt eine fünfköpfige Familie in einem kleinen Haus. Vater, Mutter, Amelie neun Jahre, Florian zehn Jahre und Marco mit sechs Jahren der Jüngste. Von seinen älteren Geschwistern wird er ständig gehänselt. Beschwert er sich bei seinen Eltern, wird ihm nicht geglaubt. So verschließt er sich immer mehr.
Es gelingt ihm auch nicht, in der Schule Freunde zu finden. Das macht ihn noch trauriger als er schon ist.
Und wenn er besonders traurig ist, sucht er seinen Lieblingsplatz auf - die Treppe vor der Haustür.
Hier kann er stundenlang sitzen, die Leute beobachten oder den anderen Kindern, die meist älter sind als er, beim Spielen oder Herumlungern zusehen.
Was er hier noch kann, ist, seinen Träumen nachhängen.
So ist es auch wieder am Heiligen Abend.
Es ist schon früh dunkel. Hell ist es trotzdem. Denn; die Laterne vor seinem Haus beleuchtet einen Teil der leeren Straße. Sie lässt den Schnee weißer erscheinen, als er ist.
Er betrachtet die vielen bunt geschmückten Fenster zum wiederholten Male, sowie auch die vor den Häusern beleuchteten Sträucher und Bäume.
Manchmal hört er aus den geschlossenen Fenstern, dass in den Wohnungen gesungen wird. Er weiß, dass sich dort die Menschen beschenken und lieb haben.
Sein Herz ist schwer. 
Bei ihm zu Hause gibt es keine Geschenke. Das Geld ist knapp. Und das schon seit sehr langer Zeit. Sein Papa hat keine Arbeit.
In seine alte, aber warme Jacke eingekuschelt schaut er zum wolkenlosen Himmel auf. Dort funkeln an diesem kalten Abend die Sterne besonders hell.
Er hängt seinen Träumen nach, wie schön es doch wäre, wenn sich der Himmel öffnete, der Weihnachtsmann mit seinem von sechs Rentieren gezogenen Schlitten herausgleiten, über die Kamine der Häuser hinwegfliegen und unbemerkt von den Bewohnern darin verschwinden würde, um dort die schönen Geschenke in den Wohnungen zu verteilen.
Jede Weihnachten ist das sein Lieblingstraum, obwohl er weiß, dass es den Weihnachtsmann nur in Märchen und Sagen gibt.
Aber schön ist es trotzdem, davon zu träumen.
Die Tür öffnet sich hinter ihm unbemerkt und er wird aus seinem Traum gerissen.

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 „Marco, mein Schatz, willst du nicht reinkommen, es ist doch viel zu kalt, du wirst noch zum Eiszapfen!“ Widerwillig erhebt er sich und folgt seiner Mutter ins Haus. In der Küche bekommt er eine Tasse warme Milch. Er setzt sich an die Heizung unter dem Fenster und wärmt sich ein paar Minuten auf. Dann erhebt er sich schweren Herzens und steigt die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, welches er sich mit seinen Geschwistern teilt. Er weiß schon im Voraus, was ihn dort erwartet.
Amelie und Florian klappen ein Buch zu und schauen ihn aus hasserfüllten Augen an. „Na Brüderchen“, flötet Amelie, „du bist ja pünktlich fürs Bett. Hast du endlich begriffen, wie die Uhr zu lesen ist? Zeit für dich, Kleiner!“
„Und hat der Weihnachtsmann dich jetzt da draußen besucht?“, näselt Florian. „Und hat er dir schöne Geschenke gebracht?“ „Ist der Rudolf ein hübsches Rentier?“
„Kann man auf ihn auch reiten?“ „Singt er, wie unserer in der Küche?“ So geht´s in einer Tour.
Um die Bissigkeiten seiner Geschwister nicht weiter anhören zu müssen, verlässt er das Zimmer wieder und flüchtet die Treppe hinunter. Im Vorbeigehen reißt er seine Jacke vom Haken und zieht sie über. Schallendes Gelächter folgt ihm bis zur Haustür. 
Endlich Ruhe. Er setzt sich auf die Stufen vor der Tür.
Hier kann er wieder alles vergessen und seinen Träumen nachhängen.
Nach und nach versiegen die Tränen. Er sitzt ganz still und ist unendlich traurig. Etwas Trost würde ihm jetzt guttun. Doch wer sollte ihn trösten?
Dass sich jemand neben ihn setzt, bemerkt er kaum. Erst als dieser ihn anspricht.
„Sag mal, Marco, warum sitzt du hier so alleine und bist traurig? Heute ist doch Heiliger Abend, das heißt, es ist Weihnachten. Da sind doch alle Menschen fröhlich.“
Dass dieser Mann ihn beim Namen nennt, bemerkt Marco gar nicht.
Er schluchzt herzzerreißend auf. Weinend erzählt er dem unbekannten Mann von seinen Problemen. Der Mann nimmt den Jungen in den Arm und streicht ihm über’s Haar. Marco beruhigt sich und erzählt nun von seinen Träumen.
„Siehst du mein Junge, du hast etwas, das vielen Menschen verloren gegangen ist und ihnen somit fehlt!“
„Was denn?“ „Träume mein Junge! Träume!“
Danach erhebt sich der Mann. Er ist sehr alt, trägt eine rote Mütze. Ein langer weißer Bart liegt auf dem bis oben zugeknöpften roten Mantel. Rote dicke Fellstiefel wärmen seine Füße. Er besteigt den vor der Treppe stehenden Schlitten. Die davor gespannten sechs Rentiere ziehen ihn weit hoch, bis er hinter den Sternen verschwindet, hinein in den
sich öffnenden Himmel. 
Marco schaut fasziniert hinterher. Also gibt es ihn doch, den Weihnachtsmann. Als er sich erheben will, bemerkt er, dass auf der Stufe neben ihm, ein kleiner bunter Schlitten
mit sechs Rentieren und einem altem Mann, der ihn lenkt, liegt. Ein Abbild seines kurzen Besuchers.
Im Minischlitten liegt ein in buntes Papier gewickeltes kleines Päckchen. Mit glänzenden Augen nimmt er es an sich und geht damit ins Haus. In der Küche sitzen seine beiden
Geschwister und die Eltern.
„Was hast du denn da?“, fragen alle auf einmal. „Vom Weihnachtsmann“, ist stolz seine Antwort. Mit gehässigem Blick schauen seine Geschwister neidisch darauf.
Marco öffnet das Päckchen. Darin liegt eine kleine Tafel Schokolade und ein Kärtchen, auf dem geschrieben steht: „Einen schönen Gruß vom Weihnachtsmann und frohe Weihnachten für dich Marco und bewahre deine Träume!“

© Harald Goerke

*mit freundlicher Genehmigung des Autoren Harald Goerke - zur Amazon-Autorenseite von Harald Goerke

Biggi
Flips und Flaps, die frechen Spatzen

Es war ein kalter, rauer und ungemütlicher Tag!
Der Wind pfiff, und die Spatzen krochen immer weiter in die Büsche. Brrr! Sie kennen die Winter ja, aber dieser Tag war besonders eklig.
In einem Gebüsch kuschelten sich Flips und Flaps dicht aneinander. Trotzdem wollten sie mal schauen, was da draußen los war. Flips stieß Flaps an, und fragte:
„Wollen wir?“
Flaps plusterte sich auf und pipste: „Ja klar, aber nur gemeinsam!“
„Ok!“ meinte Flips, „ich zähl bis drei! 
Eins, zwei, drei!“
Und schon steckten die beiden frechen Spatzen ihre Schnäbel in die kalte Luft!
Brrr, was für ein kalter Wind. Er blies so kräftig, dass die beiden Frechdachse aufpassen mussten, dass sie nicht „aus der Bahn geworfen wurden.“
Sie flogen ein wenig und bewegten sich dann wieder weiter im Gebüsch. Auf einmal sahen die Beiden ein ganz helles Licht.
Neugierig, wie sie nun einmal waren, pirschten sie sich an ein kleines, süßes Häuschen.
Die Gardinen vom Wohnzimmer waren nicht zugezogen, so dass die beiden Spatzen reinschauen konnten.

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„Ach, wie gemütlich“, sagte Flips zu Flaps. „So hell, so warm und so kuschlig!“
Flaps plusterte sich wieder auf und pipste:“ Oh ja, wie schön!“
Die Familie im Häuschen waren so mit sich beschäftigt, dass sie die beiden Spatzen nicht bemerkten.
Die hingegen haben in einem Blumenkasten ein kleines Futterhäuschen entdeckt und freuten sich! Gierig fingen sie an zu fressen. Im Winter ist es nämlich nicht so einfach, an gutes Futter zu kommen!
Nachdem sie richtig satt waren, hörten sie Musik aus dem Häuschen. Es erklangen wunderschöne Weihnachtslieder, und in der Wohnstube umarmten sich alle.

Die Spatzen waren von dem Anblick regelrecht berauscht und meinten einstimmig:
„Ach wie schön! Fröhliche Weihnachten! Wenn es mehr Menschen gibt, die so lieb miteinander umgehen, und auch noch an uns Tiere denken, kann es noch nicht so schlecht um die Welt bestellt sein!“
Mit diesen Worten verzogen sie sich wieder in ganz dichtes Gebüsch!

(c) Biggi

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Christina Telker
Das Weihnachtslicht

Seit dem Herbst besuchte Jonas die Schule. Das Lernen fiel ihm leicht, so dass er sich schon immer auf die Schulstunden freute. Seine Lehrerin mochte er sehr. Man konnte über alles mit ihr reden. Mit Peter ging er bereits in den Kindergarten, so fiel auch der Kontakt zu den anderen Mitschülern recht leicht. Langsam rückte die Weihnachtszeit in die Nähe. Die Kinder sprachen schon oft über ihre Wunschzettel. Seit dem Martinsumzug konnten sie es kaum noch erwarten, das Weihnachten war. Die Geschäfte schmückten sich teilweise märchenhaft, so dass der Heimweg von der Schule meist etwas länger als gewöhnlich dauerte, musste man sich doch die schöne Dekoration täglich anschauen auf der Suche nach Neuem.

Es gab jedoch noch ein Fenster, auch wenn es nicht dekoriert war, das war das Fenster der alten Gertrud. Hier konnte der Junge einfach nicht vorbeigehen ohne kurz stehen zu bleiben. Wie oft war er in seinen ersten Kinderjahren hier eingekehrt. Die alte Gertrud, die er damals Mutsch nannte, hing dem Jungen am Herzen. Damals war sie seine Tagesmutter. Heute sah er sie selten am Fenster sitzen. Nur in den Abendstunden, um das Lampenlicht zu sparen, saß die Alte auf ihrem Stuhl am Fenster und beobachtete die vorübereilenden Menschen auf der Straße.

Zur ersten Schulstunde betrat Frau Ulrich, die Klassenlehrerin, die Klasse und fragte als erstes: „Wer kann mir sagen, welcher Sonntag gestern war?“ Einige Schüler sahen sich fragend an, bei den meisten schnellte jedoch der Finger in die Höhe. „Norbert, erzählt du uns, was dir zu dem gestrigen Tag einfällt“; forderte die Lehrerin auf. Der Junge erzählte vom ersten Advent, vom Gottesdienstbesuch und vom adventlichen Kaffeetrinken daheim mit dem Kranz, am dem die erste Kerze angezündet wurde. „Da hattest du aber einen schönen Sonntag“, freute sich die Lehrerin, „und wer bis jetzt nicht wusste, dass gestern der erste Advent war, der hat jetzt viel hinzu gelernt. Auch ich habe mir für euch eine Überraschung überlegt für die nächsten Wochen. Die erste Stunde am Montag in der Adventzeit gehört uns für eine besinnliche Zeit. Hierfür habe ich euch weihnachtliche Geschichten herausgesucht, die wir gemeinsam lesen werden.“ Ein Jubel brach in der Klasse aus. In dieser vorweihnachtlichen Zeit freuten sich die Kinder nun bereits am Freitag auf den Unterricht am Montag.

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Am letzten Montag vor dem Fest schenkte die Lehrerin jedem Kind eine rote Kerze. „Mit dieser Kerze, hat es eine besondere Bewandtnis“, erklärte sie den Kindern. Diese Kerze ist ein Weihnachtslicht. Ihr wisst, das Weihnachtslicht strahlt aus der Krippe. Es bringt mit dem Licht des Kranzes und des Weihnachtsbaumes Freude in unsere Wohnungen und Herzen. Mit diesem Licht, das ich euch heute schenke, bitte ich euch ein Weihnachtslicht in die Welt zu tragen. Bereitet den Menschen damit eine Freude, von denen ihr meint, dass sie es am nötigsten brauchen. Wenn wir uns dann im neuen Jahr wiedersehen, erzählt ihr mir, ob es mit eurem Weihnachtslicht geklappt hat und wohin ihr Freude getragen habt.“ In der Klasse entstand ein Schweigen. Die Kinder überlegten, wem sie das Licht wohl schenken könnten. Die Lehrerin nutze die Stille und las ihre letzte Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr den Kindern vor.

Als Jonas an diesem Tag in Gedanken versunken auf dem Heimweg war, kam er wie auch sonst am Haus von Mutsch vorüber. ‚Das ist es! ‘, kam ihm eine Erleuchtung. ‚Ihr werde ich mein Weihnachtslicht bringen. ‘  Gedacht, getan und schon läutete er an ihrer Wohnungstür. Wie staunte die alte Frau als sie ihren einstigen Pflegling vor sich stehen sah. „Jonas! Was für eine Freude!“ Gertrud schlug vor Freude die Hände zusammen. Wie sehr freute sie sich über diesen unverhofften Besuch. „Komm rein Jonas, ich mache uns schnell einen heißen Kakao!“ Gerne folgte der Junge der Aufforderung. Als er seine Jacke abgelegt hatte, überreichte er Gertrud die Weihnachtskerze und erzählte ihr was es damit für eine Bewandtnis hatte. Lange unterhielten sich die beiden, bis sie merkten, dass es Zeit wäre, und Jonas nach Hause gehen müsse.  Jetzt würde die Mutter von der Arbeit kommen und sie sollte sich nicht um ihren Jungen sorgen. „Komm in den Ferien doch noch mal vorbei“, lud Gertrud den Jungen ein, was dieser gerne versprach. Wie freute sich auch die Mutter als Jonas ihr von Gertrud erzählte. „Wie gut, dass du nun in den Ferien nicht alleine bist“, setzte die Mutter noch hinzu.

Nach den Feiertagen ging Jonas jeden Tag zu seiner Mutsch. Beide wurde die Zeit nie lang. Gertrud hatte das Weihnachtslicht aufgehoben und extra für Jonas Plätzchen gebacken, was sie schon lange nicht mehr tat. So brachte das Weihnachtslicht beiden eine frohe, besinnliche Zeit. Jonas freute sich schon darauf Frau Ulrich seine Geschichte zu erzählen.

© ChTelker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Winterlandschaft weihnachtlich mit Laterne
Bild: Ulli / dreamies.de

Barbara Acksteiner
...na dann! "Frohe Weihnachten"

Wenn die Tage kürzer und Nächte kälter werden, die Bäume schon lange ihr Laub verloren haben, unsere heimischen Vögelchen nicht mehr singend durch die Lüfte fliegen, wird einem schlagartig bewusst, dass der Winter vor der Tür steht. Noch will man es nicht wahr haben. Aber dann kommt der Tag, an dem wir eines Morgens wach werden und beim Blick aus dem Fenster sehen, dass es über Nacht geschneit hat. Spätestens jetzt guckt sich jeder den Kalender genauer an. Dann überkommt es einen siedendheiß. Mein Gott, in einer Woche ist der 1. Advent.

Wo ist das Jahr geblieben? Jedes Jahr frage ich mich das. Dabei hat auch dieses Jahr 365 Tage gehabt. Je älter ich werde, je schneller rast ein Jahr an mir vorüber.

Ungläubig schüttele ich den Kopf und setze mir Wasser für Tee auf. Während ich darauf warte, dass das Wasser zu kochen beginnt, mache ich es mir auf einem Küchenstuhl bequem und gucke aus dem Fenster. Es schneit dicke, dichte Flocken und Weihnachten ist auf einmal ganz nah …

Es gibt noch einiges, was zu erledigen ist.

Der weihnachtliche Krimskrams will aus dem Keller geholt und die Wohnung muss dekoriert werden. Dabei habe ich mir schon im vorvorletzten, vorletzten und letzten Jahr geschworen, den Krempel nicht mehr hervorzuholen, weil ich zu Weihnachten nie wieder so viel Tamtam machen will. Vorgenommen, ja! Doch letztendlich weiß ich nicht mehr, wie oft ich meinen eigenen festen Vorsatz gekonnt verdrängt oder bewusst vergessen habe.

Vielleicht sollten wir in diesem Jahr wieder einen echten Tannenbaum kaufen und mit richtigen roten Wachskerzen schmücken? Ich könnte den mit Süßigkeiten bestücken, wie es die Eltern früher gemacht haben. Unten an die Zweige kommen Zuckerkringel für die Kinder, oben hängen die Kringel mit Schnaps und dazwischen werden ein paar Wunderkerzen gehängt. Ach ja, zwei Eimer voller Wasser dürfen natürlich nicht fehlen. Man weiß ja nie!

In Gedanken stelle ich mir das entsetzte Gesicht meines Mannes vor, wenn ich ihm berichte, was ich für dieses Jahr geplant habe. Wenn er hört, dass ich einen echten Tannenbaum haben möchte, rastet er aus. Nicht ohne Grund haben wir uns vor Jahren einen wunderschönen, künstlichen und „gut gewachsenen“ Baum gekauft.

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Mein Mann war es leid, immer kurz vor Weihnachten, mit mir nach einem Baum zu suchen. Er wollte nicht mehr, dass ich an jedem Tannenbaum was auszusetzen hatte. Mal war er zu breit, mal zu schlank, mal krumm, mal fehlte ein Zweig.

Er weigerte sich, am Heiligabend noch Löcher in den Stamm zu bohren, um Zweige reinzusetzen, nur weil ich ein „Loch“ entdeckt habe. Beleidigt nannte ich es damals Arbeitsverweigerung und warf ihm vor, dass er mich nicht mehr liebt. Er betitelte mich daraufhin als Meckerzicke und meinte, ich sei plemplem. Wenn ich mir das heute bildlich vorstelle, muss ich zugeben, dass mein Holder Recht hatte.

Dabei fällt mir ein, dass ich für das Weihnachtsfest noch was zum Essen einkaufen muss. Mein Göttergatte, meine Kinder, Schwieger- und Enkelkinder wollen bestimmt wieder eine Gans. Richtig schön gefüllt. Ich esse das Viech nicht, aber was tut man nicht alles für seine Liebsten. Natürlich bleiben an diesem Tag die Kartoffeln im Keller. Gewünscht werden ausschließlich Klöße, Kroketten und Rotkohl. Zum Dessert darf Rotweincreme nicht fehlen. Aber was esse ich? Gans, nie im Leben! Keinen Bissen bekomme ich von dem großen, weißen Vogel runter. Außerdem bleibt für mich sowieso nichts übrig. Den verputzt meine Familie in Nullkommanix. Filet! Ich werde mir ein Filet zubereiten. Damit ist das Thema Mittagessen erledigt. Wobei aber die wichtigste Frage noch im Raum steht…

Geschenke! Wenn mein Göttergatte das Wort nur hört, altert er um Jahre.

„Du und deine ewige Schenkerei“, höre ich ihn in meiner Phantasie meckern, „denke es ist abgesprochen, dass es nichts gibt! Aber nein, hier eine Kleinigkeit, da eine Kleinigkeit. Rubbeldiwupp, sind wieder einige Scheinchen weg. Ach, mach’ doch was du denkst!“ Diese Worte kenne ich mittlerweile auswendig. Dabei fragt er mich jedes Mal kurz vor Weihnachten: „Hast du alles? Oder sollten wir nicht noch „Mäuse“ dazulegen?“

Ha, wer muss denn nun wen bremsen?  Genau das ist es, was ich an Weihnachten nicht vermissen möchte. Unvorstellbar, wenn ich mich mit meinem Holden nicht mehr wegen der Geschenke fetzen kann und nicht kochen muss. Das wäre für mich kein „richtiges“ Weihnachtsfest mehr.

Klack! Unsanft werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Wasserkocher hat sich ausgeschaltet. Mein Tee kann warten. Ich muss in den Keller, die Weihnachtssachen holen.

„Schatz“, rufe ich, „du kannst dich schon drauf einstellen, nächste Woche gucken wir nach einem schönen, gut gewachsenen, echten Tannenbaum!“

Ich höre einen Aufschrei, dem folgt Gepolter. Sollte mein Mann vor Schreck umgefallen sein?

… na dann! „Frohe Weihnachten“


*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Acksteiner

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Autorenseite von Barbara Acksteiner

Barbara Pronnet
Bens Weihnachtswunsch

Jenny ging als Christkind zur Weihnachtsfeier. Weißes kurzes Kleid und goldener Haarreif mit Heilgenschein auf den blonden Locken, kleine goldene Pappflügel und schon sah sie aus wie ein Rauschgoldengel. Die Kollegen fanden es super und sie genoss die Komplimente. Wegen hoher Arbeitsbelastung fiel der Event auf den 23.12. Morgen konnten sie ja alle ausschlafen und den verdienten Weihnachtsurlaub antreten. Jenny fand eigentlich gar nichts aufregend an Weihnachten und der Heilige Abend bei der Familie war nervig und spießig. Ihre Eltern behandelten sie wie ein Kleinkind und sie wurde sicher wieder gemästet und mit Liebe überschüttet. Seit Jenny allein wohnte, frönte sie mehr dem Nachtleben und fand sich mit ihren zwanzig Jahren cool und unabhängig.

Die Feier war feuchtfröhlich und als die Idee kam, gleich anschließend ein frühes Frühstück im Cafe um die Ecke  einzunehmen, war es schon nach neun Uhr morgens als sie sich alle lachend und müde von einander verabschiedeten. Jenny wohnte nicht weit weg von dem Cafe. Sie wollte ihren Brummschädel auskühlen lassen und ging zu Fuß nach Hause. Sie knöpfte ihre weiße Felljacke fest zu und marschierte, leise zu dem neuesten Hit summend, ihre kleine Einbahnstraße entlang. Neue Reihenhäuser mit schicken Vorgärten waren bereits festlich geschmückt und überall blinkte und funkelte es aus den Fenstern.

Nur das letzte Eckhaus war ohne Glanz und Lichterketten und als Jenny am Gartentor vorbei ging, saß ein kleiner Junge vor der Eingangstür und schaute ziemlich traurig drein. Als er Jenny sah, glitt ein so freudiges Strahlen auf sein kleines Gesicht, dass Jenny stehen blieb und zurück lachte. „Na Kleiner, wer hat dich denn so Früh ausgesetzt?“ fragte Jenny kess wie immer. “Bist du das Christkind?“ fragte er vorsichtig.

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Jenny wurde sich ihres Outfits wieder bewusst und wollte gerade etwas klarstellen, als der kleine Junge schon das Tor geöffnet hatte und sie an der Hand nahm und Richtung Haus zog. „Halt warte doch mal“ Jenny ging in die Hocke und sah dem Jungen in die Augen. „Wo sind denn deine Eltern?“ „Die sind heut früh schon wieder in ihr Büro, da sind sie eigentlich immer. Heute kommen sie sicher auch wieder spät, aber heut ist doch Weihnachten und der Christbaum liegt noch im Keller und wahrscheinlich vergessen sie sowieso das du heute kommst. Jetzt kommt dann gleich mein Babysitter, aber die ist doof und hört nur Musik und mag mich nicht“ sprudelte es aus ihm heraus.

Und jetzt denkt er womöglich ich bin das Christkind, so ein Mist und das mir, dachte Jenny. Für sowas hab ich ja überhaupt keine Begabung.

Sie überlegte kurz und besann sich. Es war Heiliger Abend. „Wie heißt du denn überhaupt?“ Jenny setzte ihr schönsten Lächeln auf.

„Ben. Ich bin sechs Jahre alt. Er zeigte sechs kleine Finger in die Luft. „Pass auf Ben, du weißt dass ich heute viel zu tun habe, aber wo ich schon mal hier bin, komme ich kurz rein und trage dir den Christbaum hoch ins Wohnzimmer, ok?“ Ben nickte ganz wild und schob Jenny Richtung Haustür. Noble Hütte, alles klinisch sauber und ziemlich ungemütlich, dachte sie sofort. Sie schlüpfte aus ihrer Daunenjacke und zog ihre Flügel in Form.

Ben lotste sie gleich in den Keller und Jenny sah den Christbaum und den Halter dazu in einer Ecke stehen. Wenigsten war er nicht so groß. Sie klemmte ihn sich unter den Arm und Ben zog eifrig eine Kiste aus einem Regal „Der Schmuck ist da drin und die Krippe“ sagte er aufgeregt und lief schon wieder damit nach oben. Jenny versuchte ihre Kopfschmerzen auszuschalten und das Spiel einfach mitzumachen. Sie würde sich noch was einfallen lassen müssen wenn die Aufpasserin kam und sie hier antraf. Sie hatte Mitleid mit dem kleinen Kerl und eine Wut auf die abwesenden Eltern. Eigentlich sollten die hier sein und sich um ihr vereinsamtes Kind kümmern.

Im Wohnzimmer befreiten sie gemeinsam den Baum aus dem Netz und steckten ihn mit viel Mühe in den Halter. Ben öffnete die Kiste und ein Sammelsurium aus edelsten Kugeln, Glasfiguren und Strohsternen kam zum Vorschein. Ben lief zum CD-Player und schon dudelte „Lasst uns froh und munter sein“ durch das Wohnzimmer. Jenny musste schmunzeln als sie den Kleinen beobachtete. Ben strahlte und plötzlich wusste Jenny was es hieß, Kinder mit großen Augen vor dem Christbaum zu sehen. „Ich weiß schon was ich geschenkt bekomme“, Ben hing vorsichtig eine rote Kugel an den Baum. „Eine ganze Menge Spielsachen, ein Fahrrad, Hörbücher und Süßigkeiten, aber das weißt du ja selber, weil du das alles heute Abend bringst“. „Du klingst aber nicht so begeistert. Stimmt, du bekommst eine ganze Menge, mehr als viele andere Kinder“. „Eigentlich wünsche ich mir nur das Mama und Papa mehr Zeit für mich haben. Sie sind immer weg und abends müde und heute wird das sicher auch so sein“.

Jenny kniete sich zu Ben und sah ihm in die Augen. „Ben, erzähl deinen Wunsch deinen Eltern heute Abend und richte ihnen von mir aus, dass es nichts Schöneres und Wertvolleres gibt als Zeit für einander zu haben. Kein Spielzeug dieser Welt macht so viel Freude. Hast du verstanden?“ „Ja, hab ich, ich sag ihnen das du dir das auch wünscht“. „Richtig, Weihnachten ist ein Fest wo alle Menschen zusammenkommen, sich zuhören und für einander da sind. Das wünscht sich das Christkind am meisten“. Der Baum sah wunderschön aus und sie schauten stolz auf ihr gemeinsames Werk. „Die Kerzen machst du aber erst an wenn deine Eltern wieder da sind, versprochen? Ich muss jetzt los und du bleibst im Haus, draußen ist es kalt.“

Jenny ging in den Flur und zog ihre Jacke an. Plötzlich ging die Haustüre auf und ein junges Mädchen mit Kopfhörer und pinken Strubbelhaaren starrte sie entsetzt an. „Keine Angst ich bin nur das Christkind“ grinste Jenny. Sie streichelte Ben über das Haar. „Du wirst sehen, deine Eltern werden dir deinen Wunsch erfüllen, du musst nur fest dran glauben“. „Mach ich und danke, Christkind“ Jenny nahm den kleinen Jungen in die Arme und drückte ihn fest an sich. „Bis bald Ben und fröhliche Weihnachten“

Sie verließ das Haus und ging eilig weiter in ihre Straße. Sie hatte plötzlich eine solche Sehnsucht nach ihren Eltern und freute sich auf die Wärme und Geborgenheit die sie dort erwartete. So muss Weihnachten sein, dachte sie und hoffte, dass der kleine Ben seinen größten Wunsch erfüllt bekam.

Zur Autorenseite

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Gabriele Maricic-Kaiblinger
Kerzen für das Christkind

Miles Eltern kamen von Serbien nach Österreich, weil sie das dortige Regime nicht guthießen. Mile wuchs orthodox auf. Karl-Heinz war seit einem halben Jahr hier, kam aus Deutschland und war evangelisch. Gülistans Eltern kamen aus der Türkei. Sie selbst war bereits hier geboren worden, und unterschied sich von den anderen Kindern nur dadurch, dass sie in der islamischen Religion unterrichtet wurde. Anna war von hier und katholisch. Anna kannte Gülistan schon vom Kindergarten her und hatte sich gleich mit ihr angefreundet. Sie zeigte sich schon früh von anderen Kulturen fasziniert. Mit Mile und Karl-Heinz, den sie Heinzi nannte, hatte Anna  ebenfalls sofort Freundschaft geschlossen. Sie alle gingen seit September in die vierte Klasse.

Jetzt stand Weihnachten vor der Tür, und da jeder eine andere Konfession hatte, wurde heiß diskutiert.

„Wir drei“, erklärte Anna, „haben eigentlich den gleichen Glauben. Wir sind alle Christen. Nur Gülistan hat einen anderen Glauben.“

Wie gesagt, Anna interessierte sich schon immer für das, was anders war, erkundigte sich über alles, gab ihr Wissen gern weiter und wirkte dadurch oftmals etwas altklug – oder auch etwas mehr.

„Ja, und sie darf kein Weihnachten feiern“, meinte Heinzi und blickte Gülistan mitleidsvoll an.

Diese antwortete jedoch: „Aber dafür hatten wir letzten Monat den kleinen Bairam.“

„Was ist das?“ Mile wollte es genauer wissen.

„Der kleine Bairam beendet als 'Fest des Fastenbrechens' den Fastenmonat Ramadan. Man schenkt sich Süßigkeiten, deshalb heißt es auch Zuckerfest.“ Das war natürlich Anna. Als langjährige Freundin von Gülistan war sie schon zu diesem Fest eingeladen worden.

„Ja und da bei uns nach Mondmonaten gerechnet wird, ist es jedes Jahr zu einer anderen Zeit, und es dauert drei Tage“, erklärte Gülistan stolz.

„Wir feiern den Heiligen Abend erst am 6. Jänner“, sagte Mile.

„Ja, aber sonst feiert ihr wie wir. Überhaupt haben wir katholische Christen mit den orthodoxen am meisten gemeinsam, mehr als mit den evangelischen.“ Anna wusste selbstverständlich gleichfalls hier genauestens Bescheid.

„Fast“, entgegnete Mile. „Wir haben vor der Kirche einen Blätterbaum, von dem jeder ein Ästchen abbrechen darf, und am 7. gibt’s zu Hause Spanferkel.“ Mile leckte sich bei dem Gedanken die Lippen.

„Wir feiern Weihnachten auch wie ihr.“ Heinzi glaubte, sich verteidigen zu müssen.

„Aber die Messfeier gestaltet ihr ein bisschen anders.“ Anna wusste einfach alles besser. Überhaupt führte sie wieder das große Wort. „Ich habe viel gelesen, und mir ist aufgefallen, dass es im Stall, in dem Jesus geboren worden ist, dunkel gewesen sein muss.“

„Das glaub’ ich nicht“, erwiderte Mile, „da waren ja der Komet und viele Sterne und haben alles erleuchtet.“

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„Ja, aber die haben draußen geleuchtet.“

„Es war ein besonderes Licht und so kräftig, dass es bis in den Stall hineindrang.“ „Trotzdem.“ Anna schüttelte den Kopf. Sie redete und redete und überzeugte schließlich die anderen, dass es im Stall dunkel gewesen sein musste. Und dann malten sie sich aus, wie das wäre, wenn sie die Möglichkeit hätten, dem Jesuskind eine Kerze zu bringen.

„Ich könnte da nicht mit“, meinte Gülistan.

„Wieso nicht, ihr glaubt doch auch an Jesus?“, fragte Anna.

„Ja, aber nicht als Sohn Gottes, sondern als Prophet.“

Für Anna stellte dies kein Problem dar. „Ist doch egal. Dann schenkst du eben dem Propheten eine Kerze.“

Das leuchtete Gülistan ein. Für Kinder, die keine Vorurteile hegten , war eben alles einfach, und sie fanden immer einen Weg. 

„Ich habe gehört, dass es vielleicht eine Höhle und kein Stall war“, warf nun Heinzi ein.  „Habe ich auch gehört“, antwortete die kluge Anna, „aber ich glaube es nicht so recht, und wenn es doch stimmt, dann bringen wir die Kerze eben in die Höhle – da muss es ja sowieso noch viel dunkler gewesen sein, durch Stein dringt sicher kein Licht.“ So redeten sie noch eine Weile hin und her und ließen ihrer Fantasie freien Lauf. Und da in der Heiligen Nacht Wunder wahr wurden, geschah es:

Die Kinder gingen zusammen zur Kindermette. Mile, nachdem er den Eltern versprochen hatte, mit ihnen am 6. Jänner in der Landeshauptstadt zur Messe zu gehen. Heinzi, der seinen Eltern beteuern musste, sich nicht allzu viel von den Katholiken anzueignen. Gülistan hatte ihre Eltern lieber erst gar nicht gefragt. In der Manteltasche hatte jeder eine kleine Kerze mit,  die wollten sie dem Jesuskind nach der Messfeier in die Krippe, die in der Kirche aufgestellt war, legen, um zumindest symbolisch ein Licht zu bringen. Natürlich würden sie die Kerzen in der Krippe nicht anzünden, das war zu gefährlich, obwohl Anna trotzdem – nur zur Sicherheit, falls es doch irgendwie möglich sein sollte – Zündhölzer mitgebracht hatte. Doch der große Krippenberg mit Stall, der Heiligen Familie, den Hirten und allem Drum und Dran war hinter einer Absperrung, und sie getrauten sich nicht, drüberzugreifen und die Kerzen dazuzulegen. Und wie sie noch so schauten und überlegten, standen sie plötzlich vor einem ärmlich gekleideten Mann, der etwas gebückt neben einer sitzenden Frau mit einem Baby auf dem Schoß stand. Die Kinder standen mit offenen Mündern da, als sie merkten, wo sie da waren.

„Wie ist das möglich?“, flüsterte Heinzi.

„Ist doch egal, Hauptsache, es ist so“, antwortete Anna, die sich als Erste wieder gefasst hatte.

„Weil wir es fest gewünscht haben“, sagte Mile. Nur Gülistan meinte nichts dazu, sie kam aus dem Staunen nicht heraus. Erst als das Baby die vier Kinder anlächelte und gluckste, da erinnerten sie sich, warum sie hier waren, holten ihre Kerzen aus den Taschen, entfachten sie , weil sie sahen, dass der Boden vor der mit Stroh gefüllten Krippe aus Stein war, und stellten sie vor der Liegestatt des Jesuskindes hin. Als dies geschehen war, fanden sie sich auf einmal in der Kirche wieder. Sie griffen in die Taschen, um sich zu vergewissern, dass dies nicht nur ein Traum gewesen war. Die Kerzen waren nicht mehr da.

„Ich ... ich muss es meinen Eltern erzählen.“ Gülistan hatte ihre Sprache wiedergefunden, „das war wirklich ein Wunder, und ich durfte es auch erleben.“

„Ja, denn es gibt nur einen Gott für uns alle, und vor ihm sind wir alle gleich.“ Wie gesagt, Anna gab sich manchmal etwas altklug. Oder auch etwas mehr.

Überwältigt von ihrem Erlebnis gingen die Kinder schweigend nach Hause. Nur, ob es nun ein Stall oder eine Höhle gewesen war, darauf hatte keiner geachtet.

 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

Antje Steffen
Lara und der Schneemann

Lara schlenderte über den Weihnachtsmarkt. Endlich hatte sie Zeit gefunden, um den geplanten Bummel zu machen. Die letzte Zeit war sehr hektisch gewesen und so konnte sie erst jetzt, ein paar Tage vor Weihnachten, über den Markt gehen.

Lara wollte gern ein paar Geschenke besorgen und hoffte, hier fündig zu werden. Sie genoss die Atmosphäre, die von den Buden ausging. Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehörte für Lara zu Weihnachten.

Langsam ging sie von Stand zu Stand und besah sich die angebotenen Dinge. An einem Stand mit geschnitzten Weihnachtsfiguren blieb sie stehen. Die Elfen, Schneemänner, Weihnachtsmänner und Wichtel waren wunderschön.

Lara wusste nicht, welche der Figuren ihr am besten gefiel. Nachdem sie eine Weile geschaut hatte, nahm sie einen Schneemann zur Hand. Lara betrachtete die Figur genau. Der kleine Kerl hatte ein verschmitztes Grinsen im Gesicht, trug einen blau-weiß geringelten Schal und eine blaue Pudelmütze. Sie schaute nach dem Preis und beschloss, den Schneemann zu kaufen. Lara wollte ihn zu den anderen Schneemännern ihrer Sammlung stellen.

Sie liebte Schneemänner und hatte schon einige Exemplare zuhause. Dieser kleine Kerl würde gut dazu passen. Der Mann hinter dem Tresen lächelte ihr zu.

„Eine gute Wahl! Der Kleine wird Ihnen viel Freude bereiten.“ „Das denke ich auch. Er ist wunderschön!“

Nachdem der Mann die Figur sorgsam verpackt hatte, reichte er sie Lara und diese steckte das Päckchen vorsichtig ein. Sie freute sich darauf, den Schneemann zu seinen Freunden zu stellen.

Lara verabschiedete sich vom Verkäufer und schlenderte weiter über den Markt.

Nach und nach fand sie Geschenke für ihre Lieben. Zum Abschluss gönnte Lara sich einen Punsch und eine Waffel. Zufrieden machte sie sich auf den Weg nach Hause.

Dort angekommen verstaute Lara zuerst die mitgebrachten Geschenke, dann kochte sie sich einen Tee und nahm diesen mit ins Wohnzimmer. Dort gab es eine Ecke, in der sämtliche Weihnachtsschneemänner, die sie ihr Eigen nannte, aufgebaut waren.

Vorsichtig wickelte Lara ihren neuen Schneemann aus. Sie hielt ihn in den Händen und überlegte, an welcher Stelle er am besten stehen könnte.

Bevor Lara sich entschieden hatte, regte sich die Figur in ihren Händen. Lara sah den Schneemann an und schüttelte über sich selbst den Kopf. Jetzt dachte sie schon, der Kleine hätte sich bewegt. Erneut überlegte sie, wohin ihr kleiner Freund passen würde.

Wieder spürte sie etwas in ihrer Hand und als sie diesmal hinsah, winkte ihr der Schneemann zu. Mit großen Augen blickte Lara auf die Figur.

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„Was…?“ - „Keine Angst! Du siehst richtig. Ich heiße Sammy und bin ein ganz besonderer Schneemann. Ich möchte dich einladen, mit mir ins Winterwunderland zu kommen.“

Lara setzte sich. „Aber wie kann das sein? Wieso kannst du mit mir sprechen?“ Sammy lächelte. „Ich kann mit dir reden, weil du noch an Wunder glaubst. Diese Fähigkeit haben die meisten Menschen verloren. Deshalb ist es ihnen nicht möglich, mit uns Schneemännern zu sprechen.“
„Du möchtest, dass ich dich ins Winterwunderland begleite. Wo ist dieses Land und wie soll ich dorthin kommen?“
„Das ist ganz einfach. Du musst nur die Augen schließen und dir wünschen ins Winterwunderland zu reisen.“

Lara lächelte. „Sollte ich mir vorher vielleicht meine warme Jacke anziehen?“ „Das ist eine gute Idee, denn bei uns ist es kalt und du sollst nicht frieren.“

Lara stellte Sammy kurz auf den Tisch, um Jacke, Schal, Mütze und Schuhe anzuziehen. Als sie fertig war, nahm sie den Schneemann erneut in die Hand.

„Ich bin soweit! Es kann losgehen.“ Sammy nickte. „Gut, dann schließe deine Augen und wünsche dich ins Winterwunderland.“

Lara tat wie ihr geheißen. Zuerst passierte nichts, doch dann spürte sie die Kälte.

„Du kannst die Augen aufmachen. Wir sind angekommen.“

Lara öffnete langsam die Augen und konnte kaum glauben, was sie sah. Überall standen wundervoll geschmückte Häuschen und dazwischen wuselten Schneemänner, -frauen und Schneekinder umher.

Lara wandte sich an Sammy. „Es ist wunderschön hier. Ich danke dir dafür, dass du mich hierhergebracht hast.“
„Es freut mich, dass es dir gefällt. Komm ich zeige dir alles.“

Hier im Winterwunderland war Sammy zu einem großen Schneemann herangewachsen. Er reichte Lara die Hand und die beiden machten sich auf den Weg.

Unterwegs wurde Sammy von vielen begrüßt. Auch Lara wurde freundlich empfangen. Einige der Schneemänner warfen ihr bedeutungsvolle Blicke zu
und die Frauen tuschelten.

Lara wunderte sich. Was hatte das zu bedeuten? Sie wollte sich gerade an Sammy wenden, um ihn zu fragen, da traten sie auf den Dorfplatz. In der Mitte des Platzes stand ein wunderschöner, großer Weihnachtsbaum. Staunend betrachte Lara den Baum.

Ohne dass Lara etwas bemerkte, zog Sammy sich zurück und sie blieb allein vor dem Baum stehen.

Nach einer Weile löste Lara ihren Blick vom Baum und sah sich nach Sammy um. Statt Sammy stand ihr auf einmal ein junger Mann gegenüber. Dieser sah sie genauso verwundert an wie sie ihn. Was war hier los?

Der Mann löste sich als Erstes aus seiner Starre. „Hallo, mein Name ist Sven. Ich wusste nicht, dass es hier noch andere Menschen gibt.“

Lara wagte ein Lächeln. „Hallo, ich bin Lara. Von anderen Menschen hat Sammy mir nichts gesagt. Ich dachte, ich wäre die Einzige hier.“

Sven lächelte zurück und Laras Herz machte einen Hüpfer. Sie konnte den Blick nicht von Sven wenden. Seine Augen waren so grün wie die Nadeln des Weihnachtsbaums und er hatte ein fein geschnittenes Gesicht.

Auch Sven fiel es schwer, seinen Blick abzuwenden. Lara hatte leuchtend blaue Augen und schulterlanges, blondes Haar, das in vielen Locken um ihren Kopf lag.

Während Lara darüber nachdachte, wie es wohl wäre, von Sven geküsst zu werden, nahm dieser sie auch schon in den Arm und ihre Lippen berührten sich. Einen Moment war sie überrascht, dann jedoch genoss sie Svens Kuss und seine Arme, die sich um sie gelegt hatten und sie zärtlich hielten.

Als Sven sich von Lara löste erklärte er: „Ich weiß nicht, wie das sein kann, aber ich habe mich verliebt.“

Lara lächelte. „Mir geht es genauso.“

Während sie noch so dastanden und über dieses Wunder nachdachten, füllte sich der Platz mit den Bewohnern des Winterwunderlandes. Sammy trat zu dem Pärchen.

„Ich wusste es! Gleich als du an den Stand gekommen bist, wusste ich, du bist die richtige Frau für Sven.“

Lara sah Sammy an. „Wie kann das sein?“
„Es ist die Magie des Winterwunderlandes. Mein Freund Sleepy hat Sven gefunden und wir wussten sofort, dass wir eine Frau für ihn finden sollten. Als du an den Stand des Schnitzers gekommen bist, war ich sicher, dass du es bist, die wir suchten. Als du mich gekauft hast, war es vollkommen klar. Wie du siehst, hatte ich Recht!“

Neben Sammy war ein weiterer Schneemann aufgetaucht. Auch er strahlte.

„Genau! Ihr zwei seid füreinander bestimmt. Sonst würdet ihr gar nicht hier sein.“

Einen Moment war alles still, dann sagte Sven: „Ich will mich nicht beschweren, aber wie soll es weitergehen? Wir können doch nicht hierbleiben. Wie sollen wir uns in unserer Welt wiederfinden?“

Sammy lachte. „Das ist kein Problem! Du bist noch neu in der Stadt, in der du lebst. Deshalb kennst du kaum Menschen dort. Lara wohnt nur ein paar Straßen von dir entfernt. Wenn ihr nachher nach Hause kommt, braucht ihr nur zum Stand des Holzschnitzers zu gehen. Dort werdet ihr euch treffen.“

Lara lächelte. Es waren heute so viele Wunder geschehen, da wollte sie gern an ein weiteres glauben. Sven erging es ebenso.

Als nun die Schneemänner zum Aufbruch mahnten, küsste er Lara.

„Bis bald, meine Schöne! Wir sehen uns auf dem Weihnachtsmarkt.“

„Ich werde da sein.“

Sie wurden von ihren Schneemännern an die Hand genommen und waren bald darauf zurück in ihren Wohnungen.

Einen Moment zögerte Lara, dann machte sie sich auf den Weg zum Markt. Bald erreichte sie diesen. Sie ging direkt zum Stand des Schnitzers. Als sie Sven dort stehen sah, machte ihr Herz einen freudigen Hüpfer.

Sven hatte Lara ebenfalls entdeckt und ging ihr entgegen. Als sie voreinander standen, strahlten ihre Augen. Sven nahm Lara in den Arm.

„Ich lasse dich nie wieder los! Du bist mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Glücklich schmiegte Lara sich in seine Arme. Sie wusste, hier gehörte sie her.

 

(c) Antje Steffen

Geschichte enthalten in meinem Buch "Zur rechten Zeit - Geschichten so bunt wie das Leben", Papierfresserchens MTM-Verlag, November 2018

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Antje Steffen


Harald Goerke
Der alte hungrige Weihnachtsmann

Von Jahr zu Jahr zur Weihnachtszeit hat der Weihnachtsmann mehr zu tun. Nicht weil es mehr Kinder gibt, die sich etwas wünschen.
Nein. 
Es werden jedes Jahr weniger Kinder geboren.
Aber, die Geschenke werden mehr und mehr und größer und größer. Und oftmals auch teurer.
Das ist dem Weihnachtsmann aber egal. Er muss nur alles rechtzeitig an die Kinder verschenken. Und alle wollen es persönlich von ihm haben.
Um das zu schaffen, helfen ihm immer mehr Engelchen, die all die Geschenke an geheimen Orten der Welt verstecken, sodass er nicht ganz so sehr schleppen muss. Denn schließlich ist er ja nicht mehr der Jüngste.
Seine Arbeitszeit beginnt immer im Advent, damit auch alle Aufträge wie immer erledigt werden können.
An einem schönen, klaren frostigen Dezembertag wanderte er, dick eingemummelt in seinem roten Mantel, der roten Mütze und den schweren warmen Stiefel, schwer bepackt schon am Vormittag los, um alle Kindergärten, Schulen und Vereine rechtzeitig aufsuchen zu können.
Am Rande eines Dorfes wurden seine Beine so schwer, dass er sich auf eine sonnenbeschienene Bank setzte. Er genoss nun die warmen Sonnenstrahlen und sah den Wintervögeln zu, wie sie sich ihr Futter auf dem Feld vor ihm suchten. Ein Eichhörnchen- paar flitzte an seiner Bank vorüber, welches dann unter einem Baum nach versteckten Nüssen scharrte. Er lächelte, wusste er doch, dass Eichhörnchen ein schlechtes Gedächtnis haben.
Seinen schweren Sack hatte er neben der Bank abgestellt. Ihm entströmte ein köstlicher Duft von süßen Printen, Honigkuchen und Pfeffernüssen, der ihn schwach werden ließ und er griff in den Sack. Fröhlich und mit gesundem Appetit verspeiste er ein paar Lebkuchen.

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In diesem Augenblick kam eine Mutter mit ihrem Sohn daher, den sie zur Schule bringen wollte. Das tat sie immer um diese morgendliche Zeit.
„Schau mal da Mammi“, rief dieser aufgeregt, und blieb stehen, „der Weihnachtsmann isst unsere Lebkuchen!“
Die Mutter blieb ebenfalls stehen und trat auf ihn zu und schüttelte den Kopf: „Das ist aber nicht fein von dir, was du da tust, lieber Weihnachtsmann, den Kindern die Lebkuchen wegzufuttern. Und außerdem macht selber essen, dick!“
Und der Junge rief: „Das ist Diebstahl. Die Lebkuchen gehören den Kindern!“
Dem Weihnachtsmann blieb vor Schreck der Bissen im Halse stecken.
„Komm Mama, son bösen Weihnachtsmann, will ich nicht sehen!“
Verschämt senkte der Weihnachtsmann den Kopf und die Mutter mit ihrem Jungen machten sich weiter des Weges.
Plötzlich leuchtete es glitzernd hell um ihn herum auf. Eines seiner helfenden Engelchen in weißem Gewand mit Sternchen versehen, saß neben ihm auf der Bank und legte seinen Arm um ihn und drückte ihn zärtlich an sich.

„Jaja Weihnachtsmann, so sind die Menschen. Seit vielen Jahren kommst du immer pünktlich zu ihnen, um sie zu erfreuen. Das alles nehmen sie als selbstverständlich hin. Aber, wenn der Weihnachtsmann müde und hungrig ist und etwas Lebkuchen
nascht, gönnen sie es ihm nicht. Dabei geht ihnen nichts ab. Du hast davon mehr als genug in deinem Sack. Lass den Kopf nicht hängen!“
Das Engelchen drückte ihn noch einmal zärtlich: „Machs gut lieber Weihnachtsmann.“
Dann erlosch das Leuchten um ihn herum und der Weihnachtsmann war wieder mit sich und seinen schweren Gedanken über die immer hartherziger werdenden Menschen alleine.
Nach einer Weile schob er seine trüben Gedanken beiseite und erhob sich, wischte noch einen letzten Krümel aus seinem weißen Bart, schulterte seinen Sack und stiefelte schweren Herzens in das Dorf vor ihm, um dort seine Gaben zu verteilen. Er wollte die Hoffnung an das Gute im Menschen nicht aufgeben.

 

 

*Geschichte enthalten in dem Buch "60 wunderbarere Geschichten aus 60 wunderbaren Jahren" von Harald Goerke

*Erschienen in der Anthologie 60 wunderbare Geschichten ...

*mit freundlicher Genehmigung von Harald Goerke - zu seiner Amazon-Autorenseite.


Christina Telker
Die Entdeckung

Elke saß auf der Couch, um sie herum lagen einige Backbücher, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Die Adventszeit war wieder einmal, schneller als erwartet, in greifbare Nähe gerückt und es galt ein paar Rezepte für die Weihnachtsbäckerei heraus zu suchen. Als sie noch so in ihre Gedanken versunken war, läutete das Telefon. Heike, ihre Tochter rief an. „Hast du schon angefangen Plätzchen zu backen?“, war ihre erste Frage. „Nein. Ich bin gerade dabei einige Rezepte heraus zu suchen“; gab die Mutter zur Antwort. Jetzt folgte ein heiterer Austausch der unterschiedlichsten Anregungen, bis Elke sagte: „Weißt du noch? Kannst du dich noch erinnern? Sicher warst du damals zu klein. Oma verstand es hervorragen zu backen. Ihre Lebkuchen waren unübertroffen. Ich ärgere mich jedes Jahr aufs Neue, dass ich sie mir nicht habe geben lassen. Erst als ich älter wurde, merkte ich schmerzhaft den Verlust. Ach wenn ich diese Rezepte noch hätte!“ „Ach ja“, begann jetzt auch Heike zu schwärmen, „das wäre tolle. Du weißt, ich werde im nächsten Jahr ein kleines Kaffee eröffnen. Den Raum habe ich jetzt auch schon gefunden. Wenn ich dort zur Weihnachtszeit etwas Besonderes anbieten könnte, dass es nirgends sonst gibt, das würde mir Kundschaft bringen. Aber ich denke, wir haben schon alles durchgesucht, damals als wir gemeinsam den Boden aufräumten.“ „Ja, leider“, bestätigte die Mutter.

Als das Telefonat beendet war, dauerte es noch ein Weilchen bis Elke wieder zu ihrem Vorhaben zurückkehren konnte. Die Erinnerung hatte sie gefangen genommen. Nach einer Tasse Tee, machte sie sich jedoch frohgemut weiter daran, die schönsten Rezepte heraus zu suchen.  Gegen Abend lag dann eine stattliche Anzahl von Rezepten vor ihr, die ausprobieren wollte. Elke musste lächeln, als sie an das eine Rezept dachte, dass in jedem Jahr zur Weihnachtsbäckerei gehörte. Es befand sich in einem Backbuch und nannte sich ‚Teufelsküsse‘, da sehr viel Schokolade dafür benötigt wurde. Da ihre Mutter aber vom Teufel keinen Kuss haben wollte, das Rezept jedoch großartig fand, gab sie dem Rezept einfach einen anderen Namen ‚Schokoknöpfe‘ und schon war es für sie kein Problem mehr sie zu backen. ‚Ach ja, wenn doch nur das Rezept der Großmutter noch da wäre. Ob es heute noch funktionieren würde? Viele Zutaten hatten sich verändert im Laufe der Zeit‘, so gingen Elkes Gedanken.

Als Heike zum Adventskaffee erschien, freute sie sich über die gelungenen Kreationen ihrer Mutter. „Möchtest du nicht zu mir ziehen?“, fragte sie in den letzten Jahren zum wiederholten Male. Immer hatte die Mutter abgelehnt. Es gab immer neue Gründe die sie vorbrachte um nicht ihren Heimatort zu verlassen. „Wenn ich dann im kommenden Jahr mein Kaffee eröffne, könntest du mir eine große Hilfe sein. So würdest du dich schnell einleben. Was meinst du, was wir alles gemeinsam schaffen könnten.“ Mutter und Tochter hatten sich schon immer gut verstanden. Die Idee mit dem Kaffee war verlockend, das musste Elke zugeben und was hielt sie wirklich noch hier, überlegte die Mutter. „Ich werde es mir überlegen. Im Frühjahr komme ich mal vorbei und schau es mir an“, sagte sie nun zu ihrer Tochter. „Mutti! Das wäre großartig!“ Voll Jubel umarmte Heike ihre Mutter. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, die Mutter irgendwann überzeugen zu können. ‚Wie gut war doch die Idee, der Mutter im Kaffee noch einmal eine Aufgabe zu geben‘, dachte die junge Frau jetzt.

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Wie versprochen, kam die Mutter Anfang März um sich die Ideen ihrer Tochter anzusehen. Die Handwerker waren gerade dabei die Räume zu renovieren. Heike legte der Mutter ihre Entwürfe vor, wie sie sich das Kaffee eines Tages vorstellen könnte. Mit einem Simulationsprogramm hatte sie alles selbst entworfen. Nun berieten die beiden Frauen und brachten gemeinsam ihre Ideen ein. Manches wurde verändert, anderes blieb so wie Heike es sich vorstellte. Am nächsten Tag gingen beide gemeinsam zu den Ämtern um die noch erforderlichen Wege zu erledigen. Zurückgekehrt ging Elke schweren Herzens zum Makler um ihr Haus zum Kauf anzubieten. Ein wenig Vorfreude auf das Neue, das nun auf sie wartete war auch dabei, aber der Abschiedsschmerz überwog, immerhin war es ihr Elternhaus von dem sie sich nun verabschiedete. Schnell fand sich ein Käufer, bei dem Elke auch ein gutes Gefühl hatte und ihm gerne ihr Haus überlies. Schon bald begann sie mit dem Packen der Umzugskartons. Nach so einem langen Leben in einem Haus, galt es Wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Nicht alles konnte mitgenommen werden.

Als der Mai Einzug hielt und die Bäume im Garten ihre ersten Blüten zeigten, hielt der Umzugswagen vor dem Haus. Als alles verladen war, gingen Mutter und Tochter noch einmal durch alle Räume um Abschied zu nehmen. Heike strich ab und zu liebevoll mit der Hand über die Wände. Als sie in der Küche angekommen waren, hielt sie plötzlich inne. Noch  einmal berührte sie die gleiche Stelle, diesmal etwas intensiver. „Mutti, schau, hier ist was“, rief sie ihrer Mutter zu. „Was soll da schon sein? Früher hat man nicht so exakt gearbeitet. Wird eine leichte Unebenheit im Mauerwerk sein“, gab sie zur Antwort, kam aber noch einmal zurück um sich die Stelle genauer zu betrachten, sie die Tochter ihr zeigte. Jetzt strich auch sie mit der Hand darüber. Da war etwas, das spürte sie nun auch. Mit einem Messer lösten sie vorsichtig die Tapete und entdeckten eine kleine Tür, nicht größer als ein mittleres Schneidebrett. Mit einem Dietrich öffneten sie das Schloss und standen vor alten Schriften. Unterschiedliche Zettel und Hefte waren hier sorgfältig übereinander gestapelt. Behutsam nahm Elke den Stapel an Schriften aus dem Fach. Ein Jubelschrei entfuhr ihr, als sie die Handschrift ihrer Mutter erkannte. Wenig später wurde beiden Frauen klar, dass waren die gesuchten Rezepte der Großmutter. Elke hielt den Stapel der Schriften an sich gedrückt. ‚Danke Mutter, für diesen letzten Gruß‘, dachte sie bei sich. Als daheim die Möbel wohnlich gestellt und das neue Zimmer eingerichtet war, machten sich die beiden Frauen in aller Ruhe daran die Rezepte zu lesen und zu sortieren. Nichts hielt sie davon ab in den nächsten Wochen, trotz sommerlicher Hitze, Lebkuchen zu backen. Immerhin mussten sie die Rezepte ausprobieren um sie zur Adventszeit ihren Gästen anzubieten. Jedes einzelne Rezept wurde fein sortiert in eine Kartei eingegeben. Als sich die Frauen für die schmackhaftesten zehn Sorgen entschieden hatten, meldeten sie diese zum Patent an.

Als dann im Spätherbst Großmutters Lebkuchen und Weihnachtstorten im Kaffee angeboten wurden, riss der Ansturm der Gäste nicht ab. Schnell hatte sich herum gesprochen, dass es im Kaffee „Großmutters Schatzkästchen“ besondere Naschereien für den Gaumen gab. Als die beiden Frauen am Heiligen Abend zur Christmesse gingen, dankten sie Gott für das Geschenk, das sie im letzten Moment in ihrem alten Haus entdecken durften. Voller Zuversicht blickten sie eine Woche später ins neue Jahr.

© ChTelker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Weihnachtlich geschmückte Futterkrippe im Wald
Bild: Ulli / dreamies.de

Barbara Acksteiner
Damals ...

Es war Weihnachtszeit, ich wollte etwas ausspannen, Skilaufen, lange Spaziergänge machen und gemütliche Stunden am Kamin verbringen. All das versprach ich mir von einem Kurzurlaub, im Waldhaus, in Torfhaus. Den Tag meiner Anreise werde ich nie vergessen.

Draußen lag viel Schnee und es war bitterkalt. Ich hatte mir einen Pferdeschlitten gemietet, der mich dort hinbringen sollte. Über meine Knie wurde ein warmes Lammfell gelegt und los ging es. Unaufhörlich fiel der Schnee in dichten Flocken herab zur Erde. Alles war in eine weiße Pracht gehüllt. Jeder Baum, jeder Strauch war mit einer dicken Schneepracht bedeckt. Die Natur sah wie gemalt aus. Es erinnerte mich an meine Kindheit. In Gedanken hörte ich die Stimme meiner Mutter. Sie las mir oft Wintermärchen vor und ich ertappte mich dabei, dass ich mir in meiner Phantasie die winterliche Landschaft stets so vorgestellt hatte. Ich genoss die weiße, weihnachtliche Idylle des Winterwaldes.

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als eines der Pferde zu wiehern anfing. Der Kutscher schnallte mit der Zunge und ich hörte ihn sagen: „Ruhig, mein Alter, ganz ruhig!“

Die Pferde trabten unermüdlich weiter durch den Wald. Ihre Hufe und die Kufen des Schlittens hinterließen tiefe Spuren im Schnee. Die Zeit verflog. Es wurde dunkel. Der Mond schien durch die Tannen und ich hatte das Gefühl, er lächelte mir zu. Oben am Himmelszelt glitzerten abertausende von Sternchen. Sie sahen wie Diamanten aus und ihr heller Schein führte uns durch die Nacht.

Stunden später war ich in Torfhaus angekommen. Mit knallroten Wangen, durchgefroren, aber glücklich entstieg ich dem Schlitten und verabschiedete mich.

Die Herbergseltern begrüßten mich herzlich. Nachdem ich ausgepackt hatte, ging ich ins Kaminzimmer. Das Feuer im Kamin knisterte und in einer Kiepe lagen Scheite Buchenholz. Der Raum strahlte eine gemütliche Atmosphäre aus. Ich setzte mich an einen Tisch und bestellte mir heißen Tee mit Zitrone, dazu ein Schmalzbrot mit Harzkäse. Meine Wangen fingen an zu glühen und eine wohlige Wärme durchströmte meinen Körper. Langsam kroch Müdigkeit in mir hoch.

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Ich begab mich in mein Zimmer. Etwas später sank ich zufrieden in mein Bett, zog mir die Daunendecke über die Ohren und kuschelte mich ein. Meine Augenlider wurden schwer, fielen zu und ich schlief tief und fest ein.

Der nächste Morgen begann wunderschön. Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte den Himmel und der Schnee funkelte im Sonnenschein. Ich trat ans Fenster. Ein leichter Wind wehte und die Tannenspitzen bewegten sich lautlos hin und her. Ich stand nur da und war fasziniert. Gerade wollte ich den Platz am Fenster verlassen, als ich auf der Lichtung Rehe und einen Hirsch, einen gewaltigen Zwölfender, erblickte. Der Schnee lag hoch und obwohl die schlanken Beinchen im Schnee versanken, kamen sie mit aufmerksam aufgerichteten Ohren langsam näher. Sie waren nicht mehr weit von Waldhaus entfernt, als ich ein Rufen vernahm: “Kommt, kommt her!“

Der Herbergsvater ging behutsam auf das scheue Wild zu. Jetzt sah ich, dass hier Futterkrippen standen und diese für das Rotwild mit leckeren Kastanien gefüllt wurden. Für einen Augenblick sah ich dem friedlichen Treiben noch zu, dann entfernte ich mich lautlos vom Fenster.

Nachdem ich gewaschen, gekämmt und angezogen war, ging ich frühstücken. Der Frühstücksraum war weihnachtlich hergerichtet. Es roch nach Kaffee, frischen Brötchen und Tannengrün. Auf jedem Tisch stad ein Adventsgesteck und die Kerzen waren angezündet,

Nachdem ich gefrühstückt hatte, zog ich meine Winterjacke an, setzte die Mütze auf, schlug mir den selbstgestrickten Schal um den Hals, stopfte die Hände in die Fäustlinge und verließ meine Unterkunft. Ich wollte die nähere Umgebung kennenlernen.

Mein Weg führte mich auf einem kleinen Pfad, der tief in den verschneiten Wald führte. Die Fichten, Tannen und Kiefern trugen eine dicke Schneehaube. In Gedanken versunken stapfte ich durch den Schnee, der laut unter meinen Füßen knirschte. Es war empfindlich frostig, obwohl die Sonne vom Himmel strahlte. Ich hatte ein eisiges Kinn und das Gefühl, als würden an meiner Nasenspitze Eistropfen bammeln. So zog ich mir mit klammen Fingern die Mütze noch tiefer in die Stirn und mit dem Schal vermummte ich mein Kinn, das sich durch die Kälte taub anfühlte. Meine eiskalten Hände verstaute ich samt Fäustlingen in den Jackentaschen und stiefelte weiter.

Am frühen Morgen herrschte reges Treiben im Wald. So kreuzten Rehe, Hirsche, Häschen, Fuchs und ein Waschbär meinen Weg und über mir in den Tannen saßen, sangen oder pfiffen oder flogen Eichelhäher, Kreuzschnabel, Dompfaff und Meisen. An einem Baumstamm hing ein Buntspecht und sein prächtiges Gefieder wirkte in der weißen Landschaft paradiesisch. Die Welt um mich herum schien den Atem anzuhalten, so friedlich war es hier. Keine Autos, kein Lärm, keine Maschinen, nur das Zwitschern der vielen Vögel begleitete mich auf meinem Waldspaziergang.

Damals … an Heiligabend.


*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Acksteiner

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Autorenseite von Barbara Acksteiner

Barbara Pronnet
Der Weihnachtsgewinn

 „Bin gleich wieder da Schatz, ich hol nur schnell die Fernsehzeitung und wünsche den Lehmanns schöne Feiertage“. Ich winkte meinem Mann in der Küche zu, der schon den Lachs für heute  Abend zubereitete. Ich schnappte mir meinen Mantel und die Hundeleine und schnalzte unserer Mischlingshündin Lara zu. Sie lief schwanzwedelnd vor mir ins Treppenhaus und wir verließen gemeinsam das Haus.
Ich liebte diese Stimmung. Es war Heiliger Abend, früher Nachmittag und es war alles erledigt. Wohnung geputzt, der Baum geschmückt. Mein Mann und ich würden mit Lara einen gemütlichen Weihnachtsabend und ruhige Feiertage verbringen. Vielleicht ein paar Freunde treffen, aber sonst hatten wir Urlaub und nichts vor bis Sylvester.
Es hatte etwas geschneit und es lag ein wunderbarer Zauber in der Luft.

Ich wollte noch schnell in das kleine Schreibwarengeschäft gehen und ein wenig mit dem alten Ehepaar Lehmann plaudern. Die beiden standen seit Jahrzenten in ihrem kleinen Laden und waren mittlerweile Treffpunkt für jung und alt in unserem Viertel. Eigentlich eine Rarität heutzutage.

Ich befahl Lara schön brav draußen zu warten und drückte die kleine Ladentüre auf. Mich umfing gleich der bekannte Geruch nach Papier, Süßigkeiten und Zimtaroma.

 „Grüße sie Frau Beck, schön dass sie noch vorbei kommen.“ freute sich Frau Lehmann und strahlte mich an. Sie war eine kleine rundliche Frau mit grauen Haaren, Brille und einem herzlichen Lächeln im faltigen Gesicht. Ihr Mann saß hinter der Theke auf einen Stuhl. Hr. Lehmann war dünn, groß und sein krummer Rücken machte ihm ständig zu schaffen und er wurde immer mehr dement. Eine große Hilfe war er seiner Frau schon lange nicht mehr und er sprach auch kaum mehr ein Wort. Es war einfach nur traurig.
Zwei alte Menschen die schon längst im Ruhestand sein sollten, es sich aber nicht leisten konnten obwohl sie mehr als vierzig Jahre geschuftet hatten, ging mir durch den Kopf. Mein Mann und ich, alle in der Umgebung wussten, dass die beiden von ihrer kleinen Rente nicht leben konnten und deshalb das Geschäft nicht aufgaben. Ich hatte die beiden schon lange in mein Herz geschlossen.
Ich lächelte zurück: „Ich wünsche ihnen beiden wunderbare Weihnachten und hoffentlich geruhsame Feiertage“ sagte ich fröhlich. Frau Lehmann drückte mir schon meine Fernsehzeitung in die Hand. „Das wünschen wir ihnen auch und genießen sie ihre Feiertage, gell Klaus?“ rief die alte Dame ihrem Mann zu. Der nickte und winkte zu mir rüber. Ich zahlte meine Zeitung und da sah ich eine kleine Lostrommel auf dem Tresen stehen. Ein paar Lose waren noch drin. „Ich nehm mir noch eins, vielleicht ist ja noch eine Weihnachtsüberraschung drin.“ Ich zog ein Los raus.“Ich mache es heute unter dem Christbaum auf, dann hab ich noch ein Geschenk auf was ich mich freuen kann“. Ich wollte zahlen, aber Frau Lehmann legte ihre kleine Hand auf meine. „Das ist mein Geschenk für ihre Treue alle die Jahre und viel Glück“. Sie freute sich so, dass ich dankend annahm. Wir umarmten uns noch und ich verließ mit vielen Winken den kleinen Laden.

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Schnell liefen Lara und ich nach Hause und dann wurde es doch noch etwas hektisch mit Kochen, Umziehen und Kerzen anzünden. Nach einem wunderbaren Mahl setzten wir uns zum Christbaum und bescherten uns. Ralf und ich schenkten uns nur Kleinigkeiten und Lara bekam einen herrlichen Beißknochen. Plötzlich fiel mir das Los ein. Ich lief in die Garderobe und zog es aus der Manteltasche.

 Das hat mir Frau Lehmann heute geschenkt. Sie sah so glücklich aus, dass ich nicht nein sagen konnte.“ erzählte ich Ralf. „Dann mach es auf, deine Niete“ lachte er. Ich riss es auf und starrte auf den Beleg.
Ich hatte 5.000 Euro gewonnen. „Das gibt es doch nicht“, sagte ich völlig baff. Mir wurde heiß und kalt und ich fühlte mich plötzlich furchtbar. Ralf und ich waren gesegnet. Wir hatten beide unsere Berufe, immer gespart, eigene Wohnung, was auf der hohen Kante und geerbt. Es ging uns mehr als gut.

„Jetzt hast du ein schlechtes Gewissen weil gerade du so viel Geld gewonnen hast und nicht irgendein armes Geschöpf, stimmt‘s mein Schatz?“ Mein Mann verstand mich natürlich sofort.
„Ja und ich werde den Gewinn auch nicht behalten. Ich weiß auch schon wem ich es gebe“ sagte ich bestimmt. „Dann lass uns doch noch einen kleinen Spaziergang machen?“ grinste mein Mann und ich gab ihm einen dicken Kuss. Wir waren halt doch vom selben Stern.

 Zusammen mit Lara stapften wir durch die stille Winternacht und liefen direkt zum kleinen Schreibladen der Lehmanns. Dahinter wohnte das alte Ehepaar in einer kleinen Einliegerwohnung.  Es brannte Licht. Ich nahm das goldene Kuvert, in welchem das Glückslos lag und legte es auf die Fußmatte und klingelte. Wir rannten Hand in Hand nach Hause, Lara tollte vor uns her und wir freuten uns wie kleine Kinder.

Wir wussten natürlich, dass die Lehmanns das Geschenk bestimmt nicht annehmen würden.

Wir waren vorbereitet. Am nächsten Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages klingelte es bei uns und ich sah im Spion die beiden alten Leute stehen. Ich öffnete und musste einfach lachen. „Bitte kommen sie rein, wir haben sie schon erwartet“ überfiel ich die beiden und ich führte sie ins Wohnzimmer zum gedeckten Tisch. Mein Mann begrüßte sie herzlich und wir setzten uns alle an den Esstisch.
Frau Lehmann hielt zitternd das Glücklos in der Hand.

„Bitte lassen sie mich was sagen“ fing ich gleich an, mein Herz klopfte aufgeregt.“ Sie kommen um das Los zurück zu geben. Sie werden sagen, dass es mein Gewinn ist und es ist ihnen unangenehm und peinlich, aber lassen sie mich ausreden. Wir haben sofort entschieden, dass niemand anderer als sie beide den Gewinn verdient haben, auch wenn sie mir das Los nicht geschenkt hätten, hätte ich mich so entschieden. Wir wissen, dass sie noch nie im Urlaub waren, krank im Laden stehen, täglich Schmerzen haben und auf vieles verzichten. Sie beide haben all die Jahre so viel entbehrt und waren trotzdem tagtäglich freundlich, hilfsbereit und großzügig zu uns allen und es ist uns ein Herzenswunsch ihnen das Los zu überreichen. Bitte nehmen sie es an, machen sie uns bitte die Freude. Es ist doch Weihnachten“.

Frau Lehmann stand auf und kam zu mir. „ Du gutes Kind“, sagte die alte Dame und streichelte mir die Wange. „Was sollen wir sagen, uns fehlen die Worte. Wir können nur danke sagen und werden dieses mehr als großzügige Weihnachtsgeschenk sinnvoll einsetzen, nicht war Klaus? Wir kaufen dir als erstes einen bequemen Fernsehsessel“. Hr. Lehmann nickte eifrig, er hatte sicher nicht alles verstanden aber ihm liefen die Tränen über die eingefallenen Wangen und er sagte plötzlich leise „Danke“.
Ich lief zu ihm und drückte ihn ganz fest an mich.

Wir verbrachten einen wunderbaren Feiertag mit den beiden und ich fühlte eine unendliche Freude in mir, denn jemanden etwas schenken ist das größte Glück besonders zur Weihnachtszeit.

Ich hatte wirklich das große Los gezogen

 

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Gabriele Maricic-Kaiblinger
Besuch

Seine Schritte knirschten im Schnee, als er den einsamen Waldweg entlangging. Der gefrorene Schnee und das kalte Licht des Mondes erhellten seinen Weg. Ab und zu fielen von einem Baum Flocken auf seinen bemützten Kopf oder gar auf seine Nase. Wenn dies passierte, wischte er die Nässe ganz schnell weg, da er ohnehin genug fror. Dann steckte er die Hand rasch wieder in die Jackentasche, denn Handschuhe hatte er keine angezogen. Er hatte ganz vergessen, wie kalt ein Winter in den Bergen sein konnte.

Als er aus dem Wald trat, konnte er schon das Haus sehen, das etwas abseits vom übrigen Dorf lag. Je näher er kam, desto heimeliger wurde ihm zumute. Es sah alles noch so aus wie früher. Na ja, fast. Ein wenig renoviert und modernisiert worden war natürlich. Das Haus wies eine neue Holzverkleidung auf, und der Stall zeigte sich in festem Mauerwerk. Eine alte und eine neue Rodel lehnten neben der Stalltür. Er erkannte die alte, und wieder wurde ihm warm ums Herz. Er war sich sicher, dass dies immer noch der schönste Hof im Ort war.

Das Licht über der Eingangtür leuchtete, ansonsten war jedoch alles dunkel. Obwohl er vermutete, dass niemand zu Hause war, klopfte er. Doch alles blieb ruhig. Er sah auf die Uhr. Weihnachtsmettenzeit. Dort werden sie sein, in der Kirche. Er lächelte. Dann ging er zur Stalltür und freute sich, dass diese unverschlossen war. Er tastete sich ins Innere, fand den Lichtschalter und knipste das Licht an. Sein Blick fiel auf einen alten Melkschemel, und er lächelte. Dass der noch da war, trotz der modernen Melkvorrichtung, beruhigte ihn irgendwie. Trotz Neuem sollte das Alte nicht ganz verloren gehen – das fand er schön.

Er setzte sich neben das Kalb, das nicht weit von der Eingangstür auf Stroh gebettet war. Hier war es wenigstens etwas warm, und er musste nicht mehr so frieren, während er wartete. Wiederum drängte es ihn, zu lächeln. Er fühlte sich plötzlich so heimelig und weihnachtlich. War nicht Jesus in einem Stall zur Welt gekommen? Und nun saß er ebenfalls hier in einem Stall, genau am Weihnachtsabend.

Na, jetzt werde ich aber sentimental. Aber ... was macht das schon ... heute ...

"Können wir nicht hierbleiben und mit den neuen Sachen spielen?", fragte die zehnjährige Marianne die Mutter. Ihr Bruder, der zwölfjährige Christian, der eine solche Frage nie zu stellen gewagt hätte, blickte die Mutter nun ebenfalls erwartungsvoll an.

"Ich hör' wohl nicht recht", antwortete diese. "Am Weihnachtsabend nicht in die Christmette? Tja, wenn ihr am Nachmittag in die Kindermette gegangen wärt', aber wer hat denn gebettelt, erst in die Nachtmette gehen zu dürfen, von wegen schon zu erwachsen für die Babymesse und so ..."

Der Vater nickte bekräftigend zu diesen Worten, also seufzte Marianne resignierend und Christian wandte rasch seinen hoffnungsvollen Blick ab und zog sich seine Stiefel an.

"Ihr wollt' doch sicher dem Jesuskind auch Danke sagen, dafür, dass es euch gut geht und ihr einen Haufen Geschenke bekommen habt. Schließlich ist es der Geburtstag von Jesus, den wir feiern, nicht eurer", belehrte sie nun die Großmutter.

"Wir sind ja dankbar", warf Christian ein.

"Und freuen uns", ergänzte Marianne.

"Na, dann macht nun Jesus ein Geschenk und feiert seine Geburtagsmesse mit. Das ist für ihn so, wie wenn ihr eine Geburtagsparty feiert", erhob nun Großvater sein Wort. Er und Großmutter lebten mit ihrem Sohn und dessen Familie auf diesem Bauernhof, etwas außerhalb vom Dorf, kurz bevor der Wald begann.

"Ah", machte Marianne.

"Geburtstagsparty ...?! So hab' ich das noch gar nicht gesehen. Dann kommt endlich, das dürfen wir doch nicht verpassen", war Christians Kommentar zu Großvaters Erklärung.

Und so machte sich die Familie frohen Mutes auf den fünfzehnminütigen Weg ins Dorf zur Kirche.

Er streichelte das schlafende Kalb neben sich. Er fühlte sich wohl und es war ihm nicht mehr so kalt. Seine Gedanken wanderten zurück. Zurück in seine Kindheit auf diesem Hof.

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Mit drei Schwestern und einem Bruder war er hier aufgewachsen. Er und seine Geschwister hatten schon früh neben der Schule auf dem Hof mithelfen müssen. Doch so weit er sich erinnern konnte, mussten das ebenfalls die meisten anderen Kinder aus seiner Klasse, denn richtig reich war eigentlich keiner gewesen. Doch seiner Familie hatte es an nichts wirklich Wichtigem gefehlt und was es sogar im Überfluss gegeben hatte, war Liebe. Er erinnerte sich jedenfalls nur an eine glückliche Kindheit und Jugend. Trotzdem hatte es ihn fortgezogen, in die weite Welt, weg aus dem engen Bergdorf, ein bisschen Freiheit schnuppern. Da er der Älteste war, hatte ihn sein Vater zwar als seinen Nachfolger angesehen, der später den Hof übernehmen würde, doch so ein Leben hatte er sich überhaupt nicht vorstellen können. Und dann, mit neunzehn Jahren, hatte ihn hier nichts mehr gehalten. Nur einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassend, hatte er sich eines Nachts davongeschlichen, sein eineinhalb Jahre jüngerer Bruder im seinen gegenüberliegenden Bett bereits tief und fest schlief geschlafen.

Tja und nun war er beinahe sechsunddreißig Jahre alt und saß hier im Stall und wartete auf seine Familie. Mit sehr gemischten Gefühlen, denn ... würden sie ihn jetzt noch sehen wollen? Waren sie nicht schon an ein Leben ohne ihn gewöhnt? Lebten seine Eltern überhaupt noch?

Solche und ähnliche Gedanken quälten ihn, bis ihn die Müdigkeit übermannte und er einnickte. 

Marianne lief auf dem Heimweg immer ein Stück voraus. Als sie in die Nähe des Hofes kam, blieb sie plötzlich stehen, drehte sich um und rief aufgeregt:

„Da ist Licht! Im Stall brennt Licht!“

„Wird dein Vater wahrscheinlich vergessen haben, auszuschalten“, war Großvaters Meinung.

„Auf keinen Fall. Ich hab's ganz bestimmt ausgeschaltet.“

„Vielleicht beschert das Christkind auch den Kühen“, bemerkte Christian.   

„Blödmann“, war Mariannes Antwort.

„War 'n Scherz“, verteidigte sich Christian.

„Eigenartig“, murmelte der Vater vor sich hin, als er zum Stall ging und die Tür öffnete. Seine Hand wollte bereits zum Lichtschalter greifen, als er ein Geräusch hörte und den Kopf wendete. Er sah einen Mann, der sich eben vom Melkschemel erhob und ihn anstarrte.

„Wer sind Sie?! Was tun … Oh Gott! Das kann doch nicht wahr sein … Martin?!“

Innerhalb einer halben Minute spiegelten sich in seinem Gesicht anfängliche Empörung, Unsicherheit, Erkennen bis hin zu Freude und sentimentaler Gefühlsregung wider.

„Bernhard“, stellte dieser fest – trocken, da es ihm schwerfiel, mehr zu sagen.

Und dann lagen sich die beiden Brüder in den Armen.

„Komm, komm mit rein. Na, die werden vielleicht Augen machen“, sagte Bernhard, als er sich aus der Umarmung löste.

Als sie das Haus betraten, rief der Großvater aus der Küche: „Und? Doch vergessen, abzuschalten – oder ist was Besonderes los?“

Er hatte kaum den Satz beendet, als plötzlich die Großmutter, die eben vom oberen Stockwerk in den Vorraum herunterkam, schrill ausstieß: „Nein!“

Die restlichen Familienmitglieder stürmten nun ebenfalls in den Hausgang und sahen die Großmutter in den Armen eines Mannes liegen, während der Vater daneben stand, breit grinste und sagte: „Was   g a n z   Besonderes ist los. Besuch ist da.“

„Mein Gott … bald siebzehn Jahre … Bub …“, stammelte Großvater und Tränen schimmerten in seinen Augen. Und die Großmutter schluchzte sowieso ununterbrochen und wollte Martin überhaupt nicht mehr loslassen. Nur die Kinder standen da und wussten überhaupt nicht, was los war.

„Kommt, kommt doch in die Stube“, meinte nun die Mutter, die begriffen hatte, wer da gekommen war, obwohl sie Martin nur aus Erzählungen kannte.

„Ja, komm“, brachte die Großmutter mühsam über die Lippen, „du musst ja Hunger haben.“

Sie begaben sich alle in die Stube, wo der geschmückte Weihnachtsbaum stand.

Während Martin aß, wurde er mit Fragen überhäuft.

„Wo warst du so lange?“ „Wo kommst du jetzt her?“ „Was hast du all die Jahre gemacht?“ „Warum hast du dich nicht gemeldet?“ „Warum bist du nicht früher gekommen?“

„Ja lieber, neuer Onkel, weißt du denn nicht, dass es Post, Telefon, Handy und Internet gibt?“, fragte da schließlich Marianne ganz frech.

„Oder hast du im Urwald gelebt?“, wagte Christian, nicht minder frech, zu fragen.

„Kinder!“, rief die Mutter.

„Ach lass sie nur. Im Grunde haben sie ja recht. Ich hätte mal was von mir hören lassen können. Aber … na ja … ich genierte mich eben ...“

Bei Kaffee und Weihnachtskeksen - die Kinder waren mittlerweile ins Bett geschickt worden, da es bereits ein Uhr nachts vorbei war, nicht jedoch ohne das Versprechen, ihnen morgen alles zu wiederholen, was der Onkel gesagt hatte - erzählte Martin seine Geschichte. Wie er voller Abenteuerlust und Fernweh von zu Hause weg ging. Wie er sich die ersten Jahre in Australien als Schafscherer verdingte und sich oft allein fühlte in diesem weiten, endlos weitem und einsamen Land, wie ihm damals schien.

„Die Schafscherer waren harte Burschen und hatten meistens nur derbe Sprüche oder Schweigen als irgendein gutes Wort oder Mitleid übrig ...“

Wie er schließlich nach Sidney ging, da er sich in der Stadt größere Chancen erhoffte, es zu etwas zu bringen. „Erst habe ich als Hilfskraft an einer Tankstelle gearbeitet, dann als Laufbursche und sozusagen 'Mädchen für alles' in einem Kaufhaus. Dazwischen war ich auch mal arbeitslos und ziemlich unten, aber davon will ich lieber nicht sprechen. Dann fand ich eine Stelle in einem Elektroladen. Und diese Arbeit machte mir zum ersten Mal richtig Spaß. Du weißt ja, Vater, ich hab' zwar auf deinen Wunsch hin die landwirtschaftliche Schule besucht, aber viel mehr habe ich mich fürs Kaufmännische interessiert. Letztes Jahr ging der Besitzer, der übrigens mein bester Freund geworden ist, in Pension und verkaufte mir den Laden. Natürlich brauchte ich dafür einen Kredit, aber das Geschäft läuft gut und in diesem Jahr habe ich schon einen großen Teil wieder zurückbezahlt und außer einem Mitarbeiter noch einen Lehrling eingestellt. Tja und nun, da es mir recht gut geht, habe ich mich wieder getraut, nach Hause zu kommen.“

„Aber Bub … du … du hättest doch jederzeit ...“, sagte sein Vater und musste dabei ein paar Mal kräftig schlucken.

„Ich weiß, aber ich wollte nicht … nicht als Versager ...“

„Wir lieben dich doch, unser Kind … du bist doch nie und nimmer ein Versager … hätten gern mal von dir gehört … irgendein Lebenszeichen … haben uns doch Sorgen gemacht ...“ Die Tränen seiner Mutter waren noch nicht versiegt.

„Ich weiß doch Mama, hab' oft daran gedacht, aber … versteht bitte … ich konnt' es einfach nicht.“

„Ich versteh' dich“, sagte da sein Bruder und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Danke“, antwortete Martin, „aber … da ist noch was ...“

Alle sahen ihn erwartungsvoll an.

„Ich … ich bin nicht allein gekommen ...“

„Was?!“, rief seine Mutter aus, in deren Kopf bereits bestimmte Gedanken heranreiften.

„Ich … ich bin verheiratet … habe eine Tochter und … und in sechs Monaten erwarten wir unser zweites Kind.“

„Wo sind sie?“

„In einem Gasthof im Nachbardorf.“

„Sag, bist du verrückt?!“, rief seine Mutter resolut, von Tränen keine Spur mehr. „Nicht genug, dass du so lange weg warst und mir ein Enkelkind vorenthalten hast – jetzt quartierst du deine Familie auch noch im Nachbardorf ein … was soll das?!“

„Na ja … ich wusste ja nicht, wie ihr mich aufnehmt ...“

„Wusstest du nicht, hat?! Wusstest nicht, dass deine Eltern dich lieben, auch wenn wir mal gestritten haben wegen deiner jugendlichen Flausen. Hol sie sofort her!“

„Aber Mama ...“

„Kein aber Mama ...“

„Es ist zwei Uhr morgens ...“

„Er hat recht“, wandte jetzt sein Vater ein, „aber morgen früh – das heißt, eigentlich ja heute früh – nach dem Frühstück holen wir sie sofort.“

„Aber schon ganz früh“, warf die Mutter noch ein, dann kullerten ihre Tränen abermals. „Das wird ein Weihnachtstag“, murmelte sie nur noch, bevor sie zu Bett ging.

 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

Christina Telker
Der unscheinbare Engel

Die dunklen Fenster des Ortes begannen sich zu schmücken. Ja, fast konkurrierten sie untereinander, welches von ihnen wohl das Schönste sei. Grund dafür war die bevorstehende Adventszeit. Lichterbögen Fensterbilder, kunstvoll von Meisterhand geschnitzt, sahen fast majestätisch auf die vor sich hin flimmernden Plastiksterne hinunter. Keiner konnte es mit ihrer Schönheit  aufnehmen, meinten sie. Eins hatte jedoch alle gemeinsam, sie strahlten ihr Licht in die Dunkelheit hinaus. Bis auf eine Ausnahme und das war ein Engel, der Jahr für Jahr seinen Dienst auf dem Balkon einer Mietwohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses versah. Ursus, der schneeweiß gekleidete Engel mit einem langen Gewand, maß etwas vierzig Zentimeter und war damit schon ein rechtes Prachtexemplar seiner Gattung, unter den allbekannten Weihnachtsengeln. Dora, eine alte Dame, hatte ihn bereits von ihrer Großmutter übernommen. Sie war sozusagen mit ihm alt geworden, mit dem kleinen Unterschied, dass Engel nie altern im Gegensatz zu uns Menschen. Ursu wurde von keinem Licht angestrahlt, er stand ganz schlicht und einfach da und sah auf die Stadt hinunter, mit ihrem pulsierenden Leben. Viel hatte er schon gesehen und erlebt, in seinem langen Erdendasein. Die Zeit der Postkutschen, die Zeit als die Menschen begannen sich mit eigener Kraft auf Zweirädern fortzubewegen, dann kam die Zeit der Automobile. Ursus hatte all miterlebt, denn er wurde von Generation zu Generation weiter vererbt.

Manch einer sah ihn, wenn er am Haus vorüberging und freute sich über ihn. Vor allem Kinder, sie waren zu jeder Zeit von ihm angetan. Was aber keiner ahnte, Ursus besaß die Gabe, in das Leben der Vorübergehenden einzugreifen, wenn er es für nötig hielt. So hatte er schon manchem Kind beigestanden. Hierzu verließ er seinen Platz auf dem Balkon und schwebte wie eine kleine Schneewolke, die kein Mensch so recht wahrnahm hinunter zum Geschehen. Er half Kindern, die sich einsam fühlten, um ihnen Mut zu machen. Er sandte einen Strahl der Hoffnung in Herzen von Menschen die verzweifelt waren. Ursus hatte ein besonderes Gespür dafür wo Hilfe gebraucht wurde.

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Eines Tages, es war Mitte Januar und die Weihnachtszeit wieder einmal vorüber, holte Dora ihren Engel vom Balkon und verpackte ihn wie gewohnt in seine Schachtel in der er den Sommer verbrachte. „In diesem Jahr müssen wir umziehen“, sagte sie, als sie den Engel behutsam in Seidenpapier einschlug, damit er keinen Schaden nähme. ‚Ich darf zwar nur das Wichtigste mit ins Altenheim bringen‘, dachte sie bei sich, ‚den Engel werde ich auf alle Fälle mitnehmen. Er ist für mich das Wichtigste.‘ Von dem Umzug bekam Ursus nichts mit, er verschlief ihn sozusagen in seinem ‚Sommerquartier‘. Als Dora ihn vor Beginn der Adventszeit aus dem Schlaf erwachte, war er schon enttäuscht, nicht mehr die lebhafte Straße mit all den Vorübereilenden unter sich zu haben. Auf einem schmalen Fensterbrett war nun sein Standort. Nach ein paar Tagen, hatte sich Ursus jedoch an seine neue Umgebung gewöhnt. Jeder der Vorüberkam sah ihn bewundernd an. Einen Engel in der Weihnachtszeit hatte es hier noch nie gegeben. Auch seine Fähigkeit, in die Seelen der Menschen zu schauen, hatte sich Ursus erhalten. Wieder griff er, wie gewohnt helfend ein. Schon bald wunderte man sich über die positive Stimmung im Heim, die in diesem Jahr viel angenehmer war als zuvor. Auch als Dora eines Tages die Augen schloss und von einem himmlischen Boten in ein anderes Reich geholt wurde, stand Ursus nach wie vor  im Altenheim zur Weihnachtszeit auf einem Fensterbrett. Die Schwestern hatten sich seiner angenommen zur Freude aller Bewohner.

© Christina Telker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Harald Goerke
Frieda und ihr schönstes Weihnachtsgeschenk

Rums. Krach. Stille.
Frieda, 9 Jahre, erwachte in völliger Dunkelheit. Sie hörte Geräusche und dumpfe Stimmen. Sie lag im Kellerdurchbruch von einem Haus zum anderen auf einem Feldbett.
Sie hatte geschlafen und war erwacht. Sie sah nicht die Hand vor Augen. Sie rief: „Mama!“ Es gab keine Antwort.
Ihre Stimme klang dumpf. Das kam ihr ganz komisch vor. Wie von Ferne hörte sie dumpfe Stimmen, die irgendetwas riefen. Sie konnte es nicht verstehen. Es rumpelte weit weg.
Etwas später wusste sie, dass es Steine waren, die da klapperten. Dann mit einem Male sah sie einen kleinen Lichtschimmer, der immer größer wurde. Sie hörte ihren Namen rufen.
„Mama!“, rief sie als Antwort. Momente später war das Loch so groß, dass sie aufgefordert wurde hindurch zu kriechen. 
Friedas Mutter nahm sie glücklich und unverletzt in die Arme.
Was war geschehen?
Eine Fliegerbombe hatte das Haus getroffen, sodass der Kellerdurchgang zugeschüttet war und nur ein kleiner Hohlraum übrig blieb, in dem Frieda schlief.
Im Nachbarhaus, welches nichts abbekommen hatte, wohnte Frieda mit ihrer Mutter auf zwei kleinen, zugigen Zimmer mit wenigen Möbeln.
Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt.

Frieda hatte den Schock gut verkraftet und freute sich auf das kommende Weihnachtsfest. 
Trotz Lebensmittelknappheit 1944 schafften es die Nachbarn, Mehl, Zucker und etwas Butter aufzutreiben, um zusammen Weihnachtsplätzchen zu backen. Überall roch es wunderbar.
Sie konnte sich nicht erinnern, dass es mal so schön gerochen hatte.

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Der Krieg kam immer näher und den Kindern wurde von der Polizei untersagt, die Schulen zu besuchen, da es zu gefährlich war und die alten Lehrer, die nicht als Soldaten
eingezogen worden waren, mit den Kindern nicht rechtzeitig Bunker oder Keller aufsuchen konnten.
Dann kam der Heilige Abend.
Gemeinsam mit der Mama besuchte Frieda den Kindergottesdienst in der nahe gelegenen kleinen, halb zerstörten, Kirche.
Frieda durfte den Altarraum betreten und das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singen, welches sie mit der Gemeindeschwester vorher eingeübt hatte.
Was in einer Kirche selten vorkam, die anwesenden Kinder und Erwachsenen klatschen Beifall.
Frieda erfreute das mit großem Stolz. Singen war ihre Leidenschaft. Für ein paar Stunden vergaßen alle den herrschenden Krieg, waren froh gelaunt und wünschten sich Frohe Weihnachten.
Zuhause angekommen empfing Frieda ein gedeckter Gabentisch. Es waren die schönsten Geschenke, die sie in ihrem Leben bekommen hatte. Sie fiel ihrer Mama um den
Hals und dankte ihr mit Freudentränen, die ihr an den Wangen herunterliefen.
Was war da alles zu sehen und sollte ihr gehören:
Ein bunter Teller mit ein paar Weihnachtsplätzchen, einen Kamm, ein Stück Seife und eine Zahnbürste.

© Harald Goerke

*Erschienen in der Anthologie 60 wunderbare Geschichten ...

*Erschienen in der Anthologie 60 wunderbare Geschichten ...

*mit freundlicher Genehmigung von Harald Goerke - zu seiner Amazon-Autorenseite.


Gabriele Maricic-Kaiblinger
Das Kind in der Krippe

„Ich will es nicht! Ich lass es wegmachen", kreischte Karin ihre Eltern an.

Weiß der Teufel, woher die wussten, dass sie schwanger war. Sie selbst wusste es ja erst seit einer Woche sicher.

Nachdem sie den ersten Schock überwunden gehabt hatte, hatte sie es Ernst, ihrem Mann, erzählt und dieser überrascht reagiert. Weder positiv, noch negativ, sondern einfach nur überrascht. Sie waren erst fünf Monate verheiratet und beide noch jung mit ihren ein- und dreiundzwanzig Jahren. Beider Eltern hatten von so einer jungen Ehe abgeraten, aber sie hatten sich durchgesetzt. Kinder waren noch kein Thema für sie gewesen. Ernst arbeitete als Elektroverkäufer und hatte die Chance, in zwei Jahren zum Filialleiter aufzusteigen. Karin war Friseurin und wollte im nächsten Jahr die Meisterprüfung ablegen. Sie hatten eine kleine Wohnung gemietet, gingen oft mit Freunden aus und freuten sich schon auf die vielen Reisen, die sie geplant hatten. An eigene Kinder wollten sie, wenn überhaupt, frühestens in sechs Jahren denken. Und nun das!

Wenn ich den erwische, der die Pille erfunden hat, wenn sie doch nichts nützt, hatte Karin voll Zorn gedacht, als sie vom Arzt nach Hause gegangen war.

Den Eltern hatten sie es eigentlich nicht erzählen wollen, denn deren Einstellung kannten sie. Abtreibung war da zutiefst verpönt.

„Du tötest Leben“, sagte Karins Mutter noch verhältnismäßig ruhig.

„Das ist noch kein Leben!“, schrie Karin.

„Ab dem Zeitpunkt der Befruchtung ist es Leben. Nach ein paar Wochen schlägt bereits ein Herz.“ Ihre Mutter versuchte sachlich zu bleiben.

„Es ist   m e i n   Bauch!“

„Daran hättest du früher denken müssen.“

Es war sinnlos, mit ihrer Mutter zu diskutieren. Sie hatte ihre feste Überzeugung und Karin ebenso. Karins Vater sagte nichts. Er blickte sie nur mit traurigen Augen an, was Karin jedoch näherging, als wenn er getobt hätte. Ernst war ihr gleichfalls keine Hilfe, obwohl der doch einer Abtreibung zugestimmt hatte, als sie allein darüber gesprochen hatten.

Als sie nach Hause fuhren, meinte Ernst plötzlich: „Was meinst du, ob wir das Baby nicht doch bekommen sollten?“

Karin starrte ihn entgeistert an. „Sag mal, spinnst du? Du hast doch selbst gesagt … wir waren uns doch einig!?“

„Ich meine ja nur. Ob jetzt oder später ...“

„Was?! Meine Eltern haben dir wohl das Gehirn vernebelt. Was wird aus unseren Reisen?“

„Verschieben wir.“

Karin sagte nichts mehr. Sie war zu empört, um noch mal was zu sagen.

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Am nächsten Tag ging sie zum Arzt und ließ sich einen Termin zur Abtreibung geben. Schweigend legte sie am Abend den Terminzettel auf Ernsts Teller. „21. Dezember“ stand darauf. Ernst schwieg ebenfalls, als er es gelesen hatte. Er legte den Zettel nur beiseite und aß dann. Sie sah ihn erwartungsvoll an, aber er blickte nur einmal vom Essen auf, sein Blick verweilte kurz nachdenklich auf ihrem Gesicht und – das war's dann schon. Noch vier Wochen bis zum Termin. Noch ein paar Wochen Bedenkzeit, hatte der Arzt gesagt. Aber für Karin gab es nichts mehr zu bedenken.

Der Alltag verlief wieder wie gewohnt. Beruflich wie privat. Ernst sprach nicht über die Abtreibung, und so schnitt ebenso Karin das Thema nicht an.

Am dritten Adventsonntag besuchten Karin und Ernst die Hl. Messe. Nach der Messe, als alle Leute gegangen waren, zündeten sie noch eine Kerze an. Dazu mussten sie bis nach vorne gehen, und da bemerkten sie, dass in der großen Krippe bereits das Jesuskind lag.

„Merkwürdig“, sagte Karin zu Ernst, „das wird doch normalerweise erst an Hl. Abend reingelegt.“

Ernst zuckte nur die Schulter. „Werden schon einen Grund haben.“

Karins Blick blieb eine Weile auf dem Kind haften, unwillkürlich strich sie sich über ihren Bauch. Und das Antlitz des Kindes in der Krippe schien ihr plötzlich so lebendig, dass sie tief im Inneren davon berührt wurde.

Auch am nächsten Tag ging ihr dieser Ausdruck nicht aus dem Sinn, und sie machte sich Gedanken, was ihr Baby wohl für Gesichtszüge haben würde. Über diese Gedanken erschrak sie selbst.

Werd' ich jetzt verrückt? Bin froh, wenn ich die Abtreibung endlich hinter mir habe.

Eine Woche später gingen sie wieder zur Messe. Schulkinder führten ein Weihnachtsspiel auf.

„Ach deshalb lag das Kind wohl schon früher in der Krippe, die mussten ja proben“, flüsterte Karin Ernst zu. Dieser nickte.

Sie hatten die Kirche bereits verlassen, als Karin auf einmal sagte: „Komm, lass uns nochmal reingehen.“

„Warum?“

„So halt.“

Er tat ihr den Gefallen.

Auf einmal ging Karin ganz schnell, als würde sie gezogen. Vor der Krippe blieb sie stehen. Noch ausdrucksvoller fand sie heute die Gesichtszüge des Kindes. Ganz ernst kam es ihr vor, doch plötzlich schien es zu lächeln, ja gar zu strahlen.

Was ist das nur? Warum berührt mich das so tief?

Erst als Ernst sie am Arm zupfte, wandte sie ihren Blick ab.

„Willst du hier übernachten?“, fragte er.

Sie gab keine Antwort.

„Hast du Angst?“, fragte Ernst am Tag vor dem Abtreibungstermin.

Karin schüttelte verneinend den Kopf.

„Ich komme mit, wenn du möchtest.“

„Nein! Auf keinen Fall!“

Am nächsten Tag, als Ernst von der Arbeit heimkam, rief Karin ihm gleich entgegen: „Musste verschoben werden, der Termin.“ Sie versuchte, das Leuchten in ihren Augen zu verbergen.

„Ach ...“, entfuhr es Ernst, und Karin konnte nicht deuten, ob es ein erfreutes oder ein enttäuschtes „Ach“ war.

Den Heiligen Abend wollten Karin und Ernst alleine verbringen. Die Verwandtschaftsbesuche sollten am 25. drankommen. Karin hatte einen kleinen Baum geschmückt. Sie sangen sogar ein paar Weihnachtslieder. Beim Essen schob Karin Ernst ein Kuvert, umwickelt mit roten Schleifen, hin.

„Was … wir wollten uns doch nichts schenken ...“

„Das wird dir bestimmt gefallen.“

Ernst öffnete das Kuvert und zog einen Zettel heraus. Es war der Zettel, auf dem „21. Dezember“ stand. Aber nun war das Datum dick und rot durchgestrichen. Ernst sah Karin fragend an.

„Nicht verschoben. Abgesagt“, sagte sie und diesmal verbarg sie das Leuchten in ihren Augen nicht mehr.

 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

Christina Telker
Ein Haar vom Christkind

Leise fiel der Schnee vom Himmel. Vom Vollmond begleitet, schritt das Christkind, in der vor Frost klirrenden Nacht behutsam durch den Wald, einen schweren, voll beladenen Schlitten hinter sich her ziehend. Behutsam streifte es die Zweige der Tannen beiseite, möglichst keine Unruhe zu verursachen, um die Tiere des Waldes nicht zu erschrecken. Bei der alten, dicken Kiefer in mitten der Schonung angekommen, lud es die mitgebrachten Gaben vom Schlitten und legte sie appetitlich angeordnet, um den Stamm des Baumes aus. ‚Auch meine geliebten Tiere brauchen ein Christfest‘, dachte es bei sich. ‚Sie haben es schwer genug in  diesem kalten Winter. ‘ Als der Schlitten gänzlich geleert war, betrachtete das Christkind mit einem Lächeln sein Werk. ‚So jetzt könnt ihr kommen. Ich wünsche euch ein gesegnetes Christfest‘, dachte es und zog sich mit seinem Schlitten in die Schonung zurück. Von hieraus beobachtete es das Ganze noch eine Weile. Erfreute sich daran, als es sah, daß der erste Hase vorsichtig heran hoppelte und begann, die Möhre mit Genuß zu verspeisen. Als das Christkind sah, dass sich der ‚Gabenbaum‘ wohl nach und nach im Wald herumgesprochen hatte, zog es sich endgültig in die Schonung zurück.

Eng war der Weg zwischen den schwer mit Schnee beladen Tannen zurück. So geschah es wohl, dass das eine oder andere goldene Haar des Christkinds in den Zweigen hängen blieb. Bei Morgengrauen erschien der Förster, um ebenfalls seinen Tieren den Tisch zu decken, so sah er, dass bereits ein anderer vor ihm im Walde gewesen war. Nur wenige Reste erinnerten unter der alten Kiefer an das Festmahl. ‚Wer kann das nur gewesen sein‘, überlegte der Förster. Meinte er doch diesen Platz, unter der alten Kiefer, nur alleine zu kennen. Als er sich so umblickte und nach Spuren des nächtlichen Spenders suchte, entdeckte er plötzlich in manchen Zweigen der Tannen ein feines, zartes Glimmern.

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Im ersten Moment hielt er es für die Strahlen, der gerade aufgehenden, Sonne. Beim Nähertreten erkannte er jedoch schnell, dass dies ein Irrtum war. Behutsam nahm er einen dieser goldenen Fäden in die Hand, um ihn zu betrachten. ‚Das Christkind war hier‘, kam ihm plötzlich die Erkenntnis. Mit viel Vorsicht sammelte er die wenigen Haare des Christkinds von den Tannen der Schonung und nahm sie mit heim.

Als er am nächsten Morgen den Christbaum für seine kleine Tochter schmückte, hing er diese goldenen Haare in die Tanne. Welch ein Jauchzen erfüllte am Abend das Weihnachtszimmer als das kleine Mädchen die goldenen Fäden im Christbaum entdeckte. Auch die Frau des Försters war begeistert von diesem besonderen Schmuck ihres Baumes und so machte sie sich ihre eigenen Gedanken. Als im nächsten Jahr wieder der Baum geschmückt wurde, erbat sie sich einen Moment allein im Weihnachtszimmer zu sein, von ihrem Mann. Dieser wunderte sich zwar, aber ließ es mit einem Schmunzeln geschehen. Als sich am Abend zur Bescherung die Tür zum Weihnachtszimmer öffnete, glitzerte der Christbaum wie im Märchen. Jedes Stück Glanzpapier hatte die Mutter das Jahr über aufgehoben und in feinste Streifen geschnitten. Hiermit hatte sie nun den Baum geschmückt. Wie staunten an den Weihnachtsfeiertagen die Gäste, die bei der Försterfamilie einkehrten. Solch einen Baum wollten auch sie gerne haben. So hielt nach und nach das Lametta Einzug in die Weihnachtszimmer. Auch heute erfreuen wir uns noch daran.

© Christina Telker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Gabriele Maricic-Kaiblinger
Es begann in der Silvesternacht

Verflixt! Fast 22 Uhr ...

Monika schlüpfte rasch in ihre Schuhe, die sie sich extra zu der schwarzen Jeans gekauft hatte, zog die dicke Jacke über den schwarz und silbern glitzernden Pullover, schnappte ihre Handtasche und verließ die Wohnung.

Was für ein Tag! Heute war wirklich alles schief gelaufen. Am Morgen hatte sie verschlafen, aus der Dusche war nur kaltes Wasser gekommen, dann war sie vor lauter Eile in die falsche U-Bahn eingestiegen – was ihr in den zwölf Jahren, die sie in Wien lebte, noch nie passiert war. Natürlich war sie nicht pünktlich im Büro erschienen, und natürlich war der Chef heute ausnahmsweise pünktlich gewesen, und so hatte sie seine Version von Pünktlichkeit über sich ergehen lassen müssen. Ähnliche Missgeschicke waren gleichfalls noch am Nachmittag passiert – sie wollte sich lieber nicht mehr daran erinnern.

Die Silvesterparty fand nur zwei Straßen von Monikas Wohnung entfernt, in ihrem Stammlokal statt. Sie hastete die fünf Stufen zum Eingang hinauf und knallte, als sie schon die Hand zum Türknauf ausstrecken wolle, mit einem Mann zusammen, der eben die Stufen hinunterzuhasten im Begriff war.

„Au“, kam es aus beider Munde. Monika kniete auf einem Bein und hielt sich ihren Fuß. Sie hatte sich an der Kante einer Stufe gestoßen. Langsam nahm sie die Hand wieder weg.

„Tut mir leid“, sagte der Mann.

Ein Loch! Auch das noch! Nur ein Stückchen Strumpfhose, natürlich ebenfalls in schwarz, war zwischen Hosenende und Schuhe zu sehen und ausgerechnet hier war nun ein kleines Loch, von dem eine kurze Laufmasche wegging.

„Sch...“, rief sie aus.

„Manfred“, sagte der Mann.

Monika blickte verdutzt auf und registrierte erst jetzt, dass die Ursache ihres Übels noch dastand und starrte diese – ihn - an. Sonst nicht auf den Mund gefallen, wusste sie in diesem Moment nicht, was sie sagen sollte. Sie stand auf.

So ein Blödmann, dachte sie in ihrer Wut und ließ ihn einfach stehen.

Der Saal war bereits voll und die Stimmung ausgelassen. Sie sah sich um – mit dem Gefühl, dass jeder auf ihr Loch in der Strumpfhose starrte – bis sie die winkende Arbeitskollegin entdeckte.

„Na endlich.“ Mit diesen Worten empfing diese sie, als Monika sich bis zum Tisch durchgerungen hatte.

„Fragt nicht“, entgegnete sie, um gleich weiteren dummen Bemerkungen ihrer Kollegen vorzubeugen.

„Stoßen wir an“, sagte einer der Kollegen und erzählte ein paar anzügliche Witze, was die Situation wieder entspannte und auch Monika zum Lachen brachte.

„Du, der starrt dich schon die ganze Zeit an“, bemerkte später plötzlich eine Kollegin.

„Wer?“, fragte Moni.

„Na, der Typ da drüben an der Bar.

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Monika drehte sich langsam um, blickte kurz Richtung Bar, konnte jedoch keinen Typen erkennen, der sie anstarrte. „Das bildest du dir bloß ein.“

„Glaub ich nicht“, antwortete die Kollegin und grinste.

„Tanzen wir?“, hörte Monika da schon neben sich.

Tanzen? Ich und tanzen? Nun gut, er kann ja nicht wissen, dass ich nie tanze.

„Ja gern“, antwortete sie, erhob sich und folgte ihm zur Tanzfläche.

Was tue ich da? Ob es seine Augen waren, die so strahlten, oder sein charmantes Lächeln? Blödsinn! Charmant, so ein altmodisches Wort ... was ist nur los mit mir?

Auf einmal wurde sie sich wieder des Lochs in der Strumpfhose bewusst und hoffte, dass sie ihm nicht auf die Füße stieg, damit er keinen Grund hatte, runterzuschauen.

Acht Lieder hindurch tanzten sie. Er sprach über dies und das, sie hörte ihm – ganz entgegen ihrer sprechbegeisterten Art - einfach nur zu und war fasziniert. So fasziniert, dass sie nicht mehr ununterbrochen ihr Loch in der Strumpfhose wahrnahm. Warum sie so von ihm fasziniert war, wusste sie nicht. Sie wusste ebenfalls nicht, warum sie keine Schwierigkeiten beim Tanzen hatte, obwohl, seit sie das erste und letzte Mal getanzt hatte, fünfzehn Jahre vergangen waren.

Und als sie so tanzten, kam ihr mit einem Mal der vergangene Sommerurlaub in den Sinn. Bei ihrer Schwester in Tirol war sie gewesen, und diese hatte ihr von einer Hellseherin erzählt. Monika glaubte zwar nicht fest an so etwas, aber sie war dem Mystischen trotzdem nicht gänzlich abgeneigt. So hatte die Neugier gesiegt und die Schwester sie zu der Hellseherin, die nahe Innsbruck wohnte, fahren müssen.

Was hatte diese ihr gesagt? Den Mann fürs Leben würde sie zu Silvester kennenlernen ...

Monika musste lächeln bei der Erinnerung. Nicht schlecht, hatte sie damals gedacht, mit über dreißig würde es schon bald Zeit, den Mann des Lebens kennenzulernen. Aber später, zurückgekehrt in den Alltag, hatte sie diese Voraussage wieder vergessen, bis ... ja, bis jetzt beim Tanzen.

Ob vielleicht ... Roland heißt er ... ob Roland ... er muss es sein ... wieso wäre ich sonst so fasziniert von ihm?

Ihre Augen bekamen einen eigenartigen Glanz, und sie fühlte sich leicht und glücklich. Erst dann an der Bar, zu der sie ihm widerspruchslos gefolgt war, merkte sie, wie erschöpft sie war. Aber die Pause und der Drink taten ihr gut, danach fühlte sie sich wieder fit, und sie tanzten weiter.

Als es zwölf Uhr schlug und die Stimmung und der Jubel rundherum ihren Höhepunkt erreichten, küsste Roland sie lange und intensiv. Dann gingen sie ins Freie, wie die meisten anderen ebenfalls, um das Feuerwerk zu sehen. Danach lud er sie zum Essen ein. Essen, trinken, tanzen, der Abend ging wundervoll weiter, bis er um etwa zwei Uhr früh meinte, er müsse jetzt leider gehen. Der Abschiedskuss war nochmals lang und intensiv, und als er dann nur kurz: „Wir sehen uns“, sagte, dachte sie sich nichts Schlechtes dabei. Nur kurz der Gedanke, dass eigentlich ja gar keine Telefonnummern ausgetauscht worden waren, aber was machte das schon, wenn man füreinander bestimmt war, würden sich automatisch Wege zueinander ergegen. Sie sah ihm verträumt-lächelnd nach, nun erst erinnerte sie sich wieder an ihre Kollegen. Auch das Loch in der Strumpfhose war mit einem Mal wiederum spürbar. Mitttlerweile waren noch zwei Bekannte dazugekommen, und die Runde amüsierte sich prächtig.

„Ah, sie kennt uns noch ...“ Den und ähnliche Sprüche musste sich Monika anhören, aber da stand sie drüber. Erst als einer der Hinzugekommenen: „Den kenn ich, den Roland. Seine Frau kommt morgen oder besser gesagt heute aus dem Krankenhaus ... zweites Baby ...“, sagte, wurde sie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert. Sie konnte es nicht fassen.

So was muss mir passieren. Mir! Das gibt’s doch nicht ... Scheißkerl ...

„Nie wieder geh ich zu einer Hellseherin“, rief sie laut aus.

„Was?!“, fragte eine Kollegin verdutzt. Auch die anderen am Tisch sahen sie überrascht an.

„Ach nichts. Nichts! Ich geh jetzt“, antwortete Monika und tat es. Sie konnte die lustige Stimmung um sich herum nicht mehr ertragen. Sie verließ das Lokal, frustriert, zornig, hastete die Stufen hinunter und –  stieß mit einem Mann zusammen, der eben im Begriff war, die Stufen hinaufzuhasten. Er fing sie auf. Sie blickte zu ihm auf.

Schon wieder der ... das gibt’s doch wohl nicht! Der hat mir gerade noch gefehlt zu meinem Glück. Verdammt ...

Monika warf ihm einen bösen Blick zu, riss sich los und lief, ohne ein Wort zu sagen, davon.

Kurz vor zwölf Uhr Mittag klingelte es.   E r   stand draußen, der Zusammenstoß-Mann. Mit einem riesigen Blumenstrauß.

Was will dieser Blödmann!? Woher weiß er überhaupt, wo ich wohne ...?

„Ich will mich entschuldigen“, sagte er und drückte ihr den Riesenstrauß in die Hand.

„Ich weiß“, sprach Manfred weiter, „ich bin ein Tollpatsch und habe nicht aufgepasst, aber ich war so in Gedanken gestern Nacht. Meine Mutter ... sie ist krank, und gestern war so ein Tag ... es hieß, wenn sie diesen Tag übersteht, dann ... dann geht es wieder bergauf und nun ... ich glaub, sie hat das Schlimmste überstanden. Es tut mir leid, dass wir zweimal zusammengestoßen sind ... also, eigentlich ja nicht ... also, darf ich Sie zum Essen einladen ... kleine Wiedergutmachung ...?“

Monika war sprachlos ob dieses Redeflusses. Sie nickte, bat ihn erst mal herein und dann nahm das Schicksal langsam seinen Lauf ... und wer weiß, vielleicht gab es doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich erahnen ließen …

 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5 

*Geschichte enthalten in dem Buch: "still-dröhnend und lichterdunkel" von Gabriele Maricic-Kaiblinger ISBN 978-3-7392-0575-5