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Herzlich Willkommen

Neuzeitliche Weihnachtsgeschichten für Jung und Alt

Besinnliche und heitere Geschichten zur Weihnachtszeit

Blick aus dem Fenster auf Weihnachtsmarkt
Bild: Gellinger / pixabay.com

Mitwirkende Autoren von O - Z

Mina Pantic, Barbara Pronnet, Heinz Riedel, Antje Steffen, Marena Stumpf, Christina Telker, Zorica Vrabl,

Peter Wendlandt, Eva Zimmermann

Weihnachtsgeschichten zeitgenössischer Autoren von A - Z

Begegnung mit dem Weihnachtsmann
von Eva Zimmermann

Bens Weihnachtswunsch
von Barbara Pronnet

Das Julfest
von Marena Stumpf

Das Weihnachtslicht
von Christina Telker

Der Sohn des Zimmermanns
von Peter Wendlandt

Der unscheinbare Engel
von Christina Telker

Der Weihnachtsgewinn
von Barbara Pronnet

Der Weihnachtsmann als Entführer
von Eva Zimmermann

Die Entdeckung
von Christina Telker

Die Geschichte vom Stern im Himmel
von Mina Pantic

Die Wegegabel
von Heinz Riedel

Donner ist krank
von Antje Steffen

Ein Haar vom Christkind
von Christina Telker

Ein Lichtlein im Stall
von Zorica Vrabl

Ein magischer Winter-Weihnachtstag
von Mina Pantic

Ein Weihnachtsmärchen
von Heinz Riedel

Eine Weihnachtsgeschichte
von Peter Wendlandt

Eine wichtige Botschaft
von Barbara Pronnet

m Winterzauberland
von Zorica Vrabl

Frau Martens Weihnachtsfest
von Eva Zimmermann

Fritzchen und Frätzchen
von Eva Zimmermann

Lara und der Schneemann
von Antje Steffen

Licht in dunkler Nacht
von Heinz Riedel

Snowy, der Weihnachtsschneemann
von Antje Steffen

Vorweihnachtliche Impressionen oder ...
von Peter Wendlandt

Warum Martha ihr Weihnachtsgeschenk ...
von Eva Zimmermann

Wir warten
von Heinz Riedel

 

Bitte beachten Sie das Urheberrecht.

Das Copyright der hier veröffentlichten Texte liegt bei den jeweiligen Autoren.

Die Texte dürfen nicht ohne Genehmigung der Autoren veröffentlcht werden.

Informationen zu den mitwirkenden Autoren und entsprechende

Verlinkungen sind in der Rubrik "Mitwirkende Autoren - Vorstellung" zu finden!


Meinen herzlichen Dank an alle Autoren

für die Bereitstellung ihrer vielseitigen Weihnachtsgeschichten!

Anita Menger


Christina Telker
Der unscheinbare Engel

Die dunklen Fenster des Ortes begannen sich zu schmücken. Ja, fast konkurrierten sie untereinander, welches von ihnen wohl das Schönste sei. Grund dafür war die bevorstehende Adventszeit. Lichterbögen Fensterbilder, kunstvoll von Meisterhand geschnitzt, sahen fast majestätisch auf die vor sich hin flimmernden Plastiksterne hinunter. Keiner konnte es mit ihrer Schönheit  aufnehmen, meinten sie. Eins hatte jedoch alle gemeinsam, sie strahlten ihr Licht in die Dunkelheit hinaus. Bis auf eine Ausnahme und das war ein Engel, der Jahr für Jahr seinen Dienst auf dem Balkon einer Mietwohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses versah. Ursus, der schneeweiß gekleidete Engel mit einem langen Gewand, maß etwas vierzig Zentimeter und war damit schon ein rechtes Prachtexemplar seiner Gattung, unter den allbekannten Weihnachtsengeln. Dora, eine alte Dame, hatte ihn bereits von ihrer Großmutter übernommen. Sie war sozusagen mit ihm alt geworden, mit dem kleinen Unterschied, dass Engel nie altern im Gegensatz zu uns Menschen. Ursu wurde von keinem Licht angestrahlt, er stand ganz schlicht und einfach da und sah auf die Stadt hinunter, mit ihrem pulsierenden Leben. Viel hatte er schon gesehen und erlebt, in seinem langen Erdendasein. Die Zeit der Postkutschen, die Zeit als die Menschen begannen sich mit eigener Kraft auf Zweirädern fortzubewegen, dann kam die Zeit der Automobile. Ursus hatte all miterlebt, denn er wurde von Generation zu Generation weiter vererbt.

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Manch einer sah ihn, wenn er am Haus vorüberging und freute sich über ihn. Vor allem Kinder, sie waren zu jeder Zeit von ihm angetan. Was aber keiner ahnte, Ursus besaß die Gabe, in das Leben der Vorübergehenden einzugreifen, wenn er es für nötig hielt. So hatte er schon manchem Kind beigestanden. Hierzu verließ er seinen Platz auf dem Balkon und schwebte wie eine kleine Schneewolke, die kein Mensch so recht wahrnahm hinunter zum Geschehen. Er half Kindern, die sich einsam fühlten, um ihnen Mut zu machen. Er sandte einen Strahl der Hoffnung in Herzen von Menschen die verzweifelt waren. Ursus hatte ein besonderes Gespür dafür wo Hilfe gebraucht wurde.

Eines Tages, es war Mitte Januar und die Weihnachtszeit wieder einmal vorüber, holte Dora ihren Engel vom Balkon und verpackte ihn wie gewohnt in seine Schachtel in der er den Sommer verbrachte. „In diesem Jahr müssen wir umziehen“, sagte sie, als sie den Engel behutsam in Seidenpapier einschlug, damit er keinen Schaden nähme. ‚Ich darf zwar nur das Wichtigste mit ins Altenheim bringen‘, dachte sie bei sich, ‚den Engel werde ich auf alle Fälle mitnehmen. Er ist für mich das Wichtigste.‘ Von dem Umzug bekam Ursus nichts mit, er verschlief ihn sozusagen in seinem ‚Sommerquartier‘. Als Dora ihn vor Beginn der Adventszeit aus dem Schlaf erwachte, war er schon enttäuscht, nicht mehr die lebhafte Straße mit all den Vorübereilenden unter sich zu haben. Auf einem schmalen Fensterbrett war nun sein Standort. Nach ein paar Tagen, hatte sich Ursus jedoch an seine neue Umgebung gewöhnt. Jeder der Vorüberkam sah ihn bewundernd an. Einen Engel in der Weihnachtszeit hatte es hier noch nie gegeben. Auch seine Fähigkeit, in die Seelen der Menschen zu schauen, hatte sich Ursus erhalten. Wieder griff er, wie gewohnt helfend ein. Schon bald wunderte man sich über die positive Stimmung im Heim, die in diesem Jahr viel angenehmer war als zuvor. Auch als Dora eines Tages die Augen schloss und von einem himmlischen Boten in ein anderes Reich geholt wurde, stand Ursus nach wie vor  im Altenheim zur Weihnachtszeit auf einem Fensterbrett. Die Schwestern hatten sich seiner angenommen zur Freude aller Bewohner.

© Christina Telker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Eva Zimmermann
Fritzchen und Frätzchen

„Jetzt reicht es aber!“
Fritzchen, der kleinste und jüngste Engel der Helferschar des Weihnachtsmanns, zuckte zusammen. So laut war sein Boss noch nie geworden!
Fritzchen folgte dem Blick des alten Mannes und sah das Unfassbare nun auch: Unter den Zweigen des ausladenden Weihnachtsbaums, der reich geschmückt vor dem Schreibtisch des Weihnachtsmannes stand, balancierte auf drei Pfötchen ein kleiner braun-weißer Hund. Das vierte Beinchen hatte er angehoben, und um den Stamm des Baumes bildete sich eine rasch größer werdende Pfütze. Obwohl der kleine Engel den Zorn seines Chefs verstand, musste er sich ein Lachen verkneifen. Sicher, ein Hund gehörte nicht in den Himmel, aber seit seiner Ankunft vor einigen Tagen hatten alle das tapsige, kleine Kerlchen liebgewonnen. Allerdings ging seither vieles drunter und drüber, da der Vierbeiner zu jedem Schabernack bereit war. Auch passierte ihm in seiner ungestümen, tollpatschigen Art so manches ungewollte Missgeschick. Zum Beispiel war er in die Backstube geschlichen und hatte von allen Weihnachtsplätzchen den Zuckerguss geleckt. Schleck, der Küchenengel, vertrieb ihn schleunigst, indem er eine Handvoll Mehl nach ihm warf. So eingepudert war der fellige Geselle in die Spielzeugwerkstatt geflüchtet und hatte sich direkt neben den frisch lackierten Holzeisenbahnen kräftig geschüttelt. Die Spielzeugzüge sahen daraufhin eher paniert als lackiert aus. So kam es, dass alle Himmelsbewohner den Hund zwar putzig fanden, ihn jedoch nicht in ihrer Nähe haben wollten.

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Einige Tage zuvor hatte Blitz, der Postengel, das kleine Tier unbemerkt von einem Flug auf die Erde mitgebracht, wo er die letzten Wunschzettel eingesammelt hatte. Erst beim Ausladen der Postbeutel hatte Blitz ihn entdeckt. Fritzchen war so begeistert von dem kleinen Kerl, dass der Weihnachtsmann es nicht übers Herz gebracht hatte, den Hund unverzüglich wieder zurückzuschicken. Die übrigen Engel hatten Fritzchens neuen Freund „Fratz“ getauft, doch jeder rief ihn bald nur noch „Frätzchen“.
Frätzchen schlief am Fußende von Fritzchens Bett, und es war eigentlich die Aufgabe des kleinen Engels, auf ihn ein Auge zu haben. Allerdings war der Hund so unberechenbar bei seinen Einfällen, dass Fritzchen das beim besten Willen nicht schaffte. Und nun war das Maß voll.

„Fritzchen, der Hund muss schnellstens wieder zurück auf die Erde! Ich erteile dir die Aufgabe, ein gutes Zuhause für deinen kleinen Freund zu finden! Hier, nimm mein Fernrohr und sieh dich um!“
Der kleine Weihnachtshelfer nahm das goldene Instrument, das der Weihnachtsmann ihm reichte, setzte sich traurig auf eine Wolke und sah auf das vorweihnachtliche Treiben unten auf der Erde hinunter.
Marie stampfte mit ihren Füßen, um sie vor dem vollkommenen Erstarren zu bewahren. Sie war sehr zufrieden mit dem Geschäft, das sie an ihrem Weihnachtsmarkt-Stand gemacht hatte, aber durch die Kälte, die ihr trotz des kleinen Heizöfchens in alle Knochen kroch, war es recht hart verdientes Geld.
Marie hatte das ganze Jahr über Schmuck gefertigt um ihn an ihrem Stand zu verkaufen. Sie arbeitete als Goldschmiedin bei einem Juwelier, aber die Ware für den Weihnachtsmarkt hatte sie in ihrer Freizeit hergestellt. Es waren ausgefallene, geschmackvolle Anhänger, Broschen und Ringe, die trotz ihrer Individualität und ausgezeichneten Verarbeitung erschwinglich waren. Ihr Chef hätte diese Stücke niemals in seinem eher bieder-traditionellen Geschäft angeboten, doch hier verkauften sie sich gut.
Es war der Tag vor Heiligabend und sie hatte sich darauf gefreut, das Fest mit ihrer Schwester zu verbringen. Seit ihre Eltern tot waren, hatten Susanna und sie Weihnachten immer zusammen verbracht, einmal bei Marie, einmal bei Susanna.
Am Morgen aber, als Marie sich gerade auf den Weg zum Weihnachtsmarkt machen wollte, rief ihre Schwester sehr zerknirscht an. Susannas Freund hatte sich eine besondere Überraschung ausgedacht und einen Weihnachtsurlaub für beide in Spanien gebucht. Susanna war drauf und dran, wegen Marie das Geschenk abzulehnen, doch Marie hatte ihr dieses Vorhaben ausgeredet mit dem Argument, sie sei vom Weihnachtsmarkt so erschlagen, dass sie eigentlich lieber über die Feiertage ordentlich ausschlafen als die Reise zu ihrer Schwester antreten würde. Die Tränen, die ihr bei dieser Lüge in den Augen standen, hatte Susanna zum Glück nicht sehen können.
Fritzchen ließ das Fernrohr sinken. Sein Entschluss stand fest, nachdem er die Traurigkeit in Maries Blick gesehen hatte. Er hatte aber noch einen anderen Menschen beobachtet und überlegte nun, wie er es bewerkstelligen könnte, Marie das Weihnachtsfest nicht allein durch einen Hund unvergesslich zu machen. Er musste Frätzchen nur zum richtigen Zeitpunkt, wenn alle Geschäfte schon geschlossen hatten, zu Marie bringen …

Am Morgen des Heiligen Abend ging Marie einkaufen, denn ihr Kühlschrank war leer, da sie ja erwartet hatte, über die Festtage nicht daheim zu sein. Das Gedränge an den Kassen war enorm und sie kam fast zu spät zu ihrem Stand, der heute ein letztes Mal geöffnet sein würde, wenn auch nur bis um 14 Uhr.
Marie seufzte. Noch nie war sie Weihnachten allein gewesen. Sie hatte sich Zutaten für ein vegetarisches Festessen gekauft, aber wie traurig würde die einsame Mahlzeit sein! Auch die Flasche Wein würde das Gefühl der Verlassenheit kaum vertreiben können.
Die Zeit schlich dahin. Es zog heute nicht mehr viele Menschen auf den Markt und sie verkaufte nur ein einziges Schmuckstück an den Händler des Nachbarstandes, der noch schnell ein Geschenk für seine Frau brauchte.
Fritzchen saß auf einer Mülltonne, von der aus er Marie im Auge behalten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Frätzchen hatte er fest an sich gedrückt. Der kleine Hund hatte genau verstanden, was sein Freund ihm erklärt hatte. Er trug um den Hals eine Schnur mit einem Zettel, den Fritzchen geschrieben hatte. Dem Engel kullerte vor Abschiedsschmerz eine Träne über das Gesicht und fiel auf den Zettel. Einer der Buchstaben wurde dadurch ziemlich unleserlich, aber das merkte er nicht.
Als die Kirchturmuhr zweimal schlug, räumte Marie langsam ihre Sachen zusammen. Die meisten anderen Stände waren schon geschlossen, aber Marie hatte es nicht eilig. Gerade, als sie den letzten Karton schloss, spürte sie etwas auf ihrem Fuß. Sie sah hinab und entdeckte einen kleinen braun-weißen Hund, der eine Pfote auf ihre Stiefelspitze gelegt hatte und sie mit großen, dunklen Augen ansah. Marie beugte sich hinunter und streichelte seine pelzigen Ohren. „Na, du kleiner Wicht, wo ist denn dein Frauchen oder Herrchen? Hast du dich verlaufen?“ Sie nahm den Hund, der begonnen hatte an ihrem Bein hochzuspringen, auf den Arm. „Lass mich doch mal nachsehen, ob du nicht eine Telefonnummer am Halsband … oh, du hast ja gar keins!“ Marie setzte den Hund auf den nun leeren Verkaufstisch und tastete seinen Hals nach einem Mikrochip unter der Haut ab, konnte aber nichts finden. „Na, so etwas! Wo gehörst du denn nur hin?“ Erst jetzt bemerkte sie unter seinem dicken Fell einen Bindfaden, an dem ein Zettel befestigt war:

Ich heiße Frätzchen!
Bitte, nimm mich mit!


Marie kniff die Augen zusammen. „Wie heißt du? Fr… Das ist etwas verwischt! Fritzchen vielleicht?“ Als Frätzchen den Namen seines Freundes hörte, bellte er erfreut auf, was Marie als Zustimmung nahm. „Als gut, Fritzchen, dann werden wir wohl das Weihnachtsfest zusammen verbringen! Allerdings – du brauchst ja etwas zu fressen! Die Geschäfte sind inzwischen nicht mehr auf. Ob du dich mit einer vegetarischen Mahlzeit anfreunden könntest? Egal, lass uns erst mal heimgehen!“
Fritzchen hatte von seinem Beobachtungsposten alles verfolgt. Das war ja noch besser gelaufen, als er es gehofft hatte! Nun musste nur noch der zweite Teil seines Planes klappen …
„So, komm rein in dein neues Zuhause!“, sagte Marie und Frätzchen saust an ihr vorbei in die kleine Wohnung. Marie stellte ihm ein Schälchen Wasser hin, über das er sich sofort durstig hermachte, aber die gekochten Kartoffeln mit Gemüse rührte er nicht an. Er hatte zwar großen Hunger und nahm es normalerweise mit dem, was er fraß, nicht so genau, aber er hatte strikte Anweisungen von seinem geflügelten Freund bekommen, nichts anzurühren, das kein Fleisch enthielt. Außerdem sah der Hund, dass der kleine Engel draußen auf der Fensterbank saß, alles beobachtete und ihm einen strengen Blick zuwarf.
Marie seufzte. „Was mache ich nur mit dir? Fleisch habe ich keins und Hundefutter natürlich erst recht nicht!“
Ihr Blick fiel aus dem Fenster. Die Straße war wie ausgestorben, bis auf einen Mann, der mit einem Foxterrier unterwegs war. Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Woher nur? Vielleicht war er ein Kunde des Juwelierladens? Nein, dort kauften nur mittelalterliche Männer mit Bauch und Glatze. Dieser aber hatte etwa ihr Alter, war schlank und sportlich und hatte volles braunes Haar. Dann fiel es ihr ein: Er war ihr neuer Nachbar, der vor ein paar Tagen in die Wohnung nebenan gezogen war. Sie beobachtete ihn weiter. Richtig, er wandte sich dem Haus zu und kurz darauf hörte Marie seine Schritte auf der Treppe.
Fritzchen sprang auf Maries Schoß, jaulte kurz und begann an ihrem Pulloverärmel zu kauen.
„Du hast Hunger, du armer Kerl! Was mache ich nur mit dir?“
In diesem Augenblick hörte man ein kurzes Bellen aus der Nachbarwohnung.
„Genau, das ist es! Komm, wir fragen einfach den Nachbarn nach Hundefutter! Er hat sicher genug für die Feiertage eingekauft!“

Fritzchen flatterte schnell auf das nachbarliche Fensterbrett. Aus der Wohnung drangen die Klänge eines Weihnachtsliedes. Der Engel beobachtete, wie der Mann, von dem Fritzchen wusste, dass er Peer hieß, die Wohnungstür öffnete. Er sprach kurz mit Marie, streichelte den Hund auf ihrem Arm und bat dann beide in die Wohnung. Verstehen konnte Fritzchen das Gespräch wegen der Musik nicht, aber er konnte die Gestik und Mimik deuten. Marie bestaunte den geschmückten Baum und machte offenbar eine bewundernde Bemerkung darüber. Der Mann lächelte und sprach eine Weile mit Marie. Er schien sie zu etwas überreden zu wollen. Es sah zunächst aus, als zierte sich die junge Frau ein wenig, aber dann lächelte auch sie, nickte und setzte den Hund auf den Boden. Der Foxterrier kam sofort angelaufen und die beiden Tiere beschnupperten sich. Offenbar war es Zuneigung auf den ersten Riecher.
Marie lief in ihre eigene Wohnung zurück. Währenddessen stellte Peer einen Napf mit Futter für Frätzchen auf den Boden. Hungrig stürzte sich der kleine Hund darauf und bald hatte er alles bis zum letzten Bröckchen vertilgt.
Kurz darauf kehrte Marie mit ihrer Lebensmitteltüte und der Flasche Wein zurück.
Fritzchen lächelte zufrieden und hopste vom Fensterbrett.
Sein Weihnachtsplan war aufgegangen!

©Eva Zimmermann

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Eva Zimmermann

Peter Wendlandt
Der Sohn des Zimmermanns

Wenn es die knapp bemessene Zeit erlaubt, geht Gottes Sohn durch den Himmel, um sich umzusehen, mit den Menschen zu sprechen, sich ihre Sorgen und Nöte anzuhören, falls dies im Himmel überhaupt vorkommt, oder Bekannte aus früheren Zeiten zu treffen, um mit ihnen zu plaudern und alte Freundschaften aufleben zu lassen. Er sucht Neuankömmlinge auf, um ihnen für ihren neuen Lebensabschnitt Trost und Mut zuzusprechen und zu gratulieren, dass sie trotz vieler Hemmnisse auf der Erde ein wohlgefälliges Leben geführt haben. Er interessiert sich auch für die Aktivitäten, die durchgeführt werden, wohnt gerne konzertanten Veranstaltungen bei. Bei allem, was er unternimmt, besticht er durch überaus große Herzlichkeit und Einfühlsamkeit, dass sich jeder in seiner Nähe geborgen fühlt und freut, mit ihm ein paar Worte gewechselt zu haben. Die Begegnung mit Jesus ist stets etwas Besonderes, um die man sich auch reißt.

Befindet sich Gottes Sohn auf dem Rundgang durch das Paradies, lässt er sich Zeit, wobei der Begriff Zeit nach irdischen Maßstäben im Himmel nicht existiert. Er spricht mit den Menschen, so lange sie möchten, beweist im wahrsten Sinne des Wortes eine Engelsgeduld und achtet darauf, dass sie positiv gestimmt sind und dies weitergeben an andere Personen. So herrscht immer eine frohe Stimmung im Himmel, der sich niemand entziehen kann.

Natürlich kommt es auch im Himmel vor, dass es Momente gibt, an denen man nicht gut drauf ist. Man ist zurückhaltend, melancholisch, nachdenklich, vielleicht auch depressiv oder sogar aggressiv gestimmt, weil man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Man ist auch im Himmel nur Mensch, da können derlei Gefühlsschwankungen durchaus vorkommen. Merkt man, dass man einen dieser Tage erwischt hat, zieht man sich wohlweislich in sein Schneckenhaus zurück, ist man lieber mit sich selbst allein und hofft, dass sich der Zustand alsbald ändert. Man will ja nicht als Miesepeter dastehen, alle vergraulen oder riskieren, aus dem Himmel verwiesen zu werden. Gottes Sohn entgeht dies nicht, er verfügt über feine Sensoren, mit denen er alle Gefühlsschwankungen empfängt. Es ist für ihn auch keine Schwierigkeit, die betreffenden Personen aufzuspüren. Wie zufällig erscheint er bei ihnen, manchmal genügt ein flüchtiger Blickkontakt, um alles ins Lot zu rücken. Doch bei hartnäckigen Fällen, da muss gesprochen werden. Aber Gottes Sohn macht das gerne. Er ist in jeder Beziehung einzigartig.

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Einmal wanderte Jesus wie gewohnt durch den Himmel, wechselte ein paar Worte hier mit Himmelsbewohnern, scherzte dort mit anderen, verbreitete eine erhabene, positive Stimmung, als er an einem idyllischen Park vorbeikam, der seine Aufmerksamkeit erregte. Kinder tollten umher und spielten mit einem kleinen Hund, Vögel saßen in den Zweigen eines Baumes und trällerten aus Leibeskräften ihre Melodien. Aber nicht das war es, das Jesus aufgefallen war. Sein scharfes Auge erspähte einen weißhaarigen, alten Mann, der abseits auf einer Bank saß und nicht gerade einen frohen Eindruck machte. Er starrte vor sich auf den Boden, seufzte immer wieder und wischte sich auch verschämt eine Träne aus dem linken Auge. Interessiert blieb der heilige Mann stehen und beobachtete ihn. Der Alte befand sich in einem Zustand, der eigentlich undenkbar war für jemanden, der die mannigfaltigen Freuden des Paradieses genießen durfte.

Er suchte den Blickkontakt des Greises, als der hergestellt war, versuchte er es mit einem Lächeln und einem aufmunternden Kopfnicken. Die Reaktion darauf war nicht gerade so, wie Jesus es sich vorgestellt hatte. Der alte Mann errötete, stand auf und ging mit raumgreifenden Schritten davon. Allem Anschein nach schämte er sich wegen etwas und wollte einer Konversation aus dem Weg gehen.

Jesus sah ihm überrascht nach. Schließlich kam es nie vor, dass man ihm aus dem Weg ging. Normalerweise wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, seiner habhaft zu werden und ihn zur Rede zur stellen, andererseits, er wollte sich auch nicht aufdrängen. Er war bei Problemen eine von vielen Ansprechstationen, die jederzeit bereit waren zu helfen und Seelen zufriedenzustellen, das wussten alle im Himmel, damit natürlich auch dieser Mann. So dachte er, dass er alsbald zu ihm kommen würde, um sich trösten zu lassen und Lebensmut zu tanken.

Jesus sah diesen Mann 14 Tage später wieder. Er befand sich abermals auf einem Rundgang durch den Himmel, wollte mit Neuankömmlingen ins Gespräch kommen, ihnen Trost und Zuversicht spenden für die neue Zeit. Natürlich erinnerte er sich an den traurigen Mann und suchte ihn. Er entdeckte ihn wieder in einem Park, sitzend auf einer Bank, mit demselben traurigen Blick wie Wochen zuvor. Er saß allein abseits einer Gruppe, starrte vor sich auf den Boden und schien nicht zu merken, was um ihn herum geschah. So war es für den heiligen Mann einfach, sich ihm zu nähern, dass er ihm nicht wieder entwischen konnte. Als der Alte schließlich merkte, wer da vor ihm stand, erzitterte er, sah ihn erschrocken an und wechselte die Gesichtsfarbe.

„Mein lieber Freund, was bedrückt dich?“ fragte Jesus sanft und lächelte ihn an. „Hast du Probleme, mit denen du nicht klar kommst? Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Mit verkniffenem Gesicht schüttelte der alte Mann seinen Kopf. „Vielen Dank für das Angebot, aber mir kann keiner helfen!“

„Sag das nicht, mein Freund. Du bist hier im Paradies!“

„Ja schon, ich weiß. Das ist auch schön so. Aber trotzdem...“

„Mein Freund, ich verstehe deine Verzagtheit nicht. Du wurdest im Paradies aufgenommen, weil du ein gottgefälliges Leben geführt hast, das wird nicht jedem zuteil. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern herrlich in den Zweigen, die Menschen ringsum sind froh gestimmt. Du kannst dir jeden Tag aussuchen, was du essen und trinken möchtest, du kannst dir aussuchen, welche Beschäftigung du nachgehen oder ob du einfach nichts tun möchtest. Du bist zu einem freien Menschen geworden, kannst tun und lassen, was du möchtest, du kannst dein Glück mit Händen greifen, trotzdem bist du traurig. Sag mir, was ist los mit dir? Was bereitet dir Kummer?“

„Ach weißt du, ich freue mich ja, dass ich hier im Himmel verweilen kann“, bekam er zu hören, „es konnte mir wirklich nichts Besseres passieren, als hierher kommen zu dürfen. Meine Gemütsverfassung hat auch wirklich nichts damit zu tun.“

„Dann öffne bitte dein Herz und lass mich an deinem Kummer teilhaben, mein Freund“, forderte Jesus ihn auf.

Zögernd nickte der alte Mann, seufzte und suchte nach geeigneten Worten. „Weißt du, es hat mit meinem irdischen Leben zu tun. Als ich auf der Erde weilte, ging ich dem Beruf des Zimmermanns nach. Es war eine harte, aber auch sehr schöne Arbeit, die mir viel Spaß bereitete. Ich hatte einen lieben Sohn, aber den habe ich leider sehr früh verloren. Das habe ich nie richtig verwunden und dieser schwere Schicksalsschlag hat mein Leben verändert, trost- und freudlos gemacht. Das einzige, was mich aufrecht erhalten hat, war mein felsenfester Glaube, dass ich ihn einmal im Himmel wieder treffen würde und mit ihm zusammen sein könnte. Aber jetzt bin ich schon so lange im Himmel, herumgeirrt und habe gesucht, aber gefunden habe ich ihn nicht. Ich weiß nicht, was ich noch alles tun muss, bis ich ihn endlich gefunden habe und ihn wieder in meine Arme schließen kann. Ich bin ganz verzweifelt, und nichts will mir Freude bereiten.“

Da ging ein merklicher Ruck durch Jesus, mit großen Augen sah er sein Gegenüber an. Hinter seiner Stirn begann es zu arbeiten, er rekapitulierte im Geiste, was er zu hören bekommen hatte und zog eine Schlussfolgerung, die ihm auf einmal Freudentränen in die Augen trieb. Er wurde von einer tiefen Bewegtheit ergriffen, konnte gar nicht anders als sein Gegenüber freudig erregt in die Arme zu schließen und an seine Brust zu pressen.

„Vater“, rief er voller Freude und tief bewegt, „mein Vater! Habe ich dich endlich gefunden! Auch ich war schon so lange auf der Suche nach dir! Du ahnst ja nicht, wie ich mich freue!“

Der alte Zimmermann starrte ihn entgeistert an, dann breitete er ebenfalls seine Arme aus, um ihm tief bewegt unter Freuden-tränen um den Hals zu fallen und fest zu umarmen. Und mit tränenerstickter Stimme schluchzte er auf: „Pinocchio! Mein Sohn! Endlich bist du wieder bei mir! Wo hast du nur so lange gesteckt?“

(c)Peter Wendlandt

*mit freundlicher Genehmigung von Peter Wendlandt

Antje Steffen
Snowy, der Weihnachtsschneemann

Snowy blickte sich um. Natürlich freute er sich darüber, ein Schneemann im Weihnachtsland zu sein. Etwas stimmte den kleinen Schneemann allerdings traurig. Weil er gerade drei Wochen war, durfte er bei den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest nicht helfen. Wäre er nur früher auf die Welt gekommen. Zwei Wochen hätten gereicht. Schneemänner durften dem Weihnachtsmann und seinen Elfen helfen, wenn sie fünf Wochen waren. Aber Snowy war zu jung und deshalb konnte er das hektische Treiben nur beobachten. Wie gern wäre er ein Weihnachtsschneemann gewesen wie Curly. Curly war Snowys bester Freund und konnte mit seinen fünfeinhalb Wochen dem Weihnachtsmann helfen.

Während Snowy dastand und die anderen Schneemänner und die Elfen beobachtete, kam Curly vorbei. Er rief:
„Hey, Snowy. Hast du Lust, nachher mit mir Schlittschuhlaufen zu gehen?“
Normalerweise lief Snowy gerne mit den anderen Schlittschuh, heute mochte er nicht. Er antwortete:
„Ach nein, ich glaube, lieber nicht.“
Curly zuckte mit den Schultern.
„Dann nicht, aber solltest du Lust bekommen, kannst du nachkommen.“
Snowy nickte. Er würde nicht zu den anderen gehen. Bestimmt erzählten sie die ganze Zeit, wie toll es war, für den Weihnachtsmann zu arbeiten. Als Curly weitergegangen war, wischte Snowy sich verstohlen eine Träne weg. Niemand sollte wissen, wie traurig er war, dass er kein Helfer sein durfte.
 

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Bald beendeten die Schneemänner und Elfen ihre Arbeit. Für heute war Schluss und alle machten Feierabend. Die älteren Elfen und Schneemänner gingen nach Hause, um es sich gemütlich zu machen. Die Jüngeren wollten Spaß haben. Sie gingen zum See, um Schlittschuh zu laufen oder an den Hang zum Rodeln und Skifahren. Einen Moment überlegte Snowy, ob er nicht doch Curlys Einladung annehmen sollte. Er hörte das Lachen und die fröhlichen Stimmen und wäre gern dabei gewesen. Dann dachte er daran, worüber alle lachten und beschloss, lieber einen Spaziergang zu machen. Snowy blickte sich um und machte sich auf den Weg in den nahen Wald. Dort würde er seine Ruhe haben und nicht ständig daran erinnert werden, dass er dem Weihnachtsmann nicht helfen durfte.

Während Snowy durch den Wald wanderte, dachte er darüber nach, wie es weitergehen sollte. Sollte er das Weihnachtsland verlassen? Aber, wo konnte ein Schneemann hin? Nein, er würde hier bleiben müssen. In Gedanken versunken, bemerkte Snowy fast den alten Elfen nicht, der ein paar Meter vor ihm auf dem Boden lag. Als Snowy die Gestalt entdeckte, lief er schnell zu ihr. Sofort erkannte Snowy, dass es Eliah war, der dort lag. Snowy beugte sich über den Elfen, um nachzusehen, was mit ihm los war. Eliahs Gesicht war schmerzverzerrt. Es hellte sich etwas auf, als der Elf Snowy erkannte.
„Snowy! Gut, dass du kommst. Ich bin über eine Baumwurzel gefallen und kann nicht mehr aufstehen.“
Snowy sah sich die Sache genauer an. Eliahs rechtes Bein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Der Alte hatte es sich bei dem Sturz gebrochen. Schnell überlegte Snowy, wie er am Besten helfen konnte. Er blickte Eliah ins Gesicht.
„Wie lange liegst du hier?“
„Ich weiß nicht. Ich bin gleich nach Arbeitsende losgegangen. Ich friere, kannst du mich wärmen?“
Snowy dachte nach. Wenn Eliah hier noch lange liegen blieb, würde er erfrieren. Snowy war zwar erst drei Wochen, doch er hatte bereits gelernt, zu helfen. Er sagte:
„Ich kann dir im Moment nur meinen Schal geben. Er ist groß, so dass ich dich darin einwickeln kann. Ich werde dein Bein verarzten und dich nach Hause bringen.“
Dankbar lächelte Eliah den kleinen Schneemann an, während dieser begann, ihn in den Schal zu hüllen. Als das erledigt war, sah Snowy sich suchend um. Bald hatte er passende Knüppel gefunden, um damit das gebrochene Bein zu schienen. Zum Glück hatte Eliah ein Seil. Damit konnte Snowy die Knüppel befestigen. Snowy sah Eliah an.
„Ich werde dir jetzt wehtun müssen, sonst kann ich dein Bein nicht richten.“
Eliah nickte. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, die Schmerzen auszuhalten. Snowy arbeitete zügig. Er musste Eliah ins Dorf bringen, damit dieser ins Warme kam und vom Arzt behandelt werden konnte.

Bald war es geschafft. Snowy hatte Eliahs Bein gerade gemacht und mit den Knüppeln dafür gesorgt, dass es so blieb. Jetzt suchte er nach einer Möglichkeit, den Elfen nach Hause zu bringen. Da er nichts fand, was ihm helfen konnte, lud Snowy sich Eliah auf den Rücken. Der Elf war nicht schwer, aber geschwächt und Snowy musste vorsichtig sein, damit Eliah ihm nicht herunter fiel. Langsam machte der Schneemann sich auf den Weg ins Weihnachtsdorf. Oft musste er Pause machen, doch er gab nicht auf.

Eine halbe Stunde später erreichten die zwei die Häuser. Snowy klopfte an die Tür des ersten Hauses. Sera, die Bewohnerin, öffnete. Schnell erkannte sie, was geschehen war. Sie holte Snowy und Eliah ins Haus und half dem Schneemann, den Elfen auf das Sofa zu betten. Sie sagte:
„Ruh dich aus, Snowy. Ich werde den Doktor holen.“
Snowy nickte, zu mehr war er nicht in der Lage. Er ließ sich neben Eliah nieder und wartete auf Sera und den Doktor.

Auf dem Weg zum Doktor traf Sera den Weihnachtsmann. Dieser bemerkte, wie aufgeregt, die Elfe war. Er fragte:
„Was ist mir dir geschehen, Sera? Warum bist du so aufgeregt?“
Sera berichtete ihm schnell was geschehen war. Der Weihnachtsmann hörte der Elfenfrau aufmerksam zu und begleitete diese zum Doktor. Gemeinsam machten die drei sich auf den Weg zu Seras Haus.

Snowy hatte Eliah nicht eine Minute aus den Augen gelassen. Obwohl er müde war, gab er auf den Elfen acht. Als er hörte, dass Sera zurück war, atmete Snowy erleichtert auf. Es fiel ihm schwer, wach zu bleiben. Erstaunt sah Snowy, dass der Weihnachtsmann mit Sera kam. Snowy hatte den Weihnachtsmann zwar schon gesehen, doch normalerweise hatten nur die Weihnachtsschneemänner mit ihm zu tun. Santa Claus wandte sich an Snowy.
„Hallo, mein kleiner Freund. Dein Name ist Snowy, richtig?“
Snowy nickte. Santa lächelte.
„Ich bin stolz auf dich. Wenn du Eliah nicht gefunden hättest, hätte er dort im Wald nicht überlebt. Ich möchte dir danken. Und als Zeichen meines Dankes, hast du einen Wunsch frei.“
Snowy konnte es kaum glauben. Er durfte sich etwas wünschen! Zuerst wollte der kleine Schneemann aber wissen, wie es Eliah ging. Er drehte sich zum Doktor und fragte:
„Wie geht es ihm? Wird Eliah gesund?“
Der Doktor lächelte.
„Dank deiner Hilfe wird Eliah bald ganz gesund. Allerdings kann er in diesem Jahr nicht mehr bei den Weihnachtsvorbereitungen helfen.“
Bedauernd sah der Doktor zum Weihnachtsmann. Dieser zuckte mit den Schultern.
„Hauptsache, Eliah geht es bald wieder gut. Wir werden es schon schaffen, seine Aufgaben zu erledigen.“
Snowy räusperte sich.
„Santa, könnte ich nicht für Eliah einspringen? Ich weiß, ich bin noch zu jung, aber ich würde gerne ein Weihnachtsschneemann sein.“
Santa blickte von Snowy zu Eliah und zurück zu Snowy. Er lächelte.
„Natürlich kannst du uns helfen. Ein Schneemann, der tapfer und mutig ist wie du, der darf auch ein Weihnachtsschneemann sein.“
Am liebsten hätte Snowy laut los gejubelt, doch Eliah war eingeschlafen und er wollte ihn nicht wecken.

Am nächsten Tag war Snowy früh unterwegs. Er war der glücklichste Schneemann im ganzen Weihnachtsland. Endlich durfte er ein Weihnachtsschneemann sein und Santa Claus helfen, das Weihnachtsfest vorzubereiten.

© Antje Steffen

*mehr Geschichten von Snowy findet ihr in dem Buch "Snowy, der Weihnachtsschneemann" von Antje Steffen


 

*Ich danke Antje Steffen für ihre freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Weihnachtsgeschichte.

Weitere interessante Abenteuer von Snowy könnt ihr in dem Buch "Snowy, der Weihnachtsschneemann" 
ISBN-13: 978-3741272615 nachlesen.

 


Barbara Pronnet
Der Weihnachtsgewinn

 „Bin gleich wieder da Schatz, ich hol nur schnell die Fernsehzeitung und wünsche den Lehmanns schöne Feiertage“. Ich winkte meinem Mann in der Küche zu, der schon den Lachs für heute  Abend zubereitete. Ich schnappte mir meinen Mantel und die Hundeleine und schnalzte unserer Mischlingshündin Lara zu. Sie lief schwanzwedelnd vor mir ins Treppenhaus und wir verließen gemeinsam das Haus.
Ich liebte diese Stimmung. Es war Heiliger Abend, früher Nachmittag und es war alles erledigt. Wohnung geputzt, der Baum geschmückt. Mein Mann und ich würden mit Lara einen gemütlichen Weihnachtsabend und ruhige Feiertage verbringen. Vielleicht ein paar Freunde treffen, aber sonst hatten wir Urlaub und nichts vor bis Sylvester.
Es hatte etwas geschneit und es lag ein wunderbarer Zauber in der Luft.

Ich wollte noch schnell in das kleine Schreibwarengeschäft gehen und ein wenig mit dem alten Ehepaar Lehmann plaudern. Die beiden standen seit Jahrzenten in ihrem kleinen Laden und waren mittlerweile Treffpunkt für jung und alt in unserem Viertel. Eigentlich eine Rarität heutzutage.

Ich befahl Lara schön brav draußen zu warten und drückte die kleine Ladentüre auf. Mich umfing gleich der bekannte Geruch nach Papier, Süßigkeiten und Zimtaroma.

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„Grüße sie Frau Beck, schön dass sie noch vorbei kommen.“ freute sich Frau Lehmann und strahlte mich an. Sie war eine kleine rundliche Frau mit grauen Haaren, Brille und einem herzlichen Lächeln im faltigen Gesicht. Ihr Mann saß hinter der Theke auf einen Stuhl. Hr. Lehmann war dünn, groß und sein krummer Rücken machte ihm ständig zu schaffen und er wurde immer mehr dement. Eine große Hilfe war er seiner Frau schon lange nicht mehr und er sprach auch kaum mehr ein Wort. Es war einfach nur traurig.
Zwei alte Menschen die schon längst im Ruhestand sein sollten, es sich aber nicht leisten konnten obwohl sie mehr als vierzig Jahre geschuftet hatten, ging mir durch den Kopf. Mein Mann und ich, alle in der Umgebung wussten, dass die beiden von ihrer kleinen Rente nicht leben konnten und deshalb das Geschäft nicht aufgaben. Ich hatte die beiden schon lange in mein Herz geschlossen.
Ich lächelte zurück: „Ich wünsche ihnen beiden wunderbare Weihnachten und hoffentlich geruhsame Feiertage“ sagte ich fröhlich. Frau Lehmann drückte mir schon meine Fernsehzeitung in die Hand. „Das wünschen wir ihnen auch und genießen sie ihre Feiertage, gell Klaus?“ rief die alte Dame ihrem Mann zu. Der nickte und winkte zu mir rüber. Ich zahlte meine Zeitung und da sah ich eine kleine Lostrommel auf dem Tresen stehen. Ein paar Lose waren noch drin. „Ich nehm mir noch eins, vielleicht ist ja noch eine Weihnachtsüberraschung drin.“ Ich zog ein Los raus.“Ich mache es heute unter dem Christbaum auf, dann hab ich noch ein Geschenk auf was ich mich freuen kann“. Ich wollte zahlen, aber Frau Lehmann legte ihre kleine Hand auf meine. „Das ist mein Geschenk für ihre Treue alle die Jahre und viel Glück“. Sie freute sich so, dass ich dankend annahm. Wir umarmten uns noch und ich verließ mit vielen Winken den kleinen Laden.

Schnell liefen Lara und ich nach Hause und dann wurde es doch noch etwas hektisch mit Kochen, Umziehen und Kerzen anzünden. Nach einem wunderbaren Mahl setzten wir uns zum Christbaum und bescherten uns. Ralf und ich schenkten uns nur Kleinigkeiten und Lara bekam einen herrlichen Beißknochen. Plötzlich fiel mir das Los ein. Ich lief in die Garderobe und zog es aus der Manteltasche.

 Das hat mir Frau Lehmann heute geschenkt. Sie sah so glücklich aus, dass ich nicht nein sagen konnte.“ erzählte ich Ralf. „Dann mach es auf, deine Niete“ lachte er. Ich riss es auf und starrte auf den Beleg.
Ich hatte 5.000 Euro gewonnen. „Das gibt es doch nicht“, sagte ich völlig baff. Mir wurde heiß und kalt und ich fühlte mich plötzlich furchtbar. Ralf und ich waren gesegnet. Wir hatten beide unsere Berufe, immer gespart, eigene Wohnung, was auf der hohen Kante und geerbt. Es ging uns mehr als gut.

„Jetzt hast du ein schlechtes Gewissen weil gerade du so viel Geld gewonnen hast und nicht irgendein armes Geschöpf, stimmt‘s mein Schatz?“ Mein Mann verstand mich natürlich sofort.
„Ja und ich werde den Gewinn auch nicht behalten. Ich weiß auch schon wem ich es gebe“ sagte ich bestimmt. „Dann lass uns doch noch einen kleinen Spaziergang machen?“ grinste mein Mann und ich gab ihm einen dicken Kuss. Wir waren halt doch vom selben Stern.

 Zusammen mit Lara stapften wir durch die stille Winternacht und liefen direkt zum kleinen Schreibladen der Lehmanns. Dahinter wohnte das alte Ehepaar in einer kleinen Einliegerwohnung.  Es brannte Licht. Ich nahm das goldene Kuvert, in welchem das Glückslos lag und legte es auf die Fußmatte und klingelte. Wir rannten Hand in Hand nach Hause, Lara tollte vor uns her und wir freuten uns wie kleine Kinder.

Wir wussten natürlich, dass die Lehmanns das Geschenk bestimmt nicht annehmen würden.

Wir waren vorbereitet. Am nächsten Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages klingelte es bei uns und ich sah im Spion die beiden alten Leute stehen. Ich öffnete und musste einfach lachen. „Bitte kommen sie rein, wir haben sie schon erwartet“ überfiel ich die beiden und ich führte sie ins Wohnzimmer zum gedeckten Tisch. Mein Mann begrüßte sie herzlich und wir setzten uns alle an den Esstisch.
Frau Lehmann hielt zitternd das Glücklos in der Hand.

„Bitte lassen sie mich was sagen“ fing ich gleich an, mein Herz klopfte aufgeregt.“ Sie kommen um das Los zurück zu geben. Sie werden sagen, dass es mein Gewinn ist und es ist ihnen unangenehm und peinlich, aber lassen sie mich ausreden. Wir haben sofort entschieden, dass niemand anderer als sie beide den Gewinn verdient haben, auch wenn sie mir das Los nicht geschenkt hätten, hätte ich mich so entschieden. Wir wissen, dass sie noch nie im Urlaub waren, krank im Laden stehen, täglich Schmerzen haben und auf vieles verzichten. Sie beide haben all die Jahre so viel entbehrt und waren trotzdem tagtäglich freundlich, hilfsbereit und großzügig zu uns allen und es ist uns ein Herzenswunsch ihnen das Los zu überreichen. Bitte nehmen sie es an, machen sie uns bitte die Freude. Es ist doch Weihnachten“.

Frau Lehmann stand auf und kam zu mir. „ Du gutes Kind“, sagte die alte Dame und streichelte mir die Wange. „Was sollen wir sagen, uns fehlen die Worte. Wir können nur danke sagen und werden dieses mehr als großzügige Weihnachtsgeschenk sinnvoll einsetzen, nicht war Klaus? Wir kaufen dir als erstes einen bequemen Fernsehsessel“. Hr. Lehmann nickte eifrig, er hatte sicher nicht alles verstanden aber ihm liefen die Tränen über die eingefallenen Wangen und er sagte plötzlich leise „Danke“.
Ich lief zu ihm und drückte ihn ganz fest an mich.

Wir verbrachten einen wunderbaren Feiertag mit den beiden und ich fühlte eine unendliche Freude in mir, denn jemanden etwas schenken ist das größte Glück besonders zur Weihnachtszeit.

Ich hatte wirklich das große Los gezogen

 

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Peter Wendlandt

Vorweihnachtliche Impressionen oder
Alle Jahre wieder derselbe Schmarrn

Immer wieder zur selben Jahreszeit fühle ich mich auf besondere Art genervt. Dann sind die Sommerferien zu Ende, die Plagen werden wieder in die Schulen entsorgt. In den Supermärkten entdecke ich bereits erste Weihnachtsmänner, Lebkuchen und sogar Christstollen, dabei traue ich meinen Augen einmal mehr nicht, obwohl ich es hätte wissen müssen. Wir haben hochsommerliche Temperaturen, gehen in Shirts und kurzen Hosen auf die Straße, schwitzen am Arbeitsplatz, quetschen uns in Eisdielen und stürzen uns letzte Male in Freibädern ins kühle Nass, um uns zu erfrischen. In den Supermärkten aber wird bereits die alljährliche Kollektion an Weihnachtsleckereien aufgefahren, die eigentlich noch keine Sau sehen will, aber trotzdem gedankenlos gekauft und konsumiert wird. Es schmeckt ja auch so fantastisch gut! Gut, das Zeug wurde bereits ein Jahr zuvor produziert und muss endlich aufgebraucht werden, aber das sieht man nicht so verbissen und will auch niemand wissen, obwohl es sich auch nicht um Produkte handelt, die mit Bio nichts zu tun haben. Auch wenn ich wieder versehentlich ein paar Nikoläuse aus dem Regal auf den Boden fallen lasse, interessiert das niemand. Das ist Ausschuss, Bruchschokolade, dieser Verlust wird mit Waren anderer Kunde an der Kasse heimlich und ganz selbstverständlich verrechnet. An dieser Stelle kann ich auch meine Schadenfreude nicht verhehlen über eine Bekannte, die für eine Handvoll alter Lebkuchenplätzchen stolze sieben Euro bezahlt und das erst zuhause gemerkt hat. Egal, gegessen wird es trotzdem, und wenn es einen zerreißt! Da sind schon ganz andere Dinge im Magen gelandet, ohne zu wissen, was man in Wirklichkeit zu sich genommen hat, und sogar unfallfrei verarbeitet. Aber solange sich diese Dinge nicht bewegen und binnen weniger Minuten den Weg zum Hinterausgang gefunden haben, ist alles in Ordnung. Auch bei Weihnachtsschokolade und Weihnachtsgebäck.

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Die Supermärkte geben jedes Jahr den Startschuss für den letzten Event des Jahres, von dem sich alle gerne gefangen nehmen und abzocken lassen. Diese Hinweise auf das Jahresende kommen schleichend und unterschwellig und stoßen mir ebenfalls immer sauer auf. Von nun an wird gebettelt. Plötzlich versuchen sich Vereine, von denen man das ganze Jahr über nichts gehört hat, auf Straßenfesten im Verkauf von Backwerk, Grillgut und Handarbeiten, sogar Adventsschmuck, selbstverständlich zugunsten weihnachtlicher Good-Will-Aktionen und nicht für die eigene Kasse, woran ich eisern glaube, was aber immer heftig bestritten wird. Auch wird wieder an die Spendenbereitschaft appelliert zugunsten des Elends armer Menschen bei uns und auf der ganzen Welt, was eigentlich in den Verantwortungsbereich der Politik fällt, die unsere gewählten Volksvertreter aber aus Eigennutz nicht geregelt bekommen. Straßenmusiker nerven in Fußgängerzonen mit falsch gespielten weihnachtlichen Melodien und Folklore aus ihrer Heimat mit Gitarre, Trompete, Panflöte und Kassettenrecorder, Drehorgelspieler kurbeln sich einen Wolf und grinsen dümmlich in die Gegend, ebenfalls in der Hoffnung auf einen Obolus für ihre schwere Arbeit. Straßenfeste laden ein zum Alkoholkonsum, was besonders Papa erfreut und jugendliche Kampftrinker, um wenigstens vorübergehend den Alkopops zu entsagen, aber alles erträglicher erscheinen zu lassen. Und manche bekannten Gesichter erlebt man plötzlich auf eine ganz andere, vor allem beschwingte Weise.

Auch knien vermehrt herbei gekarrte Leute am Boden und hoffen ohne Zutun mit Mitleid heischenden Blicken auf milde Gaben. Würden sie wenigstens vor Bankgebäuden knien, hätte dies eine gewisse aktuelle Note und ich würde verständnisvoll lächeln und nicken. Aber was ich wirklich davon zu halten habe, habe ich eines Tages erlebt. Von wegen Spende, von wegen milde Gabe! Ich wollte einen minimalen Geldbetrag spenden, aber da ich gerade kein Kleingeld hatte, dachte ich, wechsle ich ihm einen Fünfeuroschein. Wäre der Mann ein Pitbull gewesen, er hätte mich garantiert in der Luft zerrissen. Ein anderer Mann hielt ein gemaltes Papier hoch, auf dem ungelenk geschrieben stand „Hunger und keine Arbeit“. Dieser sah sich alsbald genötigt, verärgert seinen Standort zu wechseln. Ein älterer Mann wollte ihm erklären, wo sich das Arbeitsamt befindet, was ihn aber partout nicht interessierte, ich hatte ihm großzügig eine Leberkässemmel gekauft, um sein gröbste Magenknurren abzustellen. Der Mann hatte sich dadurch wieder provoziert gefühlt, in einer mir  unverständlichen Sprache geschimpft und mir die leckere Semmel hinterher geworfen. Dann waren da noch der Mann mit der Sammelbüchse und sein Esel, die gemeinsam ums Überleben eines kleinen Zirkus kämpften. Da ich klar auf der Seite des Tieres stand, spendierte ich ihm uneigennützig eine Mohrrübe. Der Vierbeiner war sichtlich erfreut darüber und ich überzeugt, in diesem Moment einen Freund gewonnen zu haben. Beim despektierlichen Kommentar seines zweibeinigen Begleiters aber stellte ich die Ohren auf Durchzug. Er sah auch ganz danach aus, als säße bei ihm das Messer locker.

Vor dem großen Weihnachtsfinale wird sich auch vermehrt die Zeitung zunutze gemacht. Man hat plötzlich Angst, während der Feiertage allein zu sein, man möchte nicht gern mit der Familie feiern, weil das immer so ätzend und nach Schema F abläuft, das Fest der Liebe einmal mehr im alkoholbedingten Streit endet und die Psychiatrien Sonderschichten fahren. Kontaktanzeigen sind auch nicht immer das Wahre, meist bekommt man nur verzweifelten Ausschuss ab, gebraucht und abgelegt. Eine schnelle Nummer ist oft das Einzige, das unterm Strich herauskommt. Was gibt die Zeitung sonst noch her? Vorankündigungen. Weihnachtsschlussverkäufe überteuerter und überflüssiger Waren, die die Welt nicht braucht, Bitten der Gastronomie um Reservierungen für überteuerte Weihnachtsdinners, bei denen man nicht satt wird, geschossenes Wild der Jägervereinigungen inklusive Überraschungsschrotkugeln, dass auch der Zahnarzt seinen Reibach macht, Künstlermärkte, an denen fleißige Hausfrauen, Vereine und Hobbykünstler ihre Ganzjahresbasteleien zum Verkauf anbieten und kaum etwas daran verdienen. Auch wird man plötzlich auf Geschäfte aufmerksam, von denen man nie etwas gehört hatte, die nun für immer schließen und ihre Waren verramschen. Auch das ist eine Vorweihnachtszeit, auf die ich liebend gerne verzichten möchte.   

Dann beginnen die Weihnachtsmärkte, bereits im Sommer geplant und oft genug schon auf Ende November terminiert. Da interessiert nicht, dass noch der Totensonntag im Kalender steht. Die einen singen auf dem Friedhof „Ich hatte einen Kameraden“, die anderen auf dem Marktplatz „Ihr Kinderlein kommet“. Das beißt sich zwar ganz entschieden, Minderheiten regen sich darüber auch auf, sie werden aber des schnöden Mammons wegen großzügig ignoriert. Glaubt man an Reinkarnation, macht das aber Sinn. Den Vater und die geselligen Leute freut es, kommen sie doch endlich von den üblichen Drogen wie Bier, Schnaps, Prosecco und Wein weg und erholen sich bei Glühwein oder Glühpunsch. Das wiederum hat auch den Vorteil, dass bei entsprechender Kälte der Organismus gut durchgespült wird und Toiletten zu beliebten Anziehungspunkten werden, wie nach verkorksten Prostata-Operationen. Das hat aber auch den Vorteil, dass der Konsument meist gut gelaunt ist, für Stimmung sorgt oder sich einfach ins Bett legt und die Klappe hält, um die Wirkung des übermäßig konsumierten gepanschten Fusels abzubauen. Ansonsten schlendert man wie immer gelangweilt durch die Weihnachtsmärkte, betrachtet desinteressiert die Auslagen der Buden und Stände mit der unumstößlichen Gewissheit, dass man den Ramsch nicht braucht und der Kommerz das Weihnachtsfeeling richtig erschlägt. Schade, dass man seine Freizeit nicht besser zu nützen weiß.

Dann spielt natürlich auch das Klima eine nicht unwesentliche Rolle. Bricht die Adventszeit an, wünscht man sich Schnee, weil das einfach irgendwie dazugehört. Was bekommen wir stattdessen? Kälte, mittels der Ohren und Nase abfallen, Regen, Glatteis, Nebel, ausgefallene Heizungen und alles, auf das man bestimmt verzichten kann. Nach wenigen Tagen ist man genervt und wünscht sich Sommer, Sonne, schönes Wetter. Falls es überhaupt schneit, dann nur in höheren Lagen und die Schneedecke reicht nicht mal zum Skifahren. Egal, dann hat man eben mehr Zeit für ultimativen Weihnachtsplanungen und -vorbereitungen. Essen wir diesmal etwas Besonderes oder traditionell wieder dasselbe? Wie viele Kekssorten wollen wir backen, wie viele werden wieder aus Desinteresse verschenkt oder letztlich weggeworfen? Produzieren wir sie, wenn alle außer Haus sind oder nachts, dass sie nicht gleich weggefuttert werden, oder darf beziehungsweise muss die Familie mitarbeiten? Wer wird an Heiligabend eingeladen und warum? Wie sieht es mit dem Kirchgang aus, nachdem es vergangenes Jahr zum großen Flop gekommen war und die Familie während der Mitternachtsmesse alkoholbeseelt zu schnarchen begonnen hatte? Und schließlich die Gretchenfrage: Man möchte diesmal endlich konsequent dem jährlichen Kaufrausch entsagen, aber was könnte man trotzdem als Kleinigkeit schenken und wie werden die Beschenkten darauf reagieren? Ich habe einen kleinen Weihnachtsratgeber beherzigt. Manchmal beiße ich mir dabei auf die Zunge, manchmal komme ich nicht daran vorbei zu artikulieren.

Was ich am liebsten sagen würde: „Oh Mann, schon wieder Socken.“ Da sage ich stattdessen: „Ui fein, meine letzten zehn Paar sind gerade erst alle kaputt gegangen.“ Oder: „Noch mehr Plätzchen? Wer soll die denn alle essen?“ Ich sage lieber: „Toll Schatz, ich finde eh’, dass du etwas schmal um die Hüften geworden bist.“ Was ich auch gerne sagen würde ist: „Können deine Eltern nicht mal alleine Weihnachten feiern? Zwei Fresser mehr reißen ein großes Loch in die Kasse.“ Was aber sage ich um des lieben Friedens Willen? „Prima, die zwei hab’ ich schon seit Nikolaus nicht mehr gesehen.“ Was mir ebenfalls immer auf der Zunge liegt, wenn der Magen knurrt und das Mittagessen steht zeitlich noch nicht fest: „Was soll das heißen: Der Braten ist noch nicht durch? Ist schon wieder etwas schief gelaufen?“ Was sage ich stattdessen? „Macht nichts, Schatz. Die Beilagen ess’ ich sowieso am liebsten.“ Was ich aber am Allerliebsten sagen würde ist „Scheiß Kommerz! Scheiß Weihnachten! Scheiß Langeweile!“ Aber was sage ich Idiot? „Frohes Fest!“

Diese und ähnliche Sprüche klopfe ich schließlich in trauter Runde, um Stimmung in die steife Versammlung hineinzubringen. Zugegeben, sie werden nicht immer verstanden oder ich werde dafür getadelt, aber mir ist das egal. Ich brauche das einfach. Nur so ertrage ich die Weihnachtszeit und das ganze Brimborium, den die Menschen damit veranstalten. Und falls es tatsächlich einen Himmel gibt, hat man sich bestimmt längst mit Grausen abgewandt, davon bin ich felsenfest überzeugt. Denn irgendwann ist den vergangenen 2000 Jahren hundertprozentig etwas falsch gelaufen. Halleluja, gelobt sei der Herr!

(c)Peter Wendlandt

*ich danke Peter Wendlandt für die Bereitstellung dieser Geschichte.
 

Zorica Vrabl
Im Winterzauberland

Draußen rieselte der Schnee ins Tal und im Haus hörte man nur das leise Knistern des Feuers im Kamin.
Im Wohnzimmer spürte ich die wohlige Wärme des Feuers, aber mich rief der schöne weiße Schnee.

Ich zog also meine Stiefel an, schlang mir den roten Schal um und setzte die Mütze auf. Eilig öffnete ich die Eingangstür. Ein Hauch von Wind und Schneeflocken bedeckte da schon mein Gesicht. Meinen Schlitten hinter mir herziehend machte ich mich auf den Weg zum Hügel mitten im Ort. Ein wunderschöner, weißer Schneeteppich umhüllte alles. Glitzer legte sich über die Landschaft und verzauberte den ganzen Ort.
Welch ein wunderschöner weißer Mantel. 

Wenn man hinauf zur Straßenlaterne blickte, konnte man in eine Traumwelt schauen. Nicht nur schauen – es öffnete sich förmlich ein kleines Tor aus Licht, und die Laterne schaukelte leise im Wind. Ich machte einen Schritt weiter und betrachtete die weißen Bäume, von Frost und Glitzer umarmt.

„Oje“, dachte ich da, „ist das kalt.“ 

Unter meinen Stiefeln knirschte der Schnee. Jeder Schritt fühlte sich tiefer an. Ich schaute hinauf, öffnete den Mund – und eine einzelne Schneeflocke fiel hinein. Und da begann alles. Durch das kleine Tor konnte ich reinsehen und im weiß überzogenen Wald konnte man ein leises Klopfen hören. 

„Nanu“, dachte ich. „Was ist das?“ 

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Obwohl die Schneedecke alles dick bedeckte, konnte ich mit angestrengtem Blick etwas erkennen … Ich näherte mich dem Geräusch und pustete vorsichtig in den Pulverschnee. 

Flocken  wirbelten auf mit dem Wind, es sah aus wie in einer Schneekugel. Träumte ich oder war es wahr?
Eine kleine Zipfelmütze fing da an zu leuchten, bewegte sich! Dann sagte ich: „Hallo!“ Es blickte mich ein kleines winziges Wesen an. Eine Schneeflocke!
Sie lächelte mich an. 
Mit einem Hauch zauberte sie ein wunderschönes, winziges Häuschen. Die Kleine namens Lumili winkte mir, ich solle ihr helfen. Aber ich war doch so groß, wie sollte ich in das Häuschen passen. 
Ich machte einen Schritt nach vorn und schaute nun in einen Zauberwald voller Wintermagie. Mein Herz pochte. Ein Moment, da ich noch im Pulverschnee gestanden hatte und nur einmal blinzelte, und schon passierte ein Winterwunder.

Die Schneeflocke … Sie lächelte weiter, ich wurde da auf einmal so klein. Ich schaute mich um und da, wieder eine Überraschung: eine atemberaubende kleine Werkstatt von Schneeflocken. Eine schöner als die andere. Glitzernder Pulverschnee bezauberte mein Gesicht. Im diesem Moment wurde ich selber eine weiße Schneeflocke. 
Einen Augenblick später wurde ich wieder groß und befand mich zurück unter der Laterne. Nun konnte ich nur noch ein leises Klopfen hören. War es ein Traum gewesen oder hatte mich die kleine Schneeflocke in ihre Welt mitgenommen, von welcher ich sonst nur träumen konnte. 

Ich nahm meine Schlitten-Kordel in die Hand und ging weiter zum Hügel, wo man das laute Kreischen der Nachbarskinder hören konnte.
Endlich erreichte ich den Hügel und traf Leon.
„Los, Maria!“, sprach er laut und aufgeregt, der kleine Leon.

Mein Schlitten wurde immer schneller und da zögerte ich kurz: Da war sie wieder, meine kleine Schneeflocke Lumili mit ihre Zipfelmütze und schlitterte mit mir den Berg hinunter, was für ein Spaß!

Meine kleine Freundin mit ihrer Zipfelmütze winkte mir schließlich noch einmal und verschwand dann mit einer Windböe im Pulverschnee.

©Zorica Vrabl

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Zorica Vrabl!

Christina Telker
Die Entdeckung

Elke saß auf der Couch, um sie herum lagen einige Backbücher, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Die Adventszeit war wieder einmal, schneller als erwartet, in greifbare Nähe gerückt und es galt ein paar Rezepte für die Weihnachtsbäckerei heraus zu suchen. Als sie noch so in ihre Gedanken versunken war, läutete das Telefon. Heike, ihre Tochter rief an. „Hast du schon angefangen Plätzchen zu backen?“, war ihre erste Frage. „Nein. Ich bin gerade dabei einige Rezepte heraus zu suchen“; gab die Mutter zur Antwort. Jetzt folgte ein heiterer Austausch der unterschiedlichsten Anregungen, bis Elke sagte: „Weißt du noch? Kannst du dich noch erinnern? Sicher warst du damals zu klein. Oma verstand es hervorragen zu backen. Ihre Lebkuchen waren unübertroffen. Ich ärgere mich jedes Jahr aufs Neue, dass ich sie mir nicht habe geben lassen. Erst als ich älter wurde, merkte ich schmerzhaft den Verlust. Ach wenn ich diese Rezepte noch hätte!“ „Ach ja“, begann jetzt auch Heike zu schwärmen, „das wäre tolle. Du weißt, ich werde im nächsten Jahr ein kleines Kaffee eröffnen. Den Raum habe ich jetzt auch schon gefunden. Wenn ich dort zur Weihnachtszeit etwas Besonderes anbieten könnte, dass es nirgends sonst gibt, das würde mir Kundschaft bringen. Aber ich denke, wir haben schon alles durchgesucht, damals als wir gemeinsam den Boden aufräumten.“ „Ja, leider“, bestätigte die Mutter.

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Als das Telefonat beendet war, dauerte es noch ein Weilchen bis Elke wieder zu ihrem Vorhaben zurückkehren konnte. Die Erinnerung hatte sie gefangen genommen. Nach einer Tasse Tee, machte sie sich jedoch frohgemut weiter daran, die schönsten Rezepte heraus zu suchen.  Gegen Abend lag dann eine stattliche Anzahl von Rezepten vor ihr, die ausprobieren wollte. Elke musste lächeln, als sie an das eine Rezept dachte, dass in jedem Jahr zur Weihnachtsbäckerei gehörte. Es befand sich in einem Backbuch und nannte sich ‚Teufelsküsse‘, da sehr viel Schokolade dafür benötigt wurde. Da ihre Mutter aber vom Teufel keinen Kuss haben wollte, das Rezept jedoch großartig fand, gab sie dem Rezept einfach einen anderen Namen ‚Schokoknöpfe‘ und schon war es für sie kein Problem mehr sie zu backen. ‚Ach ja, wenn doch nur das Rezept der Großmutter noch da wäre. Ob es heute noch funktionieren würde? Viele Zutaten hatten sich verändert im Laufe der Zeit‘, so gingen Elkes Gedanken.

Als Heike zum Adventskaffee erschien, freute sie sich über die gelungenen Kreationen ihrer Mutter. „Möchtest du nicht zu mir ziehen?“, fragte sie in den letzten Jahren zum wiederholten Male. Immer hatte die Mutter abgelehnt. Es gab immer neue Gründe die sie vorbrachte um nicht ihren Heimatort zu verlassen. „Wenn ich dann im kommenden Jahr mein Kaffee eröffne, könntest du mir eine große Hilfe sein. So würdest du dich schnell einleben. Was meinst du, was wir alles gemeinsam schaffen könnten.“ Mutter und Tochter hatten sich schon immer gut verstanden. Die Idee mit dem Kaffee war verlockend, das musste Elke zugeben und was hielt sie wirklich noch hier, überlegte die Mutter. „Ich werde es mir überlegen. Im Frühjahr komme ich mal vorbei und schau es mir an“, sagte sie nun zu ihrer Tochter. „Mutti! Das wäre großartig!“ Voll Jubel umarmte Heike ihre Mutter. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, die Mutter irgendwann überzeugen zu können. ‚Wie gut war doch die Idee, der Mutter im Kaffee noch einmal eine Aufgabe zu geben‘, dachte die junge Frau jetzt.

Wie versprochen, kam die Mutter Anfang März um sich die Ideen ihrer Tochter anzusehen. Die Handwerker waren gerade dabei die Räume zu renovieren. Heike legte der Mutter ihre Entwürfe vor, wie sie sich das Kaffee eines Tages vorstellen könnte. Mit einem Simulationsprogramm hatte sie alles selbst entworfen. Nun berieten die beiden Frauen und brachten gemeinsam ihre Ideen ein. Manches wurde verändert, anderes blieb so wie Heike es sich vorstellte. Am nächsten Tag gingen beide gemeinsam zu den Ämtern um die noch erforderlichen Wege zu erledigen. Zurückgekehrt ging Elke schweren Herzens zum Makler um ihr Haus zum Kauf anzubieten. Ein wenig Vorfreude auf das Neue, das nun auf sie wartete war auch dabei, aber der Abschiedsschmerz überwog, immerhin war es ihr Elternhaus von dem sie sich nun verabschiedete. Schnell fand sich ein Käufer, bei dem Elke auch ein gutes Gefühl hatte und ihm gerne ihr Haus überlies. Schon bald begann sie mit dem Packen der Umzugskartons. Nach so einem langen Leben in einem Haus, galt es Wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Nicht alles konnte mitgenommen werden.

Als der Mai Einzug hielt und die Bäume im Garten ihre ersten Blüten zeigten, hielt der Umzugswagen vor dem Haus. Als alles verladen war, gingen Mutter und Tochter noch einmal durch alle Räume um Abschied zu nehmen. Heike strich ab und zu liebevoll mit der Hand über die Wände. Als sie in der Küche angekommen waren, hielt sie plötzlich inne. Noch  einmal berührte sie die gleiche Stelle, diesmal etwas intensiver. „Mutti, schau, hier ist was“, rief sie ihrer Mutter zu. „Was soll da schon sein? Früher hat man nicht so exakt gearbeitet. Wird eine leichte Unebenheit im Mauerwerk sein“, gab sie zur Antwort, kam aber noch einmal zurück um sich die Stelle genauer zu betrachten, sie die Tochter ihr zeigte. Jetzt strich auch sie mit der Hand darüber. Da war etwas, das spürte sie nun auch. Mit einem Messer lösten sie vorsichtig die Tapete und entdeckten eine kleine Tür, nicht größer als ein mittleres Schneidebrett. Mit einem Dietrich öffneten sie das Schloss und standen vor alten Schriften. Unterschiedliche Zettel und Hefte waren hier sorgfältig übereinander gestapelt. Behutsam nahm Elke den Stapel an Schriften aus dem Fach. Ein Jubelschrei entfuhr ihr, als sie die Handschrift ihrer Mutter erkannte. Wenig später wurde beiden Frauen klar, dass waren die gesuchten Rezepte der Großmutter. Elke hielt den Stapel der Schriften an sich gedrückt. ‚Danke Mutter, für diesen letzten Gruß‘, dachte sie bei sich. Als daheim die Möbel wohnlich gestellt und das neue Zimmer eingerichtet war, machten sich die beiden Frauen in aller Ruhe daran die Rezepte zu lesen und zu sortieren. Nichts hielt sie davon ab in den nächsten Wochen, trotz sommerlicher Hitze, Lebkuchen zu backen. Immerhin mussten sie die Rezepte ausprobieren um sie zur Adventszeit ihren Gästen anzubieten. Jedes einzelne Rezept wurde fein sortiert in eine Kartei eingegeben. Als sich die Frauen für die schmackhaftesten zehn Sorgen entschieden hatten, meldeten sie diese zum Patent an.

Als dann im Spätherbst Großmutters Lebkuchen und Weihnachtstorten im Kaffee angeboten wurden, riss der Ansturm der Gäste nicht ab. Schnell hatte sich herum gesprochen, dass es im Kaffee „Großmutters Schatzkästchen“ besondere Naschereien für den Gaumen gab. Als die beiden Frauen am Heiligen Abend zur Christmesse gingen, dankten sie Gott für das Geschenk, das sie im letzten Moment in ihrem alten Haus entdecken durften. Voller Zuversicht blickten sie eine Woche später ins neue Jahr.

© ChTelker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Eva Zimmermann
Begegnung mit dem Weihnachtsmann

Susi stapfte durch den Schnee dem Wald zu. Es war bitter kalt und fast bereute sie ihren Entschluss, das warme Haus verlassen zu haben. Doch wenn sie an den Mann dachte, mit dem sie dort zusammen gelebt hatte … Nein, ihr Entschluss, das Weite zu suchen, war richtig gewesen. Sie musste nur ein bisschen schneller laufen, dann würde es ihr schon warm werden.
Früher, da war alles anders gewesen. Susi hatte immer ein gutes Frühstück bekommen und mittags einen Snack. Abends hatte ihr Johanna ein leckeres Mahl serviert, das sie selbst gekocht hatte. Johanna und sie hatten danach manchmal zusammen auf dem Sofa gesessen und sich alte Filme angesehen. Oft hatten sie auch miteinander gespielt und Susi durfte immer in ihrem Bett schlafen, wenn der Mann auf einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen war. Susi dachte damals, dass es im Paradies nicht besser sein könnte.

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Eines Tages war der Mann Rentner geworden. Er war nun viel zu Hause und beanspruchte Johannas Zeit. Sie machten Ausflüge, fuhren über das Wochenende oder sogar länger fort und Susi war, obwohl die Nachbarin täglich vorbeischaute, viel allein. Trotzdem – der Mann war immer nett zu ihr gewesen, hatte mit ihr geredet und gespielt und trotz der zeitweisen Einsamkeit hatte Susi doch immer das Gefühl gehabt, geliebt zu werden.
Doch dann passierte etwas, womit Susi in ihren schlimmsten Träumen nicht gerechnet hatte: Johanna wurde schwer krank und starb kurz darauf. Nun begann für Susi ein freudloses Dasein. Da war niemand mehr, der mit ihr spielte oder schmuste, niemand, auf dessen Schoss sie es sich vor dem Fernsehgerät bequem machen konnte, niemand, der ihr Leckereien servierte. Es war trostlos geworden in dem einst so glücklichen Heim. Der Mann schien gar nicht zu merken, dass sie auch noch da war. Er beachtete Susi nicht mehr, er kümmerte sich einfach nicht um sie. Sie bekam nicht mal mehr regelmäßig ihre drei Mahlzeiten, geschweige denn etwas Wärme und Zuneigung. Da hatte sie begonnen, Johannas Mann nur noch „der Mann“ zu nennen, obwohl auch er natürlich einen Namen hatte. Doch Susi fand, dass er ihn nicht mehr verdiente. Robert – das klang viel zu nett für einen Klotz wie ihn. Der Mann saß nur noch am Tisch und starrte vor sich hin. Von Zeit zu Zeit seufzte, ja, weinte er sogar.

Susi verstand die Welt nicht mehr. Natürlich, auch sie war traurig, dass Johanna nicht mehr da war, aber das Leben ging doch weiter! Schließlich war sie, Susi, doch noch da! War das etwa nichts? Hatte sie nicht ein Recht auf ein angenehmes Leben? Sie hatte von diesem tristen Dasein wirklich genug! Daher hatte sie einen günstigen Moment abgewartet, um das Haus für immer zu verlassen. Der Mann verdiente sie einfach nicht. Sie hatte Anspruch auf Besseres! Und das wollte sie finden, irgendwo da draußen in der weiten Welt.
Sie sank bei jedem Schritt tief in den Schnee ein und überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, mit dem Ausreißen bis zum Frühjahr zu warten. Aber nein, so lange hätte sie es gar nicht ausgehalten. Wer wusste, ob sie überhaupt den Winter überlebt hätte bei der schlechten Behandlung, die ihr widerfuhr!
Allmählich wurden Susis Beine schwer. Jeder Schritt erforderte gewaltige Anstrengung. Sie war müde und sehnte sich danach, ein bisschen auszuruhen. Nur ein paar Minuten! Sie wusste, dass dies gefährlich war; sie konnte einschlafen und erfrieren. Aber sie musste doch neue Kraft schöpfen!
Gerade, als Susi nachgeben und sich im Schnee zusammenrollen wollte, sah sie am Waldrand etwas aufblitzen. Was das wohl war? Ein Haus vielleicht? Susi raffte sich noch einmal auf und kämpfte sich weiter durch den Schnee in Richtung Licht. Es schien kaum näher zu kommen, so sehr sie sich auch anstrengte. Dann aber war sie endlich in Hörweite. Was war das für ein Geräusch? Es klang wie eine Glocke. Susi schüttelte heftig den Kopf, um als Antwort das Glöckchen an ihrem Halsband zum Klingen zu bringen. Und da hörte sie es wieder, bim-bim, diesmal schon etwas näher. Der Klang erinnerte sie an dieses Fest, das Johanna und der Mann immer im Winter gefeiert hatten und das Weihnachten hieß. Ja, es war ja jetzt auch Winter! Ob schon Weihnachten war? Der Mann feierte es sicher nicht mehr ohne Johanna, soviel stand fest.
Endlich, endlich hatte Susi es geschafft. Ein Haus fand sie allerdings nicht, dafür aber einen Schlitten. Davor waren Rentiere gespannt, die mit den Glocken um ihre Hälse läuteten. Auf dem Schlitten saß ein alter, weißbärtiger Mann in einem roten Mantel. Er lächelte Susi entgegen und sagte mit warmer Stimme: „Da bist du ja, Susi! Komm, spring auf meinen Schoß! Ich muss mit dir reden!“
Das ließ sich Susi nicht zweimal sagen, zumal der Mann ihr seine Hand entgegenstreckte, in der sich einige lecker duftende Kekse befanden.
Nachdem sie einen davon gierig verschlungen hatte, hob sie den Kopf und fragte: „Aber woher kennst du meinen Namen?“ Der Alte schmunzelte: „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Ich habe dich dein ganzes Leben über beobachtet. Wir sind uns sogar schon begegnet! Erinnerst du dich nicht?“
Susi dachte angestrengt nach, schüttelte dann aber den Kopf.
„Nun, du warst damals auch noch sehr jung. Erst ein paar Wochen alt. Du bist auf einem Bauernhof zur Welt gekommen. Die Bauersleute wollten dich nicht behalten, denn die zahlreichen Kätzchen – du und deine Geschwister - waren ihnen zu viel. Die meisten konnten sie verschenken, aber du warst noch übrig und so hatten sie schweren Herzens beschlossen, dich zu ertränken. Ich habe deine Hilferufe gehört und Robert auf den Bauernhof geschickt. Er ist direkt vor dem Hof mit dem Auto in einen Graben gerutscht. Na ja, ich hatte etwas Schmierseife auf die Straße geschüttet. Nicht die feine englische Art, aber es war schließlich ein Notfall, nicht? Er musste auf dem Hof um Hilfe bitten, und da sah er dich. Es war Liebe auf den ersten Blick und er dachte sofort an Johanna, die ein bisschen Gesellschaft brauchen konnte, da er oft lange von zuhause fort war. Tja, so bist du zu Robert und Johanna gekommen! Ich habe dich am Weihnachtsabend mit meinem Schlitten dort hingebracht.“
„Oh, das habe ich nicht gewusst! Ich war wohl noch zu jung, um mich zu erinnern. Aber - der Mann mag mich doch gar nicht! Er macht mir das Leben zur Hölle!“, entgegnete Susi.
Der Weihnachtsmann schüttete den Kopf. „Das siehst du falsch! Robert ist so traurig über den Verlust von Johanna, dass er seine Umwelt – und das schließt dich ein – nicht mehr wahrnimmt. Er ist einfach von seinem Schmerz gefangen und er ist in großer Gefahr. Es gibt aber jemanden, der ihm helfen kann!“
Erstaunt hob Susi den Kopf. „Ja? Wen denn?“, fragte sie.
Der Weihnachtsmann sah sie nur an.
„Wer -, ich etwa?“, maunzte Susi verwundert.
Der alte Mann nickte lächelnd: „Ja, Susi, genau du! Willst du zurück zu ihm gehen und ihm helfen?“
Susi drehte den Kopf und sah den langen Weg, den sie zurückgelegt hatte. Der Weihnachtsmann verstand sofort, was ihr Sorgen machte, und sagte: „Du darfst wieder in meinem Schlitten fahren! Ich bringe dich heim, wie damals!“
Obwohl Susi sich noch nicht ganz sicher war, dass sie dem Mann tatsächlich helfen wollte, verlockte sie die Aussicht auf eine Schlittenpartie durch die Wolken so sehr, dass sie zustimmte.
Eine Frage hatte sie aber noch: „Heute ist doch Weihnachtsabend, nicht?“ Als der Alte nickte, bat Susi: „Kannst du mir nicht etwas geben, das ich dem Mann mitbringen kann? Ich glaube, er hat ganz vergessen, dass Weihnachten ist, und ich möchte ihn daran erinnern!“
Der Weihnachtsmann lächelte und angelte etwas aus dem Sack hinter sich. „Was für eine gute Idee, Susi! Hier, nimm ihm diesen Stern mit. Du kannst ihn leicht im Maul tragen!“
Vorsichtig nahm Susi den goldglitzernden Stern zwischen die Zähne und nickte dem Alten zu – sprechen konnte sie nun ja nicht mehr.
Der Weihnachtsmann schnalzte mit der Zunge und – huiii – sausten sie los. Susi wurde genau vor ihrer Katzenklappe abgesetzt. Sie schlüpfte hindurch und lief geradewegs in die Küche. Richtig, da saß der Mann am Küchentisch, vor sich, wie so oft in letzter Zeit, eine große Flasche Whisky. Aber da war noch etwas anderes: einige Röhrchen mit Tabletten. Was hatte er vor? Susi wusste, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Aber was sollte sie machen, um Robert davon abzuhalten, dieses tödliche Zeug zu schlucken? Sie dachte scharf nach. Dann sprang sie lautlos auf die Fensterbank. Von dort aus war es ein weiter Sprung bis auf den Tisch, aber das konnte sie schaffen.
Ein Satz, und schon landete sie neben der Whiskyflasche. Sie nutzte den Schwung aus und schlitterte auf dem Bauch quer über die Tischplatte, wobei sie die Flasche und die Tabletten hinunterfegte. Im nächsten Moment stand sie auf dem Boden und setzte erneut zum Sprung an. Sie landete auf allen vier Pfoten direkt vor Robert, der vollkommen ungläubig von Susi zur zerschmetterten Schnapsflasche und wieder zu Susi guckte. Die Katze stand ihm Auge in Auge gegenüber und sah ihn eindringlich an. Dann legte sie vorsichtig den Goldstern vor Robert, und zwar so, dass dieser lesen konnte, was darauf geschrieben stand: „Gesegnete Weihnachten!“
Es war Robert, als erwachte er aus einem langen, schlimmen Traum. Er sah lange auf den Stern, dann lächelte er, nahm Susi auf den Arm und sagte: „Ich weiß, was du mir sagen willst! Ich glaube, du hast mich gerade vor einer großen Dummheit bewahrt! Johanna würde sicher wollen, dass du und ich zusammen Weihnachten feiern. Und sie wird in unseren Herzen dabei sein. Danke, meine liebe kleine Susi! Du hast mich gerettet, obwohl ich dich in der letzten Zeit so vernachlässigt habe! Ich denke, ich habe bei dir einiges gutzumachen!“ Die Katze räkelte sich genüsslich in seinem Arm und miaute ein zustimmendes, zufriedenes „Jau!“
Der Weihnachtsmann schaute lächelnd durchs Fenster, aber das sah nur Susi. Sie zwinkerte ihm fröhlich zu und kuschelte sich tiefer in Roberts Arm.

(c) Eva Zimmermann

 

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Eva Zimmermann

Antje Steffen
Lara und der Schneemann

Lara schlenderte über den Weihnachtsmarkt. Endlich hatte sie Zeit gefunden, um den geplanten Bummel zu machen. Die letzte Zeit war sehr hektisch gewesen und so konnte sie erst jetzt, ein paar Tage vor Weihnachten, über den Markt gehen.

Lara wollte gern ein paar Geschenke besorgen und hoffte, hier fündig zu werden. Sie genoss die Atmosphäre, die von den Buden ausging. Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehörte für Lara zu Weihnachten.

Langsam ging sie von Stand zu Stand und besah sich die angebotenen Dinge. An einem Stand mit geschnitzten Weihnachtsfiguren blieb sie stehen. Die Elfen, Schneemänner, Weihnachtsmänner und Wichtel waren wunderschön.

Lara wusste nicht, welche der Figuren ihr am besten gefiel. Nachdem sie eine Weile geschaut hatte, nahm sie einen Schneemann zur Hand. Lara betrachtete die Figur genau. Der kleine Kerl hatte ein verschmitztes Grinsen im Gesicht, trug einen blau-weiß geringelten Schal und eine blaue Pudelmütze. Sie schaute nach dem Preis und beschloss, den Schneemann zu kaufen. Lara wollte ihn zu den anderen Schneemännern ihrer Sammlung stellen.

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Sie liebte Schneemänner und hatte schon einige Exemplare zuhause. Dieser kleine Kerl würde gut dazu passen. Der Mann hinter dem Tresen lächelte ihr zu.

„Eine gute Wahl! Der Kleine wird Ihnen viel Freude bereiten.“ „Das denke ich auch. Er ist wunderschön!“

Nachdem der Mann die Figur sorgsam verpackt hatte, reichte er sie Lara und diese steckte das Päckchen vorsichtig ein. Sie freute sich darauf, den Schneemann zu seinen Freunden zu stellen.

Lara verabschiedete sich vom Verkäufer und schlenderte weiter über den Markt.

Nach und nach fand sie Geschenke für ihre Lieben. Zum Abschluss gönnte Lara sich einen Punsch und eine Waffel. Zufrieden machte sie sich auf den Weg nach Hause.

Dort angekommen verstaute Lara zuerst die mitgebrachten Geschenke, dann kochte sie sich einen Tee und nahm diesen mit ins Wohnzimmer. Dort gab es eine Ecke, in der sämtliche Weihnachtsschneemänner, die sie ihr Eigen nannte, aufgebaut waren.

Vorsichtig wickelte Lara ihren neuen Schneemann aus. Sie hielt ihn in den Händen und überlegte, an welcher Stelle er am besten stehen könnte.

Bevor Lara sich entschieden hatte, regte sich die Figur in ihren Händen. Lara sah den Schneemann an und schüttelte über sich selbst den Kopf. Jetzt dachte sie schon, der Kleine hätte sich bewegt. Erneut überlegte sie, wohin ihr kleiner Freund passen würde.

Wieder spürte sie etwas in ihrer Hand und als sie diesmal hinsah, winkte ihr der Schneemann zu. Mit großen Augen blickte Lara auf die Figur.

„Was…?“ - „Keine Angst! Du siehst richtig. Ich heiße Sammy und bin ein ganz besonderer Schneemann. Ich möchte dich einladen, mit mir ins Winterwunderland zu kommen.“

Lara setzte sich. „Aber wie kann das sein? Wieso kannst du mit mir sprechen?“ Sammy lächelte. „Ich kann mit dir reden, weil du noch an Wunder glaubst. Diese Fähigkeit haben die meisten Menschen verloren. Deshalb ist es ihnen nicht möglich, mit uns Schneemännern zu sprechen.“
„Du möchtest, dass ich dich ins Winterwunderland begleite. Wo ist dieses Land und wie soll ich dorthin kommen?“
„Das ist ganz einfach. Du musst nur die Augen schließen und dir wünschen ins Winterwunderland zu reisen.“

Lara lächelte. „Sollte ich mir vorher vielleicht meine warme Jacke anziehen?“ „Das ist eine gute Idee, denn bei uns ist es kalt und du sollst nicht frieren.“

Lara stellte Sammy kurz auf den Tisch, um Jacke, Schal, Mütze und Schuhe anzuziehen. Als sie fertig war, nahm sie den Schneemann erneut in die Hand.

„Ich bin soweit! Es kann losgehen.“ Sammy nickte. „Gut, dann schließe deine Augen und wünsche dich ins Winterwunderland.“

Lara tat wie ihr geheißen. Zuerst passierte nichts, doch dann spürte sie die Kälte.

„Du kannst die Augen aufmachen. Wir sind angekommen.“

Lara öffnete langsam die Augen und konnte kaum glauben, was sie sah. Überall standen wundervoll geschmückte Häuschen und dazwischen wuselten Schneemänner, -frauen und Schneekinder umher.

Lara wandte sich an Sammy. „Es ist wunderschön hier. Ich danke dir dafür, dass du mich hierhergebracht hast.“
„Es freut mich, dass es dir gefällt. Komm ich zeige dir alles.“

Hier im Winterwunderland war Sammy zu einem großen Schneemann herangewachsen. Er reichte Lara die Hand und die beiden machten sich auf den Weg.

Unterwegs wurde Sammy von vielen begrüßt. Auch Lara wurde freundlich empfangen. Einige der Schneemänner warfen ihr bedeutungsvolle Blicke zu
und die Frauen tuschelten.

Lara wunderte sich. Was hatte das zu bedeuten? Sie wollte sich gerade an Sammy wenden, um ihn zu fragen, da traten sie auf den Dorfplatz. In der Mitte des Platzes stand ein wunderschöner, großer Weihnachtsbaum. Staunend betrachte Lara den Baum.

Ohne dass Lara etwas bemerkte, zog Sammy sich zurück und sie blieb allein vor dem Baum stehen.

Nach einer Weile löste Lara ihren Blick vom Baum und sah sich nach Sammy um. Statt Sammy stand ihr auf einmal ein junger Mann gegenüber. Dieser sah sie genauso verwundert an wie sie ihn. Was war hier los?

Der Mann löste sich als Erstes aus seiner Starre. „Hallo, mein Name ist Sven. Ich wusste nicht, dass es hier noch andere Menschen gibt.“

Lara wagte ein Lächeln. „Hallo, ich bin Lara. Von anderen Menschen hat Sammy mir nichts gesagt. Ich dachte, ich wäre die Einzige hier.“

Sven lächelte zurück und Laras Herz machte einen Hüpfer. Sie konnte den Blick nicht von Sven wenden. Seine Augen waren so grün wie die Nadeln des Weihnachtsbaums und er hatte ein fein geschnittenes Gesicht.

Auch Sven fiel es schwer, seinen Blick abzuwenden. Lara hatte leuchtend blaue Augen und schulterlanges, blondes Haar, das in vielen Locken um ihren Kopf lag.

Während Lara darüber nachdachte, wie es wohl wäre, von Sven geküsst zu werden, nahm dieser sie auch schon in den Arm und ihre Lippen berührten sich. Einen Moment war sie überrascht, dann jedoch genoss sie Svens Kuss und seine Arme, die sich um sie gelegt hatten und sie zärtlich hielten.

Als Sven sich von Lara löste erklärte er: „Ich weiß nicht, wie das sein kann, aber ich habe mich verliebt.“

Lara lächelte. „Mir geht es genauso.“

Während sie noch so dastanden und über dieses Wunder nachdachten, füllte sich der Platz mit den Bewohnern des Winterwunderlandes. Sammy trat zu dem Pärchen.

„Ich wusste es! Gleich als du an den Stand gekommen bist, wusste ich, du bist die richtige Frau für Sven.“

Lara sah Sammy an. „Wie kann das sein?“
„Es ist die Magie des Winterwunderlandes. Mein Freund Sleepy hat Sven gefunden und wir wussten sofort, dass wir eine Frau für ihn finden sollten. Als du an den Stand des Schnitzers gekommen bist, war ich sicher, dass du es bist, die wir suchten. Als du mich gekauft hast, war es vollkommen klar. Wie du siehst, hatte ich Recht!“

Neben Sammy war ein weiterer Schneemann aufgetaucht. Auch er strahlte.

„Genau! Ihr zwei seid füreinander bestimmt. Sonst würdet ihr gar nicht hier sein.“

Einen Moment war alles still, dann sagte Sven: „Ich will mich nicht beschweren, aber wie soll es weitergehen? Wir können doch nicht hierbleiben. Wie sollen wir uns in unserer Welt wiederfinden?“

Sammy lachte. „Das ist kein Problem! Du bist noch neu in der Stadt, in der du lebst. Deshalb kennst du kaum Menschen dort. Lara wohnt nur ein paar Straßen von dir entfernt. Wenn ihr nachher nach Hause kommt, braucht ihr nur zum Stand des Holzschnitzers zu gehen. Dort werdet ihr euch treffen.“

Lara lächelte. Es waren heute so viele Wunder geschehen, da wollte sie gern an ein weiteres glauben. Sven erging es ebenso.

Als nun die Schneemänner zum Aufbruch mahnten, küsste er Lara.

„Bis bald, meine Schöne! Wir sehen uns auf dem Weihnachtsmarkt.“

„Ich werde da sein.“

Sie wurden von ihren Schneemännern an die Hand genommen und waren bald darauf zurück in ihren Wohnungen.

Einen Moment zögerte Lara, dann machte sie sich auf den Weg zum Markt. Bald erreichte sie diesen. Sie ging direkt zum Stand des Schnitzers. Als sie Sven dort stehen sah, machte ihr Herz einen freudigen Hüpfer.

Sven hatte Lara ebenfalls entdeckt und ging ihr entgegen. Als sie voreinander standen, strahlten ihre Augen. Sven nahm Lara in den Arm.

„Ich lasse dich nie wieder los! Du bist mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Glücklich schmiegte Lara sich in seine Arme. Sie wusste, hier gehörte sie her.

 

(c) Antje Steffen

Geschichte enthalten in meinem Buch "Zur rechten Zeit - Geschichten so bunt wie das Leben", Papierfresserchens MTM-Verlag, November 2018

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Antje Steffen


Heinz Riedel
Ein Weihnachtsmärchen

Vor Festtagen fügen sich Erlebnisse oft stimmungsvoll ein in Inhalt und Bedeutung der anstehenden Feiertage.

Am Standplatz vor dem Hauptbahnhof traf diese Feststellung in der Vorweihnachtszeit für die Mehrzahl der Taxifahrer allerdings nicht zu. Das Bestreben, lukrative Fahrten zu ergattern, brachte leichtes Konkurrenzdenken auf.

Wolfgang Henschel hatte in der Hektik des anstrengenden Großeinsatzes sein freundliches, hilfsbereites Naturell nicht verloren. Das sollte ihn zu einem schönen Weihnachtserlebnis führen.

Wieder einmal wurde er von der Zentrale namentlich aufgerufen, eine alte Dame aus der Parkallee abzuholen. Seit einigen Wochen war Wolfgang sozusagen der Leib—Chauffeur dieser achtzigjährigen Frau. Er musste sie zum Einkaufen fahren, zum Friseur, zum Arzt. Kurz gesagt, sie ließ sich nur von ihm fahren.

"Ich möchte heute", sagte die alte Dame, "nicht zum Einkaufen fahren, sondern zu einem Dorf in der Umgebung."

Wolfgang Henschel war der Achtzigjährigen behilflich, den Gurt festzumachen und erwiderte: "Dann will ich Ihnen die Heizung recht warm einstellen. Es ist sehr kalt draußen."

Diese Sonderfahrt war ihm, um ehrlich zu sein, sehr recht. Der ländliche Verkehr war angenehmer als der in der Stadt, und durch die Dauer der Fahrt konnte er einen ansprechenden Verdienst einfahren. Außerdem war die alte Dame mit dem Trinkgeld nie kleinlich.

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Die Fahrt führte in eine waldreiche Gegend. Das beständige Grün der Fichtenbäume leuchtete aus dem fahlen Grau des Mischwaldes.
Hier  außerhalb der Steinwände der Stadt musste Wolfgang an Weihnachten denken, das Fest mit dem grünen Tannenbaum.

Die Fahrt ging nun durch ein in Büschen und Bäumen liegendes Wohngebiet.

Hier ließ die alte Dame anhalten. "Gefällt Ihnen das Häuschen dort?" fragte sie und zeigte auf ein hübsches kleines Ferienhaus.

Wolfgang Henschel nahm das Haus in Augenschein. Dann gab er sein Urteil ab. "Ja, das Haus sieht gut aus. Es ist scheinbar solide gebaut.
Wollen Sie es denn kaufen?"

"Nein", erklärte die Achtzigjährige in verhaltener Freude, "ich will es Ihnen schenken."

Wolfgang, der Taxifahrer, war so überrascht, dass er wortlos ihrem Wunsch nachkam, zurückzufahren und bei einem Notar zu parken.

Dort wurde die Schenkungsurkunde aufgesetzt. Vor der Unterschriftsleistung fragte der Notar: "Haben Sie sich das auch gut überlegt? Warum wollen Sie eigentlich dem Herrn Henschel, der Ihnen doch so gut wie unbekannt ist, das Haus schenken?"

"Weil er immer höflich, freundlich und zuvorkommend ist", antwortete die alte

Dame, "solche Menschen sind selten in dieser Zeit, man muss sie belohnen." Während der Taxifahrer draußen das Auto wendete, erfuhr der Notar den Anlass dieser Schenkung.

In den letzten Wochen hatte Wolfgang Henschel der Achtzigjährigen bei deren Einkäufen ungebeten die Pakete zum Auto getragen und sogar in die Wohnung, hatte bereitwillig Stütze und Hilfe gegeben, wo es Not tat, und bei allen Fahrten die Frau mit viel Freundlichkeit betreut.

Wolfgang Henschel konnte nun mit Frau und Kind in dem Haus Weihnachten feiern. Es wurde ein sehr fröhliches Weihnachtsfest, denn nicht nur die Familie Henschel hatte dort wunderschöne Tage, auch die Spenderin, die ungenannt bleiben soll, war dabei.

Auf die Einladung dazu antwortete sie: "Eine einsame alte Frau kommt gern."

In dem Wohngebiet der Waldgegend leuchtete nicht nur das beständige Grün der Tannenbäume in der Heiligen Nacht, heller noch leuchtete die Freude aus den Fenstern des von Familienleben erfüllten Hauses.

(c) Heinz Riedel

*veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedel (Sohn)


Barbara Pronnet
Bens Weihnachtswunsch

Jenny ging als Christkind zur Weihnachtsfeier. Weißes kurzes Kleid und goldener Haarreif mit Heilgenschein auf den blonden Locken, kleine goldene Pappflügel und schon sah sie aus wie ein Rauschgoldengel. Die Kollegen fanden es super und sie genoss die Komplimente. Wegen hoher Arbeitsbelastung fiel der Event auf den 23.12. Morgen konnten sie ja alle ausschlafen und den verdienten Weihnachtsurlaub antreten. Jenny fand eigentlich gar nichts aufregend an Weihnachten und der Heilige Abend bei der Familie war nervig und spießig. Ihre Eltern behandelten sie wie ein Kleinkind und sie wurde sicher wieder gemästet und mit Liebe überschüttet. Seit Jenny allein wohnte, frönte sie mehr dem Nachtleben und fand sich mit ihren zwanzig Jahren cool und unabhängig.

Die Feier war feuchtfröhlich und als die Idee kam, gleich anschließend ein frühes Frühstück im Cafe um die Ecke  einzunehmen, war es schon nach neun Uhr morgens als sie sich alle lachend und müde von einander verabschiedeten. Jenny wohnte nicht weit weg von dem Cafe. Sie wollte ihren Brummschädel auskühlen lassen und ging zu Fuß nach Hause. Sie knöpfte ihre weiße Felljacke fest zu und marschierte, leise zu dem neuesten Hit summend, ihre kleine Einbahnstraße entlang. Neue Reihenhäuser mit schicken Vorgärten waren bereits festlich geschmückt und überall blinkte und funkelte es aus den Fenstern.

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Nur das letzte Eckhaus war ohne Glanz und Lichterketten und als Jenny am Gartentor vorbei ging, saß ein kleiner Junge vor der Eingangstür und schaute ziemlich traurig drein. Als er Jenny sah, glitt ein so freudiges Strahlen auf sein kleines Gesicht, dass Jenny stehen blieb und zurück lachte. „Na Kleiner, wer hat dich denn so Früh ausgesetzt?“ fragte Jenny kess wie immer. “Bist du das Christkind?“ fragte er vorsichtig.

Jenny wurde sich ihres Outfits wieder bewusst und wollte gerade etwas klarstellen, als der kleine Junge schon das Tor geöffnet hatte und sie an der Hand nahm und Richtung Haus zog. „Halt warte doch mal“ Jenny ging in die Hocke und sah dem Jungen in die Augen. „Wo sind denn deine Eltern?“ „Die sind heut früh schon wieder in ihr Büro, da sind sie eigentlich immer. Heute kommen sie sicher auch wieder spät, aber heut ist doch Weihnachten und der Christbaum liegt noch im Keller und wahrscheinlich vergessen sie sowieso das du heute kommst. Jetzt kommt dann gleich mein Babysitter, aber die ist doof und hört nur Musik und mag mich nicht“ sprudelte es aus ihm heraus.

Und jetzt denkt er womöglich ich bin das Christkind, so ein Mist und das mir, dachte Jenny. Für sowas hab ich ja überhaupt keine Begabung.

Sie überlegte kurz und besann sich. Es war Heiliger Abend. „Wie heißt du denn überhaupt?“ Jenny setzte ihr schönsten Lächeln auf.

„Ben. Ich bin sechs Jahre alt. Er zeigte sechs kleine Finger in die Luft. „Pass auf Ben, du weißt dass ich heute viel zu tun habe, aber wo ich schon mal hier bin, komme ich kurz rein und trage dir den Christbaum hoch ins Wohnzimmer, ok?“ Ben nickte ganz wild und schob Jenny Richtung Haustür. Noble Hütte, alles klinisch sauber und ziemlich ungemütlich, dachte sie sofort. Sie schlüpfte aus ihrer Daunenjacke und zog ihre Flügel in Form.

Ben lotste sie gleich in den Keller und Jenny sah den Christbaum und den Halter dazu in einer Ecke stehen. Wenigsten war er nicht so groß. Sie klemmte ihn sich unter den Arm und Ben zog eifrig eine Kiste aus einem Regal „Der Schmuck ist da drin und die Krippe“ sagte er aufgeregt und lief schon wieder damit nach oben. Jenny versuchte ihre Kopfschmerzen auszuschalten und das Spiel einfach mitzumachen. Sie würde sich noch was einfallen lassen müssen wenn die Aufpasserin kam und sie hier antraf. Sie hatte Mitleid mit dem kleinen Kerl und eine Wut auf die abwesenden Eltern. Eigentlich sollten die hier sein und sich um ihr vereinsamtes Kind kümmern.

Im Wohnzimmer befreiten sie gemeinsam den Baum aus dem Netz und steckten ihn mit viel Mühe in den Halter. Ben öffnete die Kiste und ein Sammelsurium aus edelsten Kugeln, Glasfiguren und Strohsternen kam zum Vorschein. Ben lief zum CD-Player und schon dudelte „Lasst uns froh und munter sein“ durch das Wohnzimmer. Jenny musste schmunzeln als sie den Kleinen beobachtete. Ben strahlte und plötzlich wusste Jenny was es hieß, Kinder mit großen Augen vor dem Christbaum zu sehen. „Ich weiß schon was ich geschenkt bekomme“, Ben hing vorsichtig eine rote Kugel an den Baum. „Eine ganze Menge Spielsachen, ein Fahrrad, Hörbücher und Süßigkeiten, aber das weißt du ja selber, weil du das alles heute Abend bringst“. „Du klingst aber nicht so begeistert. Stimmt, du bekommst eine ganze Menge, mehr als viele andere Kinder“. „Eigentlich wünsche ich mir nur das Mama und Papa mehr Zeit für mich haben. Sie sind immer weg und abends müde und heute wird das sicher auch so sein“.

Jenny kniete sich zu Ben und sah ihm in die Augen. „Ben, erzähl deinen Wunsch deinen Eltern heute Abend und richte ihnen von mir aus, dass es nichts Schöneres und Wertvolleres gibt als Zeit für einander zu haben. Kein Spielzeug dieser Welt macht so viel Freude. Hast du verstanden?“ „Ja, hab ich, ich sag ihnen das du dir das auch wünscht“. „Richtig, Weihnachten ist ein Fest wo alle Menschen zusammenkommen, sich zuhören und für einander da sind. Das wünscht sich das Christkind am meisten“. Der Baum sah wunderschön aus und sie schauten stolz auf ihr gemeinsames Werk. „Die Kerzen machst du aber erst an wenn deine Eltern wieder da sind, versprochen? Ich muss jetzt los und du bleibst im Haus, draußen ist es kalt.“

Jenny ging in den Flur und zog ihre Jacke an. Plötzlich ging die Haustüre auf und ein junges Mädchen mit Kopfhörer und pinken Strubbelhaaren starrte sie entsetzt an. „Keine Angst ich bin nur das Christkind“ grinste Jenny. Sie streichelte Ben über das Haar. „Du wirst sehen, deine Eltern werden dir deinen Wunsch erfüllen, du musst nur fest dran glauben“. „Mach ich und danke, Christkind“ Jenny nahm den kleinen Jungen in die Arme und drückte ihn fest an sich. „Bis bald Ben und fröhliche Weihnachten“

Sie verließ das Haus und ging eilig weiter in ihre Straße. Sie hatte plötzlich eine solche Sehnsucht nach ihren Eltern und freute sich auf die Wärme und Geborgenheit die sie dort erwartete. So muss Weihnachten sein, dachte sie und hoffte, dass der kleine Ben seinen größten Wunsch erfüllt bekam.

Zur Autorenseite

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Mina Pantic
Die Geschichte vom Stern im Himmel

Es war einmal ein kleiner Junge namens Johannes, der liebte es, zum Himmel hinaufzuschauen und die Sterne zu beobachten. Eines Nachts sah er einen besonderen Stern, der viel heller und glänzender war als alle anderen.

Johannes fragte seinen Vater: „Was ist das für ein Stern da oben, der so hell leuchtet?“

Sein Vater antwortete: „Das ist der Stern von Bethlehem. Er hat vor langer Zeit eine besondere Bedeutung für uns, denn er hat den Weg zum Christkind gezeigt.“

Johannes war verblüfft. „Das Christkind? Wer ist das?“

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Sein Vater lächelte und sagte: „Das Christkind ist Jesus, unser Erlöser und Retter. Er ist gekommen, um uns von unseren Sünden zu erlösen und uns ein ewiges Leben zu schenken.“

Johannes war sehr aufgeregt. „Können wir zu dem Stern gehen und Jesus sehen?“

Sein Vater lächelte wieder und sagte: „Wir können nicht zu dem Stern gehen, aber wir können jederzeit zu Jesus beten und Ihm unsere Herzen öffnen. Dann kann Er in unser Leben kommen und uns führen.“

(c) Mina Pantic

 

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - hier findet Ihr weitere christliche Kurzgeschichten für Kinder!

Winterlandschaft weihnachtlich mit Laterne
Bild: Ulli / dreamies.de

Christina Telker
Das Weihnachtslicht

Seit dem Herbst besuchte Jonas die Schule. Das Lernen fiel ihm leicht, so dass er sich schon immer auf die Schulstunden freute. Seine Lehrerin mochte er sehr. Man konnte über alles mit ihr reden. Mit Peter ging er bereits in den Kindergarten, so fiel auch der Kontakt zu den anderen Mitschülern recht leicht. Langsam rückte die Weihnachtszeit in die Nähe. Die Kinder sprachen schon oft über ihre Wunschzettel. Seit dem Martinsumzug konnten sie es kaum noch erwarten, das Weihnachten war. Die Geschäfte schmückten sich teilweise märchenhaft, so dass der Heimweg von der Schule meist etwas länger als gewöhnlich dauerte, musste man sich doch die schöne Dekoration täglich anschauen auf der Suche nach Neuem.

Es gab jedoch noch ein Fenster, auch wenn es nicht dekoriert war, das war das Fenster der alten Gertrud. Hier konnte der Junge einfach nicht vorbeigehen ohne kurz stehen zu bleiben. Wie oft war er in seinen ersten Kinderjahren hier eingekehrt. Die alte Gertrud, die er damals Mutsch nannte, hing dem Jungen am Herzen. Damals war sie seine Tagesmutter. Heute sah er sie selten am Fenster sitzen. Nur in den Abendstunden, um das Lampenlicht zu sparen, saß die Alte auf ihrem Stuhl am Fenster und beobachtete die vorübereilenden Menschen auf der Straße.

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Zur ersten Schulstunde betrat Frau Ulrich, die Klassenlehrerin, die Klasse und fragte als erstes: „Wer kann mir sagen, welcher Sonntag gestern war?“ Einige Schüler sahen sich fragend an, bei den meisten schnellte jedoch der Finger in die Höhe. „Norbert, erzählt du uns, was dir zu dem gestrigen Tag einfällt“; forderte die Lehrerin auf. Der Junge erzählte vom ersten Advent, vom Gottesdienstbesuch und vom adventlichen Kaffeetrinken daheim mit dem Kranz, am dem die erste Kerze angezündet wurde. „Da hattest du aber einen schönen Sonntag“, freute sich die Lehrerin, „und wer bis jetzt nicht wusste, dass gestern der erste Advent war, der hat jetzt viel hinzu gelernt. Auch ich habe mir für euch eine Überraschung überlegt für die nächsten Wochen. Die erste Stunde am Montag in der Adventzeit gehört uns für eine besinnliche Zeit. Hierfür habe ich euch weihnachtliche Geschichten herausgesucht, die wir gemeinsam lesen werden.“ Ein Jubel brach in der Klasse aus. In dieser vorweihnachtlichen Zeit freuten sich die Kinder nun bereits am Freitag auf den Unterricht am Montag.

Am letzten Montag vor dem Fest schenkte die Lehrerin jedem Kind eine rote Kerze. „Mit dieser Kerze, hat es eine besondere Bewandtnis“, erklärte sie den Kindern. Diese Kerze ist ein Weihnachtslicht. Ihr wisst, das Weihnachtslicht strahlt aus der Krippe. Es bringt mit dem Licht des Kranzes und des Weihnachtsbaumes Freude in unsere Wohnungen und Herzen. Mit diesem Licht, das ich euch heute schenke, bitte ich euch ein Weihnachtslicht in die Welt zu tragen. Bereitet den Menschen damit eine Freude, von denen ihr meint, dass sie es am nötigsten brauchen. Wenn wir uns dann im neuen Jahr wiedersehen, erzählt ihr mir, ob es mit eurem Weihnachtslicht geklappt hat und wohin ihr Freude getragen habt.“ In der Klasse entstand ein Schweigen. Die Kinder überlegten, wem sie das Licht wohl schenken könnten. Die Lehrerin nutze die Stille und las ihre letzte Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr den Kindern vor.

Als Jonas an diesem Tag in Gedanken versunken auf dem Heimweg war, kam er wie auch sonst am Haus von Mutsch vorüber. ‚Das ist es! ‘, kam ihm eine Erleuchtung. ‚Ihr werde ich mein Weihnachtslicht bringen. ‘  Gedacht, getan und schon läutete er an ihrer Wohnungstür. Wie staunte die alte Frau als sie ihren einstigen Pflegling vor sich stehen sah. „Jonas! Was für eine Freude!“ Gertrud schlug vor Freude die Hände zusammen. Wie sehr freute sie sich über diesen unverhofften Besuch. „Komm rein Jonas, ich mache uns schnell einen heißen Kakao!“ Gerne folgte der Junge der Aufforderung. Als er seine Jacke abgelegt hatte, überreichte er Gertrud die Weihnachtskerze und erzählte ihr was es damit für eine Bewandtnis hatte. Lange unterhielten sich die beiden, bis sie merkten, dass es Zeit wäre, und Jonas nach Hause gehen müsse.  Jetzt würde die Mutter von der Arbeit kommen und sie sollte sich nicht um ihren Jungen sorgen. „Komm in den Ferien doch noch mal vorbei“, lud Gertrud den Jungen ein, was dieser gerne versprach. Wie freute sich auch die Mutter als Jonas ihr von Gertrud erzählte. „Wie gut, dass du nun in den Ferien nicht alleine bist“, setzte die Mutter noch hinzu.

Nach den Feiertagen ging Jonas jeden Tag zu seiner Mutsch. Beide wurde die Zeit nie lang. Gertrud hatte das Weihnachtslicht aufgehoben und extra für Jonas Plätzchen gebacken, was sie schon lange nicht mehr tat. So brachte das Weihnachtslicht beiden eine frohe, besinnliche Zeit. Jonas freute sich schon darauf Frau Ulrich seine Geschichte zu erzählen.

© ChTelker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Eva Zimmermann
Frau Martens Weihnachtsfest

Die alte Frau Marten saß auf dem abgeschabten Sessel in ihrem Zimmer und seufzte. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür, aber sie freute sich kein bisschen darauf. Ihre Freundin Martha war im Frühjahr gestorben und ohne sie hatte Frau Marten niemanden, mit dem sie feiern konnte.
Alle anderen Bewohner des Seniorenheims verbrachten die Feiertage bei ihren Familien. Die meisten waren schon längst abgeholt worden, die übrigen standen in Hut und Mantel, eine Tasche mit bunt verpackten Päckchen in der Hand, auf dem Flur und warteten auf das Auto von Sohn, Tochter, Enkelin oder Neffen.
Die Heimleitung hatte zwar vor einer Woche eine Weihnachtsfeier für die Bewohner organisiert, aber nun, am Heiligen Abend, waren fast alle Angestellten bei ihren Familien. Nur Britta, eine Pflegerin, die sichtbar unzufrieden war, weil sie Weihnachten arbeiten musste, hatte sich ins Schwesternzimmer gesetzt, die Beine auf den Tisch gelegt und einen Liebesroman zu lesen begonnen. Frau Marten schüttelte den Kopf.
Sie war doch eine erwachsene Frau und brauchte keine Aufpasserin! Britta war für den heutigen Abend zum Dienst eingeteilt worden, weil eine einzige Seniorin über Weihnachten im Haus war. Geldverschwendung, dachte Frau Marten erbost, als sie sich leise und unbemerkt am Schwesternzimmer vorbei schlich. Der Flur war leer, auch die letzten Männer und Frauen waren von ihren Familien abgeholt worden.

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Draußen lag die Straße wie ausgestorben da. Nein, ein Bus fuhr noch und hielt an, als der Fahrer die alte Frau an der Haltestelle sah. Eigentlich hatte Frau Marten gar nicht geplant, in den Bus zu steigen, aber alle Plätze waren leer und der Mann sollte doch nicht umsonst angehalten haben.
„Stadtmitte, bitte!“, sagte sie entschlossen und bezahlte ihren Fahrschein. Sie setzte sich gleich in die erste Reihe und ignorierte das Schild, welches den Passagieren untersagte, mit dem Fahrer zu sprechen.
„Haben Sie heute noch lange Dienst?“, fragte sie, „Ausgerechnet am Heiligen Abend!“
„Macht nichts“, antwortete der Mann, „hab’ sowieso keine Pläne für Weihnachten. Ich bin allein, meine Frau ist Anfang des Jahres gestorben, mein Sohn lebt in Australien. Da fahre ich lieber den Bus, statt allein zu Hause zu sitzen! Aber dies ist meine letzte Fahrt für heute, einmal noch zur Stadtmitte und dann zurück zum Depot in der Nähe vom Seniorenheim!“
Frau Marten nickte verständnisvoll.
„Und dann“, fragte sie, „was machen Sie dann?“
Der Mann zuckte die Achseln.
„Wahrscheinlich sehe ich etwas fern, trinke ein Glas Wein und gehe ins Bett!“, antwortete er.
Die alte Dame sah, dass auf dem Boden neben dem Fahrersitz ein Karton mit Weinflaschen stand. ,Na, ob es wohl bei dem einen Glas bleibt?’, fragte sie sich im Stillen.

Dann fiel ihr Blick auf eine junge Frau, die auf dem Gehweg an eine Laterne gelehnt stand. Sie war stark geschminkt, trug einen lächerlich kurzen Rock und eine weit ausgeschnittene Bluse unter einem dünnen Jäckchen. In der Hand hielt sie eine Zigarette.
„Eine Bordsteinschwalbe! Halten Sie an!“, rief Frau Marten. Der Busfahrer musste grinsen, denn das Wort hatte er schon lange nicht mehr gehört. Er stoppte und die Tür öffnete sich. Frau Marten war aufgestanden und rief:
„Kommen Sie rein, Kindchen! Sie holen sich in der Kälte ja den Tod!“
Die junge Frau zögerte, murmelte etwas wie „Ich muss eigentlich arbeiten!“, warf aber dann die Zigarette weg und stieg in den einladend warmen Bus. Sie lächelte etwas unsicher, aber Frau Marten zog sie entschlossen auf den Platz neben sich.
„So halb nackt, wie Sie da in der Kälte herumstehen, können Sie sowieso bald nicht mehr arbeiten, und heute kommt sicher auch kein Kunde mehr. Wärmen Sie sich erst mal etwas auf!“
Der Fahrer griff mit einer Hand hinter sich, nahm seine Jacke von der Sitzlehne und warf sie der schlotternden Frau zu, die sie sich dankbar über die bloßen Beine legte.
„Ich bin Frau Marten“, stellte die alte Frau sich vor und setzte nach kurzem Zögern hinzu: „Ihr könnt mich auch Hilde nennen!“
„Ich heiße Jasmina … na ja, mein richtiger Name ist Marie! Marie gefällt mir viel besser als mein Arbeitsname, aber niemand nennt mich mehr so!“
Hilde schüttelte Maries blau gefrorene Hand und ließ sie dann nicht mehr los, um sie in ihren eigenen Händen zu wärmen.
„Und Sie?“, wandte sie sich dem Fahrer zu. „Wie heißen Sie?“
„Mein Name ist Bergmann, aber sagt Anton zu mir!“
Hilde verzichtete bei ihm auf den Handschlag, da seine Hände am Steuer besser aufgehoben waren.

Ihr Blick fiel auf einen Schnellimbiss, dessen Rollläden gerade von einem Mann hinuntergelassen wurden.
„Halt!“, rief sie, „Anton, vielleicht bekommen wir dort noch einen heißen Tee oder so etwas. Marie braucht etwas Wärme von innen!“
Wieder stoppte der Bus. Frau Marten kletterte hinaus und rief: „Können wir nicht noch schnell einen Tee bekommen? Bitte!“
Der Mann drehte sich um und sah die alte Frau mit freundlichen Augen an.
„Warum nicht?“, antwortete er. „Ich habe nur zugemacht, weil ich dachte, es kommt niemand mehr! Ich habe heute nichts anderes vor, ich mache das gern. Kommen Sie rein, ich brühe Ihnen gleich einen Tee auf!“
Frau Marten lächelte.
„Das ist sehr nett, aber er ist eigentlich nicht für mich. Ich will nur das junge Mädchen da aufwärmen!“, sagte sie und zeigte zum Bus. Dann besann sie sich.
„Wissen Sie was? Machen Sie doch eine große Kanne Tee und kommen zu uns in den Bus, wenn Sie sowieso keine anderen Pläne haben! Bei uns wird es allmählich ganz gemütlich!“
Der Mann sah sie einen Moment erstaunt an, nickte dann, verschwand in der Imbissstube und kam bald darauf mit einer Thermoskanne und einem Korb zurück. Er stellte sich als Costa vor.
„Ich dachte, etwas zu essen könnte auch nicht schaden“, meinte er und deutete auf den Korb. „Griechische Spezialitäten!“

Begierig trank Marie im Weiterfahren einen Becher Tee und fühlte sich gleich angenehm warm im Innern.
Frau Marten bemerkte, dass der Bus seine letzte Station in der Stadtmitte erreicht hatte und sich auf die Rückfahrt machte. Es stimmte sie traurig, dass sie bald am Ziel der Fahrt sein würden. Was dann?
Sie stand auf und sprach leise mit Anton, der zuhörte und dann nickte.

„Oh, seht mal, die Armen!“, rief Marie plötzlich. Alle blickten aus dem Fenster. Draußen, auf einem schmalen Grasstreifen, saßen ein Mann und eine Frau, die ein Baby auf dem Arm hielt. Anton hielt diesmal unaufgefordert an.
Costa sprang aus dem Bus.
„Kommt rein“, forderte er die kleine Familie auf. „Kommt in den Bus, da ist es warm! Wieso sitzt ihr denn hier draußen in der Kälte? Habt ihr kein Zuhause?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Wir wollten in ein Obdachlosenheim, aber dort war alles voll. Morgen, haben sie uns versprochen, morgen haben sie Platz für uns!“
Costa und der Mann halfen der Frau mit dem Baby in den Bus und Marie schenkte ihnen Tee ein.
Bald schon waren sie an der letzten Haltestelle angelangt. Anton stellte den Motor aus. Hilde sah die dunklen Fenster des Heims. Sie stand auf.
„Kommt alle zu mir rein, dort ist es warm und wir können ein bisschen zusammen feiern! Und übernachten könnt ihr auch bei mir!“
Zögernd näherte sich der kleine Trupp dem großen Haus. Hilde schloss die Tür auf und alle traten nacheinander in die geräumige Eingangshalle, in deren Mitte ein riesiger Weihnachtsbaum stand. Es duftete nach Tannennadeln, Äpfeln und Zimt.
„Macht es euch schon mal gemütlich“, rief Hilde, „ich bin gleich zurück!“
Sie lief über den Gang zum Schwesternzimmer, wo Britta noch immer in ihren Roman vertieft war. Von Frau Martens Ausflug hatte sie nichts bemerkt. Sie schrak hoch.
„Komm, Britta, wir feiern alle in der Halle!“
Die Pflegerin sah die alte Frau an, als zweifele sie an deren Verstand, erhob sich aber und sah erstaunt auf das Grüppchen, das sich unter dem Baum versammelt hatte. Schnell legte sie das Buch weg und gesellte sich zu den unerwarteten Gästen.
Anton hatte seinen Karton Wein mitgebracht, Costa den Korb mit griechischen Köstlichkeiten und Britta verschwand in der Heimküche, um Gläser, Teller und Besteck zu holen, während Hilde Stollen und Weihnachtsgebäck aus ihrem Zimmer herbeitrug. Marie fand Kerzen, verteilte sie im Raum und bald herrschte festliche Stimmung. Alle aßen und tranken, sangen und tanzten, erzählten und lachten, bis sie so müde waren, dass sie erschöpft in die freien Betten des Heims fielen.

Und hätte sich jemand in Frau Martens Zimmer geschlichen, so hätte er sehen können, wie glücklich sie im Schlaf lächelte!

(c) Eva Zimmermann

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Eva Zimmermann

Peter Wendlandt
Eine Weihnachtsgeschichte

Einen Tannenbaum sollte er im Wald aussuchen und fällen. Das ist eine einfache Sache, eine so banale Arbeit, die ich auch vom kleinen Jungen aus der Nachbarschaft verlangen kann. Der erledigt das in wenigen Stunden. Aber für meinen Göttergatten ist das eine Wissenschaft für sich mit Hang zur Überforderung. Nicht anders kenne ich ihn.  

„Gerlinde, du weißt schon, dass das verboten ist?“ gab Albert zu bedenken. „Wenn ich erwischt werde, bekomme ich Ärger.
Du weißt schon, Anzeige, und wenn es dumm wird, lande ich sogar im Gefängnis.“                                                                         

„Ach was, dich nehmen sie nicht. Stell dich einfach doof an, dass sie denken, dass du nicht zurechnungsfähig bist, und sie schicken dich nach Hause. Zuhause ist es ja nicht anders mit dir. Auf der Schiene fährst du immer, um dich vor der Arbeit zu drücken.“ „Du stellst mich hin wie einen Trottel“, begehrte Albert auf. „Das muss ich mir nicht bieten lassen! Was ist denn mit dem Plastikbäumchen im Keller? Das hat es bis heute jahrelang getan!“                                                                                       

„Das habe ich rausgeworfen, das sah nicht mehr schön aus. Es stand auch nicht mehr gerade. Also Ende der Debatte. Je früher du losfährst, umso früher bist du zurück. Zur Belohnung gibt es heute auch dein Lieblings-Mittagessen!“                                                                                                                   

Gerlinde sah zu, wie sich Albert widerwillig in Bewegung setzte. Gerne hätte sie ihn noch angeschoben, um das Trägheitsgesetz schneller zu überwinden. Danach brauchte sie einen Kaffee, um sich zu beruhigen. Aber sie freute sich auch darauf, wenn sie späten einen schönen Tannenbaum in Empfang nehmen durfte. Leider war von Schnee weit und breit nichts zu sehen. Aber das war wohl noch das geringste Übel.

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Das in Aussicht gestellte Mittagessen musste auf den frühen Nachmittag verschoben werden. Sie machte sich Sorgen über Alberts Verbleib, mit jeder Stunde mehr. Sie kannte ihren Mann und seine Zuverlässigkeit und mochte sich nicht vorstellen, was ihm zugestoßen sein konnte. Umso erleichterter war sie, als das Smartphone verkündete: „Ich bin unterwegs. Noch zehn Minuten!“                                                                                                

Umso betroffener war sie, als sie zum Fenster hinaussah und ein total verdrecktes Auto vor der Garage zum Stehen kam. Ursprünglich rot gewesen, war die Strahlkraft des Fahrzeugs abhandengekommen und hatte sich in ein schlammiges Braun übergewechselt. Einen Baum konnte sie nur sporadisch erkennen, zu beiden Seiten des Rückfensters ragte ein Stück weit heraus. Immerhin hatte ihr Mann einen mitgebracht.            

Gerlinde öffnete die Haustür und sah mit großem Missfallen, wie Albert näherkam, in ungewohnten, außergewöhnlichen Zustand, in dem er sich je befunden hatte. Von oben bis unten war er genauso mit Schlamm besudelt wie der Wagen, sein ansonsten forscher drahtiger Gang war ihm abhandengekommen. Er ging breitbeinig wie einst John Wayne nach einem Zehnstundenritt, hatte einen unsicheren Schritt und schwankte, als hätte er mehrere Tassen Glühwein nacheinander hinuntergestürzt. Und er stöhnte bei jeder Bewegung. Gerlinde hatte Angst, dass er vor ihr umkippte und liegenblieb. Deswegen war sie ihm die letzten Meter eine Stütze und geleitete ihn ins Haus hinein.

„Was ist denn passiert?“ fragte sie vorwurfsvoll und stellte missbilligend fest, dass sie sich an ihrem Mann schmutzig gemacht hatte. „Warum gehst du so dumm? Hast du in die Hose gemacht?“

„Quatsch“, erwiderte Albert verärgert. „Aus dem Alter bin ich lange raus. Mir macht die verdammte Schrotlandung zu schaffen. Ruf den Doktor an. Und hilf mir aus der Hose! Ich muss mich hinlegen. Einen Schnaps brauche ich auch, am besten mit Schmerzmittel!“

„So weit kommt es noch“, widersprach sie. „Ich hole höchstens den Vorschlaghammer und klopfe ihn dir auf den Fuß. Dann zieht der Schmerz nach unten und der Hintern ist schmerzbefreit. Ab ins Bad und raus aus den Klamotten! Dann schau ich mir den Hintern an!“

Die folgenden Minuten gestalteten sich dramatisch und nervenaufreibend. Allein deswegen dramatisch, bis Gerlinde es geschafft hatte, Albert trotz Fluchen, Schimpfen und Stöhnen vor sich stehen zu sehen, wie Gott ihn einst erschaffen und die Lebensmittelindustrie später geformt hatte. Kritisch betrachtete sie seine vier Buchstaben, formulierte halblaut einen Ausruf des Entsetzens und erdreistete sich, die malade Körperregion nicht gerade behutsam zu betasten. Alberts Geschrei und Flüche kommentierten dies entsprechend. Er stützte sich am Badewannenrand ab, dass sie näher herankam und noch deutlicher das Feld der roten Flecken und Löcher begutachten konnte. Fast dass sie darüber lachen musste. Dennoch war es schlimm genug, was sie zu sehen bekam und wollte wissen, was sich zugetragen hatte.

„Nie wieder höre ich auf dich und auf deine vermaledeiten Schnapsideen, Gerlinde, darauf kannst du einen lassen!“ rief Albert verbittert. „Ich kann von Glück sagen, dass ich noch am Leben bin! Ich bin hinterrücks angegriffen worden!“

„Och, dein Arsch hält was aus“, urteilte Gerlinde sarkastisch. „Das hat er ja schon öfter bewiesen. Wenn es sein muss, hau ich noch drauf! Und weiter?“

Albert richtete sich auf, drehte sich um und seufzte schwer. „Ich kann dir sagen, so etwas habe ich noch nie erlebt! Das war der reine Horror! Ich könnte gerade lachen, wenn es nicht so ernst wäre.“ Er wollte sich setzen, konnte sich aber gerade noch beherrschen, weil es auf der Kehrseite mächtig zog, zwickte und spannte. Der Schmerz zog bis hoch ins Kleinhirn.

„Bis ich einen guten dichten Nadelwald gefunden habe, war alles gut. Ich bog in einen versteckten Waldweg ein, zwei Kurven und das Malheur ging los. Anscheinend hatte kurz davor ein Traktor oder Lastwagen den Weg befahren, der Weg wurde schlammig und total durchgeweicht. Und tief. Mir war das zu unsicher und ich wollte zurück. Aber Scheibenkleister! Die Reifen drehten durch, ich steckte fest. Immer mehr, umso öfter ich es versuchte. Also stieg ich aus, um mir alles anzusehen und mir zog es die Füße weg und ich lag auf dem Rücken! Ich zappelte wie ein Käfer. Ich rollte mich auf den Bauch, wollte hoch, rutschte weg und lag wieder flach. Ich habe gestunken für zwei, der Dreck rann mir in den Kragen und in die Hose. Sowas ist mir noch nie passiert!“

„Stimmt“, kritisierte Gerlinde. „Nur Schweine suhlen sich im Dreck. Und weiter?“

„Ich brauchte über eine halbe Stunde, bis ich die verdammte Mistkarre aus dem Schlamassel heraushatte. Ich konnte mich vor lauter Dreck kaum mehr bewegen. Aber dann war es überstanden, der Wagen stand sicher. Dann sah ich mich um und betrachtete die Bäume. Ich wusste gleich, dass ich am richtigen Ort war, ich hatte ohne zu wissen eine Art Plantage gefunden oder wie man dazu sagt. Es war schwer, den richtigen Baum für uns auszusuchen. So ging ich ein wenig hin und her und gerade, als ich den richtigen gefunden hatte, als ich plötzlich seltsame Geräusche hörte. Die wurden immer lauter. Plötzlich standen Wildschweine vor mir. Echte Wildschweine! Richtig gefährliche Biester!“

„Das auch noch“, stellte Gerlinde betroffen fest. „Was hast du getan? Konntest du flüchten?“

„Leider nein“, erwiderte Albert. „Ich habe voll die Panik bekommen. Ich wollte abhauen und rannte gegen einen Baum. Ich Idiot! Ich setzte mich auf den Hintern und bis ich wieder stand, hatte mich eine Sau erwischt. Hinten. Du müsstest es sehen können. In meiner Panik rannte ich so lange zwischen den Bäumen hin und her, bis die Obersau endlich aufgegeben hatte und mit ihrer Rotte abgezogen war. Da merkte ich erst, dass ich auf einem Baum saß. Um Hilfe schreien hätte nichts gebracht, allein im Wald.“

„Du und klettern? Das ist ja etwas ganz Neues an dir“, schüttelte Gerlinde verwundert den Kopf.

„Spotte nicht! Vorsichtig kletterte ich runter und dachte, ich hau schnell eine Tanne um und dann nichts wie heim, bevor noch was passiert. Ich hatte die Schnauze richtig voll. Ich stapfte zum Wagen und holte das Beil aus dem Kofferraum. Ich stapfte wieder los, der rechte Schuh blieb im Schlamm stecken. Bis ich ihn wieder am Fuß hatte, war der Dreck auch drin. Meine Stimmung war total im Keller. Dann schlug ich eine passende Tanne um. Ich zerrte sie zum Wagen und stopfte sie hinein, als mir der Schreck in alle Glieder fuhr. Hinter mir rief jemand, was ich machte und forderte, dass ich mich umdrehte, mit erhobenen Händen. Ein Förster stand vor mir und zielte mit seiner Flinte auf mich. So eine Schweinerei! Das war mir auch noch nie passiert.“

„Auch das noch. Was hast du getan?“

„Ich schob Panik. Mein einziger Gedanke war nur noch weg. Der Hirsch schoss auf mich. Zweimal. Zwei Volltreffer in den Allerwertesten! Ich sage dir, ich hätte den Sauhund umbringen können, wenn es mich nicht umgehauen hätte. Ich lag wieder im Dreck, der Hintern brannte, dass ich Sternchen sah und die Engel im Himmel singen hörte. Er schrie aufstehen, dass ich mich ausweisen und ihm ergeben sollte, aber daran dachte ich nicht. Ich wollte nur weg und versuchte in den Wagen reinzukommen. Er hetzte seinen Hund auf mich, der zerrte am linken Hosenbein, bis ich nach ihm trat. Der Förster schoss nochmal, zerschoss das Rückfenster des Wagens. Schwungvoll stieg ich ein, hatte dabei den Hintern nicht bedacht und schrie nicht vor Schmerzen, ich sage dir, ich brüllte! Wie verrückt gab ich Gas, die Reifen drehten durch und wirbelten Dreck auf! Ich rasierte zwei Bäume, einen Kümmerling knickte ich um. Aber ich kam davon und fuhr auf direktem Weg nach Hause. Dabei merkte ich, dass ich Luft aus dem rechten Reifen verlor. Aber das ist noch das kleinste Übel. Ich bin nur froh, dass ich wieder hier bin. Den Scheißbaum kannst du aus dem Wagen holen. Ich bin fertig für heute! Ich bin stinksauer und habe keine Lust mehr!“

„Und jetzt?“ fragte Gerlinde entgeistert.

„Hast du den Notarzt angerufen?“

„Nein, wann denn?“

„Dann mach endlich! Ich habe Schmerzen ohne Ende. Das verdammte Schrot muss raus, bevor ich noch eine Blutvergiftung bekomme!“

Sanitätswagen nebst Notarzt waren alsbald vorgefahren, die Fachkräfte begutachteten schmunzelnd den Schaden und sorgten dafür, dass Albert umgehend ins Krankenhaus verfrachtet wurde. Gerlinde hatte ihm noch rasch das Nötigste zusammengepackt und dem Wagen hinterhergesehen, bis er ihrem Blickfeld verschwunden war. Sie zerrte die Tanne aus dem Wagen, der Baum war nicht gerade ein Stück, mit dem man angeben konnte. Ein Blick auf den Wagen, sie schloss kopfschüttelnd die Tür und ging ins Haus zurück. Und sie schwor sich: Nie wieder beauftrage ich Albert mit so einer Mission! Ganz offensichtlich war er damit total überfordert.

(c)Peter Wendlandt

*mein Dank gilt Peter Wendlandt für die Bereitstellung dieser Geschichte.
Weitere Geschichten und Informationen zum Autor sind auf seiner Homepage zu finden.

Marena Stumpf
Das Julfest

In Schweden waren die Wintertage immer sehr kurz. Bereits um drei Uhr wurde es draußen dunkel. Am liebsten verbrachte Oma Kristina die langen Nachmittage mit ihren beiden Enkeln vor dem prasselnden Kamin, wenn es nach frisch gebackenen Pfefferkuchen duftete. Meistens musste sie den Kindern eine spannende Geschichte erzählen, von einer längst vergangenen Zeit, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war.

Erwartungsvoll setzten sich Karlson und Birgit zu ihr auf die Couch. Gemeinsam tranken sie Kakao und aßen Plätzchen, schwatzen über alltägliche Dinge, bis auf einmal Birgit fragte: “Oma, erzählst du uns wieder eine schöne Geschichte?“

Die alte Dame lächelte zufrieden und legte ihre Arme um die Schultern ihrer Enkel. „Wie ihr wisst, ist in ein paar Tagen das Julfest. In Schweden gab es nicht immer einen Weihnachtsmann. Als ich noch klein war, brachten koboldartige Heinzelmännchen den braven Kindern die Geschenke ins Haus.

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Man hielt die kleinen Zwerge bei Laune, damit sie niemandem einen bösen Streich spielten und jeder stellte für sie, als kleines Dankeschön, ein Schüsselchen mit süßem Brei hin. Tomtebisse war der Älteste der Kobolde. Mit ihm war nicht zu spaßen. Er brachte es oftmals fertig, wenn er seinen Brei nicht vorfand, dass ein Mädchen ein Auto bekam und ein Junge folglich eine Puppe.

So begab es sich, dass Tomtebisse und Nisse das ganze Jahr über in Lappland das Spielzeug für die Kinder anfertigten. Natürlich halfen ihnen kleine Elfen dabei, sonst wären sie ja niemals fertig geworden. Nun ja, früher gab es zum Julfest nur ein Spielzeug pro Kind. Das ging ja noch, aber heute … Ihr habt ja immer so viele Wünsche, das hätten die Wichtel niemals im Leben alleine geschafft.“

Nachdenklich nippte Kristina an ihrem Becher Kakao. Plötzlich wurde sie ganz ruhig. „Was ist denn los, Oma? Tut dir etwas weh?“, fragte Karlson besorgt. Die alte Dame schüttelte ihren Kopf. „Ach Junge, ich musste eben an etwas ganz Furchtbares denken.“

„Erzähl schon, warum bist du so traurig?“ Die beiden Kinder kuschelten sich noch enger an sie und lauschten ihren Worten.

„Es geschah an einem Heiligen Abend. Ich war gerade fünf Jahre alt und wartete den ganzen Nachmittag am Fenster auf die Heinzelmänner, die mir mein Geschenk bringen sollten. Endlich fuhr der Rentierschlitten vor unser Haus. Ich war total aufgeregt, denn sonst sah man die kleinen Kobolde niemals. Tomtebisse stieg aus und Nisse reichte ihm mein Weihnachtsgeschenk. Just in diesem Moment preschte ein Hirsch aus dem angrenzenden Wald und rannte Tomtebisse über den Haufen. Wie angewurzelt stand ich am Fenster und konnte mich vor Schrecken nicht rühren. Meine Eltern rannten hinaus um Tomtebisse zu helfen, doch er lag leblos auf dem Rücken und neben ihm meine zerbrochene Porzellanpuppe. Nisse meinte, dass meine Eltern den Verletzten in den Rentierschlitten heben sollten und dann fuhr er mit Tomtebisse fort. In diesem Jahr gab es für die meisten Kinder keine Weihnachtsgeschenke. Ich bekam einen Schal, Mütze und Handschuhe, die meine Mutter heimlich für mich gestrickt hatte. Meine Eltern tanzten an diesem Abend auch nicht mit mir um den Weihnachtsbaum. Alles war viel zu traurig. Natürlich machte ich mir große Sorgen um Tomtebisse, wie es ihm wohl ging und ob er mich zum nächsten Julfest besuchen würde, doch alles kam ganz anders.

Es verging ein Jahr und je näher das nächste Weihnachtsfest rückte, desto bedrückter wurde ich. Meine Oma war eine kluge Frau. Um mich etwas aufzuheitern, nähte sie aus einem weißen Laken ein Gewand für mich und ich durfte es am 13. Dezember zum Lucia-Tag anziehen. Sie schlang ein rotes Band um meine Taille. Für den Kopfschmuck hatte sie mir einen schönen Preiselbeerkranz gebunden und einige Kerzen darauf gesteckt. Wie sie zu mir sagte, sollte ich die dunkle Jahreszeit erhellen und wieder etwas Freude ins Leben der Dorfbewohner bringen. Abends zogen wir von Haus zu Haus, sangen Weihnachtslieder und verteilten selbstgebackene, safrangewürzte Lucia- Brötchen.  Das war damals ein ganz besonderes Erlebnis für mich.

Die Tage vergingen schnell und ehe ich mich versah, war der Heilige Abend da. Irgendwie hoffte ich trotzdem, dass Tomtebisse mich besuchen würde und mir meinen Wunsch erfüllte.

Am Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezembers las mir meine Mutter gerade eine Weihnachtsgeschichte vor, als es heftig an unserer Haustür pochte. Ich sprang voller Freude auf und öffnete. Vor mir stand ein rotgekleideter Mann mit einem dicken weißen Wallebart. Ich erschreckte mich fast zu Tode und ich knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Laut schreiend rannte ich zu meinem Vater. Er konnte sich nicht erklären, wer das sein sollte und schaute selbst nach. Ich hörte, wie sich die beiden Männer leise unterhielten, und dann betrat der alte Mann unsere Stube. „Hey Kristina, fürchte dich nicht“, sagte er zu mir, „ich bin der neue Weihnachtsmann. Man nennt mich Jultomte. Ich komme an Stelle von Tomtebisse und bringe dir dein Julgeschenk“. Er öffnete seinen großen Jutesack und zog eine Puppenwiege heraus, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte und meine Mutter brach dann endlich das Schweigen. Sie erkundigte sich nach dem Befinden von Tomtebisse und wie es ihm ergangen war.

Der Weihnachtsmann nickte und antwortete mit gütiger Stimme: „Vielen Dank für Ihre Nachfrage. Sie wissen ja selbst, die Heinzelmänner waren sehr betagt. Sie hatten ihre liebe Mühe und Not immer alles rechtzeitig zum Fest fertigzustellen. Der alte Kobold hatte sich bei diesem Unfall mit dem Hirsch einige Knochenbrüche zugezogen. Er konnte lange nicht mitarbeiten und musste das Bett hüten. Die Elfen und Kobolde schrieben mir einen langen Brief und baten mich um Hilfe. Da ich nicht überall zur gleichen Zeit sein konnte, boten sie mir ihren Rentierschlitten zur Unterstützung an, der mich in Lichtgeschwindigkeit zu den braven Kindern bringt. Die Kobolde müssen nun nicht mehr auf Reisen gehen. Sie zählen jetzt zu meinen engsten Vertrauten und stehen mir mit Rat und Tat zur Seite.“

Jultomte aß einige von Mutters leckeren Plätzchen, trank ein Schlückchen von Vaters wärmendem Glögg-Punsch und danach verabschiedete er sich mit einem fröhlichen `Hey do´ von uns.“  

Die Kinder rekelten sich auf der Couch und Karlson meinte zu seiner Schwester: „Puh, da hatten wir richtig Glück, dass Jultomte für die Heinzelmänner eingesprungen ist. Stelle dir nur einmal vor, es gäbe überhaupt keine Geschenke mehr zum Weihnachtsfest. Das wäre doch einfach furchtbar, nicht wahr?“ Eifrig stimmte Birgit ihm zu.   

(c) Marena Stumpf

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Marena Stumpf.

Antje Steffen
Donner ist krank

Im Elfendorf herrscht große Aufregung. Morgen ist Heilig Abend und die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest laufen auf Hochtouren. Überall liegen Geschenke. Viele sind fertig, andere sind noch in Arbeit. Die Werkstatt-Elfen haben alle Hände voll zu tun, um rechtzeitig zum Fest alle Wünsche zu erfüllen. Auch in der Backstube herrscht reges Treiben. Die Backelfen mixen, wiegen, rühren, backen und verzieren. Auf der einen Seite der Backstube türmen sich die Dosen mit Plätzchen und Gebäck. Überall duftet es nach Weihnachten.

Die Elfen in der Verpackungsabteilung sind ebenfalls im Stress. Sie packen die fertigen Geschenke ein, beschriften sie und legen sie auf den großen Haufen, so dass diese in den Sack gepackt werden können. Man sieht überall Weihnachtspapier, bunte Bänder und Anhänger. Jedes Paket bekommt einen Anhänger mit Namen und wird auf der großen Wunschliste abgehakt. So kann der Weihnachtsmann alle Pakete richtig zuordnen, wenn er unterwegs ist.

Der Weihnachtsmann kontrolliert hier und da und sorgt für Ordnung. Für ihn ist diese Zeit die Schönste des Jahres. Überall ertönen Weihnachtslieder und seine Elfen sind fröhlich bei der Arbeit. Kann es Schöneres geben?

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Am Ende seiner Runde geht er in den Stall, in dem seine treuen Rentiere stehen. Hier werden wie überall im Elfendorf die letzten Vorbereitungen für die Reise des Weihnachtsmanns getroffen. Als der Weihnachtsmann den Stall betritt, merkt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Sonst begrüßen ihn die Rentiere fröhlich und die Stallelfen singen Weihnachtslieder. Heute ist alles anders.

Was ist hier los? Bald hat der Weihnachtsmann Gumbi gefunden. Der Elf macht ein besorgtes Gesicht. Der Weihnachtsmann sieht ihn an und sagt: „Hallo Gumbi, was ist passiert? Wieso seid ihr alle so still?“

Gumbi sieht den Weihnachtsmann an und sagt: „Ach, Santa, es ist schrecklich. Donner ist krank. Wir wissen nicht, was ihm fehlt. Er frisst nicht und lässt den Kopf hängen.“

Santa geht zur Box seines treuen Rentiers und was er sieht, gefällt ihm gar nicht. Donner scheint sehr krank zu sein. Sein Fell ist stumpf und die Augen glänzen fiebrig. Ob er morgen fliegen kann? Der Weihnachtsmann schüttelt den Kopf. Nein, Donner wird in diesem Jahr nicht mitkommen können. Aber ohne Donner fehlt ein Rentier, um den Schlitten zu ziehen. Was können sie tun? Gumbi, der Santa zu Donners Box gefolgt ist, sieht genauso bedrückt aus wie sein Schützling.

Santa dreht sich um und sagt: „Donner kann nicht fliegen. Wir brauchen Ersatz.“

„Ja, Santa“, sagt Gumbi, „aber wen können wir nehmen?“

Santa dreht sich zu Donner um und streicht dem Tier übers Fell. Er überlegt und sagt: „Ich weiß es nicht. Wir haben bisher nie Ersatz gebraucht. Sind die Jungen soweit, dass sie den Schlitten ziehen können?“

Gumbi überlegt kurz: „Ich bin nicht sicher. Wir haben es noch nicht versucht. Der kleine Snuddel macht einen guten Eindruck.“

Santa nickt: „Wir sollten es mit ihm versuchen. Am besten, ihr spannt gleich an. Ich werde einen Probeflug machen.“

Gumbi stimmt zu und eilt davon, um den Schlitten fertig zu machen. Er hofft, dass Snuddel die Aufgabe bewältigen kann. Sonst kann der Weihnachtsmann an Weihnachten nicht zu den Kindern reisen und ihnen ihre Geschenke bringen.

Während Gumbi seine Arbeit macht, dreht Santa sich zu Donner um. Er sagt: „Tut mir leid, dass du krank bist, alter Freund. Du weißt, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Wenn Snuddel es schafft, den Schlitten zu ziehen, kann Weihnachten werden. Aber du musst dich auf jeden Fall ausruhen. Bald bist du gesund und im nächsten Jahr ziehst du meinen Schlitten.“

Donner hebt den Kopf, um Santa anzusehen. Er hat jedes Wort verstanden und weiß, Santa nimmt es ihm nicht übel, dass er in diesem Jahr nicht fliegen kann. Donner hofft, dass Snuddel bereit ist, die Aufgabe zu übernehmen. Es wäre schrecklich, wenn die Kinder auf ihre Geschenke verzichten müssten.

Kurz darauf kommt Gumbi in den Stall zurück. Er geht zu Santa und sagt: „Der Schlitten steht bereit. Bitte komm und mache einen Testflug.“

Santa streichelt Donner ein letztes Mal, dreht sich um und folgt Gumbi nach draußen. Dort steht der Schlitten inmitten der großen Gruppe Elfen. Alle sind gespannt, ob Snuddel den Schlitten gemeinsam mit den anderen Rentieren ziehen kann.

Santa steigt auf den Bock und greift nach den Zügeln. Einen Moment später gibt er das Kommando und die Rentiere setzen sich in Bewegung. Zuerst wirkt es etwas ungelenk, wie Snuddel sich im Geschirr bewegt. Doch bald hat er den Rhythmus der Rentiere gefunden und der Schlitten hebt sich elegant in die Luft.

Die Elfen, die bis zu diesem Zeitpunkt die Luft angehalten haben, jubeln und fallen sich um den Hals. Santa lacht aus vollem Hals und dreht eine Ehrenrunde um das Elfendorf. Snuddel hat die Probe bestanden. Weihnachten ist gerettet.

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Antje Steffen


Heinz Riedel
Die Wegegabel

Es war am 24. Dezember des Jahres 1955. Ein Zug fuhr ratternd nach Süden.

An dem jungen Mann, der aus dem Fenster schaute, glitt weißverzaubert die verschneite Landschaft vorüber.

"Das Getöse des Zuges passt gar nicht zum Heiligabend", sagte er unvermittelt zu den beiden Mitreisenden Im Abteil.

Das alte Mütterchen, sorgsam eine buntverpackte Schachtel auf den Knien haltend, erwiderte: "Es wird schon wieder still werden, wenn die Kerzen am Tannenbaum brennen.“

Der Mann auf dem Eckplatz raschelte mit Geschäftspapieren und addierte lange Zahlenreihen. Er schaute verständnislos auf. Sorgen haben die Leute, dachte er, und rechnete weiter.

Er sah mit Freude auf die Zahlen. Das war ein Weihnachtsgeschäft! Und morgen am ersten Feiertag sollte es in Garmisch zu einer erfolgversprechenden Begegnung mit dem Chef einer Warenhauskette kommen.

Robert Falk unterstrich die Summe seiner erfreulichen Bilanz und lehnte sich zurück.

Mit einen Lächeln Im Gesicht saß das alte Mütterchen ihm gegenüber. Der junge Mann schaute noch immer mit kindlich großen Augen in den Winterabend. Nein, das waren keine Gesprächspartner für ihn.

Hoffentlich gibt es keine Verspätung! Er musste unbedingt den letzten Anschluss nach Garmisch haben. Sorgenvoll blickte Robert Falk auf seine Armbanduhr.

Der Zug bremste und hielt. Das Mütterchen und der junge Mann stiegen nach einem freundlichen Weihnachtsqruß aus.

"Frohe Weihnacht!' erwiderte der Geschäftsreisende unmutig. Mein Weihnachten Ist vorüber, erinnerte er weiter, die Kasse stimmt, das ist die Hauptsache. Das andere: Kerzen, Tannenbaum — na, etwas für Kinder und alte Mütterchen. Der Zug rollte wieder südwärts durch den Jetzt stürmisch fegenden Wind.

Der Versuch, ein wenig zu schlafen, wurde vom Kreischen der Bremsen gestört. Der Zug hielt auf einem kleinen Bahnhof und stand, wie Robert Falk feststellte, auf einem Nebengleis. Starker Wind wirbelte Schneeflocken ins Abteil. Schnell schloss er das Fenster und betrat den Gang.

Dort berichtete der Schaffner von starken Schneeverwehungen auf der Strecke und sagte: "In etwa 30 Minuten fährt dieser Zug nach München zurück. Wie Sie dann weiterkommen, müssen Sie dort erfragen. Hier In Griesbach kann keiner eine verbindliche Auskunft geben."

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Der Ortsname erinnerte Robert Falk an seinen Freund, der einige Kilometer von hier wohnte. Karl würde ihn bestimmt mit seinem Auto termingerecht nach Garmisch fahren.

Robert Falk rief an und erfuhr, dass der Freund frühestens in zwei Stunden zu Hause wäre. Das war ärgerlich!

In seiner Ungeduld ließ er gleich den Weg nach ElIing beschreiben. Über eine

Stunde müsste er schon laufen, meinte der Bahnhofsvorsteher, wenn er aber den Weg gleich hinter Griesbach links einschlüge, wäre es früher am Ziel. Er müsste aber danach bei der Wegegabel die Abzweigung nehmen. „Rechts – nicht vergessen“ rief er noch einmal hinterher.

Der heftige Wind hatte nachgelassen. Robert Falk ging durch Grießbach und schlug den abkürzenden Weg ein.

Er hatte wenig Sinn für die schöne Winterlandschaft. Seine Gedanken hasteten voraus. Die Frage, ob er rechtzeitig in Garmisch sein könnte, beschäftigte ihn auch jetzt.

Da lag die Straßengabel vor Ihm. Wie war es nun? Rechte oder linke? Er meinte die Stimme auf dem Bahnhof zu hören: „Links müssen Sie gehen, links!“ Also wählte er diesen Weg.

Es war windstill geworden. Die Wolken hatten sich verzogen. Strahlend stand der winterliche Sternenhimmel über dem verschneiten Land.

Und seltsam — Je weiter er schritt, desto mehr schwand seine Unruhe, umso besser gefiel ihm die Wanderung durch den Winterabend.

Die Stille ringsum senkte sich in sein Gemüt, und er konnte sich nun an der Schönheit der Winterlandschaft erfreuen.

Wie hatte Im Zug das Mütterchen zu dem jungen Mann gesagt?  „Es wird schon wieder still werden mein Junge“

Ganz fern läutete eine Glocke. Ihr Klang ließ ihn an den Tannenbaum im Elternhaus denken. Er meinte, die flackernden Kerzen zu sehen, den Duft vom Wachs zu riechen — und zu hören, wie die Mutter das Lied von der Stillen Nacht summte.

Durch diese Vision schwand die letzte Hast. Hier, in der weißen Stille, begann Robert Falks Weg in die Weihnacht. Garmisch und der Warenhauschef waren vergessen.

Der Weg bog um die Ecke des Tannenwaldes. Vor den Blicken des Wanderers breitete sich in einer Talmulde ein Dorf aus. Erleuchtete Fenster grüßten von Ferne.

O — welch friedliches Bild!

Der Wunsch nach Gemeinschaft, nach einem warmen Ofen und Bratäpfeln kam so unerwartet, dass der Fuß stockte.

Robert Faik verharrte am Ende des Tannenwaldes, um den Anblick des Dörfchens in sich aufnehmen zu können.

Das kann nicht Elling sein! Das Dorf, in dem Karl wohnte, ist viel größer, stellte er fest.

Merkwürdig, dass er sich gar nicht ärgerte, in die Irre gegangen zu sein. Er fühlte sich im Schauen auf das friedliche Dörfchen viel zu sehr zu den Menschen hingezogen — hier in der Einsamkeit.

Die Häuser des Dörfchens mit den Lichtern in den Stuben waren für ihn ein Sinnbild der Geborgenheit geworden.

Abseits von dem Dörfchen, einsam allein am Tannenwald stand ein Haus, dessen Tür sich öffnete. Der breite Lichtstreifen, der auf den Schnee fiel, war wie ein Wegweiser.

Voller Sorge, die Tür könnte sich wieder schließen, bevor er das Haus erreicht hatte, eilte Robert Falk auf die Tür zu.

Da hörte er auch schon eine Männerstimme. "Welch ein Glück, da kommt Jemand!

Bitte helfen Sie! meine Frau hat eine Frühgeburt. Holen Sie bitte schnell die Hebamme dort aus dem Dorf. Ich möchte meine Frau nicht allein lassen. Robert Falk ließ sich den Weg beschreiben.

Die Hebamme machte keine Umstände, kletterte auf ihr Motorrad und Robert Falk konnte hinten aufsitzen. Schnell erreichten sie das Haus am Tannenwald.

Wenig später kam die Hebamme, das Neugeborene in den Armen, zu den Männern.

"Da ist er — der Stammhalter."

Der junge Vater war selig. Er umarmte Robert Falk und rief „Sie waren der rettende Engel. Haben Sie vielen Dank!“

"Danken Sie nicht mir", antwortete Robert Falk, "danken Sie Gott für das schöne Weihnachtsgeschenk! Ich wünsche Ihnen eine frohe Weihnacht und Ihrem Hause Glück und Segen.

Später erzählte Robert Falk unter dem Tannenbaum bei einer Tasse Kaffee von seinem Weg durch die Winternacht.

"Ja, meinte der junge Vater nach kurzem Schweigen, der linke Weg an der Gabel war der falsche, aber ich glaube sie sind den richtigen Weg gegangen.“

Noch lange saßen sie in der Stille und blickten in die strahlenden Kerzen.

Robert Falks Vision im Winterwald von der Weihnachtsstube und dem Tannenbaum wurde Wirklichkeit.

Von Weihnachten her sind Immer wieder Wunder möglich.

*mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedel (Sohn) - mehr zu seiner Person finden Sie auf seiner Vereins-Homepage


Barbara Pronnet
Eine wichtige Botschaft

Der heilige Nikolaus verstaute die letzten Päckchen auf seinen Schlitten, zurrte das Seil fest und stieg auf seinen Kutschbock. Seine Rentiere waren gefüttert, gestriegelt und schnaubten mit freudiger Erwartung Dampfwolken in die eisige Nacht.
„Seid ihr bereit meine Freunde?“ rief er laut  und die braven Tiere nickten. Sie kannten ihre Bestimmung und ihr Herr war ein guter Mann der  eine wunderbare Aufgabe hatte. Er machte die Menschen, besonders die Kinder glücklich.

Mit großem Gebimmel sausten die Tiere über das blanke Eis und nahmen immer mehr Fahrt auf. Der Nikolaus blinzelte und plötzlich hoben sich die Tiere in den Himmel, gewannen immer mehr an Höhe und flogen im Galopp durch die Nacht. Die Sterne funkelten am Himmelszelt und als das Schlittengespann ihre Flughöhe erreicht hatte, schwebte sie lautlos und leicht wie Schneeflocken dahin.Der Nikolaus war nach einiger Zeit etwas eingenickt. Er konnte seinen Tieren vertrauen, sie kannten den Weg. Plötzlich wurde das Gespann unruhig und der Nikolaus war sofort hellwach.

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Er sah gleich warum seine treuen Gesellen Alarm schlugen. Weit unten im Eismeer trieb eine lose Eisplatte mit zwei kleinen Eisbären. Die Eisbärenmutter schwamm aufgeregt daneben her, sie wollte die Kleinen wieder Richtung Ufer treiben, war aber bereits  zu erschöpft. Schnell zog der heilige Mann an den Zügeln und die Rentiere schwebten in einer schrägen Linkskurve hinunter zu der Familie im Wasser.

Mit viel Gefühl dirigierte der Nikolaus sein Gespann und  bald berührten die Hufen der Rentiere sanft  die Wasseroberfläche und sie galoppierten vorsichtig  los. Das Wasser bewegte sich  in sachten Wellen und die Eisplatte mit den kleinen Eisbären trieb zum Ufer zurück.

Die Kleinen sprangen sofort auf sicheren Boden und warteten dort mit großem Geschrei auf die Mama. Als diese sich müde aus dem Wasser zog, sprangen sie auf sie zu und erdrückten sie fast vor Freude.

Der Nikolaus und seine Rentiere waren sehr froh, dass sie der kleinen Familie helfen konnten.

„Ich danke dir von Herzen, du guter Gesell“  sagte die Eisbärenmama ehrfürchtig. „Meine Kinder spielten und plötzlich brach das Eis und sie trieben fort. Es ging alles so schnell. Das Eis wird immer gefährlicher. Irgendetwas stimmt nicht. Es ist, als löse sich unser Lebensraum auf. Seid die Menschen uns jagen, beobachten und stören, passieren diese Dinge“.
Der Nikolaus nickte traurig. „Ich weiß, es wird sich vieles für euch ändern. Ihr müsst vorsichtig sein und euch bereithalten. Wenn die Menschen ihr Verhalten nicht ändern, seid ihr in Gefahr. Ich bringe jedes Jahr eine Botschaft der Besinnung und bete für euch alle. Die Kinder der Menschen sind meine größte Hoffnung und wenn diese erkennen um was es im Leben wirklich geht, dann habt auch ihr eine Chance.“

„Dann wünsche ich dir, dass deine Eingebung  in die Köpfe der Menschen dringt und wir alle wieder auf eine gute und sichere Zukunft hoffen dürfen. Leb wohl“ sagte die Eisbärin mit traurigen Augen. Der Nikolaus winkte zum Abschied und schnell wie der Wind trieb er seine Tiere zurück in die dunkle Nacht.  Jetzt war die Zeit gekommen und er musste sich beeilen.  Er hoffte so sehr die Kinder nicht nur mit Süßigkeiten zu erfreuen, sondern ihnen  seine wichtigste Botschaft zu überbringen. Ihre Zukunft.

Zur Autorenseite

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - zur Autorenseite von Barbara Pronnet

Mina Pantic
Ein magischer Winter-Weihnachtstag

In einem kleinen Dorf, inmitten von Bergen und Wäldern, lebte eine Familie, die jedes Jahr das Weihnachtsfest groß feierte. Die Eltern und ihre Kinder bereiteten sich Monate im Voraus darauf vor und dekorierten ihr Haus mit Lichtern und Ornamenten.

Doch in diesem strengen Winter war das Wetter besonders schlecht. Der Schnee fiel ununterbrochen und es war so kalt, dass keiner das Haus verlassen wollte. Die Kinder waren enttäuscht, denn sie hatten gehofft, dass sie draußen spielen und Schlittenfahren könnten.

Doch dann gab es eine Überraschung:

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Am Weihnachtsmorgen öffneten die Kinder ihre Augen und entdeckten, dass jemand in der Nacht den Schnee vor ihrem Haus in eine wunderschöne Winterlandschaft verwandelt hatte. Es gab eine Eislaufbahn, einen Weihnachtsbaum mit Geschenken und sogar einen kleinen Schutzraum, in dem man sich vor dem kalten Wind schützen konnte.

Die Kinder und ihre Eltern waren begeistert und verbrachten den ganzen Tag damit, im Schnee zu spielen und ihre Geschenke auszupacken. Am Abend machten sie ein Lagerfeuer und grillten Marshmallows, während sie Weihnachtslieder sangen.

Am nächsten Morgen, als sie aufwachten, war alles wieder normal. Aber die Erinnerung an diesen besonderen Weihnachtstag blieb für immer in ihren Herzen. Sie wussten, dass es beim Weihnachtsfest nicht nur darum ging, Geschenke zu bekommen, sondern auch darum, Zeit mit denen zu verbringen, die man liebt.

Von diesem Tag an feierten die Kinder jedes Weihnachtsfest mit Freude und Dankbarkeit, wissend, dass sie immer in der Lage sein würden, aus jeder Situation das Beste zu machen. Und so lebte die Familie glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

(c) Mina Pantic 

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Hier findet Ihr weitere schöne, kurze Gute Nacht Geschichten für Kinder!

Zorica Vrabl
Ein Lichtlein im Stall

In unserem alten Stall, dessen Bretter durch Zeit und Wetter etwas morsch geworden waren, pfiff der Wind durch die Ritzen.
Hier waren unsere Hasen, Hühner, ein stolzer Hahn, eine trächtige Schweinedame und ein paar Puten untergebracht.
In meiner Erinnerung bleibt dieses Bild aus meiner Kindheit unvergessen – erscheint jedes Jahr aufs Neue zur Weihnachtszeit.
Der Schnee lag oft einen halben Meter hoch, manchmal sogar noch höher. Ich erinnere mich gut an die Vorweihnachtszeit, wennein Schneesturm alles in Weiß hüllte.
Doch im Stall war es immer friedlich und schön. Trotz der eisigen Temperaturen und des vielen Schnees spürte ich dort eine wohlige Wärme.
Durch die Spalten zwischen den Brettern konnte man draußen den feinen Pulverschnee sehen. Stroh und Heu schufen eine gemütliche Stimmung.
In der einen Ecke, in zwei großen Käfigen, knabberten die Hasen an Maiskolben. Die Schweinedame lag ruhig da.
Am Heiligen Abend 1976 warteten wir gespannt auf die Geburt der Schweinchenbabys. Meine Eltern rätselten, wie viele es geben würde.

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Ich wollte so gerne dabei sein. In unserem Wohnzimmer stand ein Weihnachtsbaum mit Kerzen geschmückt und das Feuer im Kamin spendete Wärme.
Ein Hauch von Zimt und Äpfeln sowie warmen Vanillekipferln zog durchs Haus. Meine Eltern legten warme Kleidung zurecht und eine alte große Decke.
„Mein liebes Kind, es ist so kalt draußen und es schneit. Geh lieber ins Bett. Du wirst ja morgen Früh die Ferkel sehen“, sagte Mama mit weicher Stimme.
Ich konnte aber gar nicht einschlafen. Draußen war alles mit wunderschönem Schnee bedeckt. Überall glitzerte es weiß und dicke Flocken fielen vom Himmel.
Es wirkteso idyllisch. Ich schaute durchs Fenster in Richtung Stall. Das Hoflicht beleuchtete den Winterzauber und am Nachthimmel konnte man Rauch aus den Kaminen der Nachbarhäuser emporsteigen sehen. Funkelnde Eiskristalle überzogen den Stall und nur ein kleines Lichtlein brannte darin.
Ich war so aufgeregt. Ich wollte doch so gerne mit dabei sein. Da hörte ich Schritte, meine Mama war gekommen.
„Du schläfst ja gar nicht!“ „Ich bin einfach zu aufgeregt. Dürfte ich nicht doch mit in den Stall zu dir und Papa?“
„Du gibst ja eh nicht auf“, gab sie schließlich nach. Also schnappte ich mir meine Strickmütze und einen Schal.
„Zieh bitte auch die warmen Wollsocken und Stiefel an“, bat Mutter. Ich beeilte mich sehr. Im Flur standen Papas große Stiefel, die zog ich an.
Endlich fertig. Beim Öffnen der Eingangstür peitschte mir eine Windböe Schnee ins Gesicht. Mit kleinen Schritten in Papas großen Stiefeln huschte ich Richtung Stall.
Vorsichtig schlüpfte ich durch die Stalltür zu meinem Vater. Es herrschte eine besondere Atmosphäre. Ich sah zu unserem Mamaschwein.
Das Tier lag da und wurde nun mit jedem Moment unruhiger. Da lächelte mein Vater und teilte stolz mit, dass das erste Baby da sei.
Und nach einer Stunde war alles geschafft. Sieben Babys!
Ich hätte mich nun am liebsten einfach ins Stroh gelegt, so müde war ich.
Welch zauberhafte Weihnachten!

©Zorica Vrabl

*diese Geschichte wurde mir von der Autorin Zorica Vrabl zur Verfügung gestellt! 

Eva Zimmermann
Der Weihnachtsmann als Entführer

Es war kurz vor Weihnachten. Blitz, der Postengel, legte einen Brief vor den Weihnachtsmann.
„Oh, ein verspäteter Wunschzettel?“, schmunzelte dieser und nahm den dicken Umschlag in die Hand. „Aber der ist doch ...“, murmelte er verwundert, „... der ist doch von der kleinen Susa!“
Unter den Engeln brach Getuschel aus. „Von der Susa?“, fragte einer von ihnen schließlich. Der Weihnachtsmann nickte. „Ja, von der Susa. Klein ist sie inzwischen natürlich nicht mehr und ich bezweifle auch, dass noch irgendjemand sie unter diesem Namen kennt. Tja, es ist lange her ...“ Unschlüssig hielt er den Brief eine Weile in der Hand, bevor er sich einen Ruck gab und zum Brieföffner griff.
„Von der Queen höchstpersönlich“, brummte er, was Fritzchen, den jüngsten und kleinsten der Engel, zu der Frage veranlasste: „Wer ist denn das, die Queen?“
Der alte Mann hielt in seiner Bewegung inne und sah den neugierigen Engel an. „Das ist Susannah Charlotte, Königin von Weitland, Karoland und Delfinien, um nur einige ihrer Länder zu nennen. Was hat sie Weihnachten geliebt, als sie ein kleines Mädchen war! Einmal schaffte sie es sogar, die ganze Heilige Nacht über wach zu bleiben. Sie saß am Fenster und blickte unverwandt in den Himmel, da sie mich unbedingt sehen wollte; mich oder das Christkind oder zumindest die leuchtend rote Nase von Rudolf, meinem Rentier. Da gab es aber nichts außer einem bisschen Sternenflimmern.“

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Der Weihnachtsmann lächelte bei der Erinnerung, wurde dann aber schnell wieder ernst. „Heute hat Weihnachten allen Glanz und Zauber für sie verloren und ist reines Geschäft geworden. Sie ist eine alte Frau, eine strenge und unerbittliche Regentin, die von Regeln, Vorschriften und Disziplin gefangen gehalten wird. Es ist, als hätten sich stählerne Ringe um ihr Herz gelegt!“

Mit einem Seufzer riss er den Umschlag endlich auf und entnahm ihm einen Stapel Blätter. Fritzchen beobachtete, wie sein Gesichtsausdruck sich allmählich von Staunen zu Ärger verwandelte. Schließlich warf der Alte den Brief auf den Schreibtisch und rief: „Blitz, trommle bitte sofort alle zu einer Besprechung zusammen: Ruprecht, Christkind, Nikolaus und Befana, die italienische Weihnachtshexe. Nimm den Rentierschlitten. Ach, und Rudolf soll dann auch bei der Versammlung erscheinen!“

Kurze Zeit später saßen alle um den runden Tisch im Esszimmer des Weihnachtsmannes. Fritzchen sauste zwischen dem Tisch und der Küche hin und her, um die Gäste mit Kakao und Weihnachtsgebäck zu versorgen. Dabei versuchte der kleine Engel, so viel wie möglich von dem Gespräch aufzuschnappen.
„Ihr habt also auch alle eine Einladung der Königin bekommen?“, hob der Gastgeber an zu sprechen. „Ach, was sage ich, Einladung! Es ist eher ein Befehl, zu ihrer Weihnachtsfeier anzutreten!“
„Was glaubt die Alte eigentlich, wer sie ist?“, knurrte Ruprecht finster.
Nikolaus stimmte ihm zu: „Sie hat doch gar keine Ahnung mehr von Weihnachten!“
„Aber“, gab das Christkind zu bedenken, „sie hat inzwischen gemerkt, dass ihr ohne den Festzauber ihrer Kindheit etwas fehlt. Sie versucht eben auf ihre Weise, dieses Gefühl wiederzufinden!“
„Ihre Weise ist aber falsch! So wird sie nichts von dem, was sie sucht, jemals wiederentdecken“, rief Ruprecht aufgebracht.

„Und die seitenlangen Vorschriften, die sie uns macht! Da soll ich mich doch glatt in einen dunklen Anzug zwängen und eine dezente Krawatte tragen“, meuterte der Nikolaus, „und rasieren müssen wir uns am Ende auch noch!“, fuhr er mit einem Blick auf seinen und den weißen Rauschebart des Weihnachtsmannes fort.
„Mich will sie im Kostüm und mit elegantem Hut sehen! Erwartet sie vielleicht, dass ich Schuhe mit hohen Absätzen trage?“, kicherte Befana,
die alle nur in einem geflickten Rock und unförmigen Stiefeln kannten.
„Und Rudolf muss eine tierärztliche Bescheinigung haben, dass er gegen Tollwut geimpft und gegen Würmer und Flöhe behandelt wurde“, beschwerte sich der Weihnachtsmann. „Und Benimmregeln noch und noch! Sogar dafür, worüber wir mit der Königin sprechen dürfen, gibt es Vorschriften! Also, wenn ihr mich fragt - ich gehe da nicht hin!“
Die anderen nickten zustimmend.
Da zupfte etwas am Bart des Weihnachtsmannes. Er beugte sich zu Fritzchen hinab und lauschte dem, was der kleine Engel ihm ins Ohr wisperte. Nach und nach breitete sich ein Lächeln auf dem Gesicht des alten Mannes aus, bis er schließlich schallend lachte. „Fritzchen, du bist ein Goldstück! Genau das werden wir tun“, rief er.

Susannah Charlotte begab sich zur Ruhe. Sie sah auch im Bett diszipliniert und respekteinflößend aus, was aber außer ihrer Zofe nie jemand zu sehen bekam. Diese hatte sich gerade zurückgezogen und die Königin schloss die Augen. Im Geiste ging sie noch einmal Sitzordnung und Menüfolge für die morgige Weihnachtsfeier durch. Endlich hatte sie beschlossen, sich den Kindheitstraum zu erfüllen und all die ewig unsichtbaren Weihnachtsgeister einzuladen. Dem Blick eines Kindes mochten sie sich entziehen können, aber nicht dem Befehl einer mächtigen Königin. Über diesen Gedanken schlief sie ein.
Nicht lange, und ein lautes Poltern ließ sie hochschrecken. Vor ihrem Bett stand ein rotgekleideter Mann. Die Monarchin wollte nach ihren Dienern rufen, doch der Eindringling hielt ihr kurzerhand den Mund zu, während er sie aus dem Bett hob, zum Kamin hinübertrug und den Aufstieg zum Dach begann. Das wurde zwar sehr erschwert durch die sich heftig zur Wehr setzende Königin, aber endlich saß sie sicher im Rentierschlitten. Hier oben konnte keiner ihr Protestgeschrei hören.
In rascher Fahrt ging es zum Himmelstor, das sich lautlos öffnete und den Weg zum Haus des Weihnachtsmannes freigab.

Drinnen umfing sie die Wärme eines knisternden Kaminfeuers. Es duftete nach dem in der Raummitte stehenden Tannenbaum, nach Punsch, Lebkuchen und Zimt, nach Äpfeln und Mandarinen, nach Kerzen und Schokolade.
Doch keiner dieser Wohlgerüche drang zu Susannah Charlotte vor. Sie sperrte sich gegen alles, was um sie herum geschah, saß stocksteif auf dem ihr zugewiesenen Sessel und machte ein säuerliches Gesicht. Die Königin war ganz eindeutig nicht amüsiert, aber sie bewahrte Haltung, wie sie das seit ihrer Kindheit gelernt hatte.
Eine Schar von Engeln wuselte um sie herum, sang Weihnachtslieder, bot ihr Spekulatius an und gab sich größte Mühe, das Interesse der Besucherin zu wecken.
Die Königin verspürte einen feucht-warmen Luftzug im Nacken. Sie drehte sich um und sah die leuchtende Nase von Rudolf hinter sich. Sie musste sich zwar beherrschen, keinen Schrei auszustoßen, aber sie hatte schon ganz andere Schrecken überstanden, ohne mit der Wimper zu zucken.
Da schob sich eine kleine Hand in die ihre. Gleichzeitig hörte sie ein fröhliches Stimmchen: „Darf ich auf deinen Schoß kommen?“ Und noch ehe Susannah Charlotte entschieden ablehnen konnte, war Fritzchen schon hochgeklettert, streichelte über ihre faltige Wange und fragte: „Bist du wirklich Susa?“ Die Königin blinzelte: „Susa?“ Eine Erinnerung stieg langsam wie aus weiter Ferne auf. Sie sah das kleine Mädchen vor sich, das sie einst gewesen war, und einer der stählernen Ringe, der die Monarchin gefangen hielt, löste sich.
„Stimmt es, dass du eine ganze Nacht wach am Fenster gesessen hast, um den Weihnachtsmann zu sehen?“, schwatzte der Engel weiter.
Tränen traten in die Augen der alten Dame, als sie sich an jene Nacht erinnerte. Sie nickte, und ein weiterer Ring sprang auf.
Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, sah sie sich um und entdeckte alles, was sie als Kind so geliebt hatte. Ihre Augen wanderten im Raum umher, ihre Nase nahm die altvertrauten, aber lange vergessenen Gerüche wahr, sie summte die Melodien der bekannten Weihnachtslieder mit.
Fritzchen legte seine Arme um ihren Hals und flüsterte: „Und jetzt feiern wir Weihnachten!“
Es wurde ein zugleich besinnliches und fröhliches Fest. Haltung und Disziplin hatte die strenge Königin abgelegt. Alles, was sie aus ihrer Kindheit kannte, war wieder da und, mehr noch, sie feierte mit all den Personen, die sie früher vergeblich zu sehen versucht hatte. Es war das schönste Weihnachtsfest ihres langen Lebens.
Weit nach Mitternacht brachte der Weihnachtsmann die glückliche Königin in ihren Palast zurück, wo sie sofort in einen tiefen Schlaf fiel.

Kaum hatte das Morgengrauen eingesetzt, da sprang Susannah Charlotte, ohne wie gewöhnlich auf ihre Zofe zu warten, aus dem Bett und rannte mit wehendem Morgenmantel durch das Schloss, sehr zum Erstaunen aller Bediensteten. „Legt mehr Gedecke auf!“, rief sie ihnen mit fröhlicher Stimme zu. „Ändert das Menü! Es soll Gänsebraten, Rotkohl und Knödel geben statt Austern, Hummer und Kaviar! Ich will Äpfel und Zimt riechen! Stellt einen Tannenbaum auf und schmückt ihn! Ach nein, schmückt ihn nicht, das will ich selbst machen! Ladet das Volk von der Straße ein! Und Kinder, viele Kinder! Heute wird Weihnachten gefeiert!“

©Eva Zimmermann

Erschienen in InEsAnthologien / Literarische Bescherung - HoHoHo. Christkind, Engel und co.
epubli - ISBN 978-3-7502-5571-5

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Eva Zimmermann

*Erschienen in InEsAnthologien /  Literarische Bescherung - HoHoHo. Christkind, Engel und co. / epubli - ISBN 978-3-7502-5571-5

Heinz Riedel
Licht in dunkler Nacht

Der Mann auf dem Stuhl saß einsam in Kälte und Dunkelheit der Stube am Tisch. Auch im Herzen des Mannes war es dunkel. Nur hin und wieder ein tiefes Aufatmen verriet, dass Leben in der zusammengesunkenen Gestalt war.

Die Gedanken drehten sich im Kreis.

Das Glück mit der geliebten Frau, ihr plötzlicher Tod, der grausame Schmerz und dann der Alkohol — die Unterschlagung, das Gefängnis und nun seit Wochen Arbeitssuche ohne Erfolg, überall gingen die Leute auf Distanz mit dem Vorbestraften. Wie soll es weitergehen?

Der Mann hatte alles veräußert, um den größten Teil seiner Schulden zu bezahlen.

Nun saß er in seiner kalten Stube, und es hungerte ihn.

Er erhob sich, wollte das trostlose Zimmer verlassen. An diesem lichtlosen Abend des zweiten Advent, erinnerte er sich an sein Stammlokal am Rande der Stadt.

Dort kam ihm nur eine zurückhaltende Erwiderung seines Grußes, aber kein frohes "Hallo" entgegen, das ihn früher so schnell in den Kreis der lustigen Menschen geführt hatte.

Der Mann zog sich an einen Tisch in der Ecke zurück und wartete. Er schaute dem Wirt entgegen und suchte in dessen Gesicht nach der alten Herzlichkeit. Die abweisende Haltung des Wirtes und die höfliche Verbindlichkeit statt der freundlichen Worte von damals machten es dem Mann unmöglich, seine Bitte zu    äußern. Nein — hier hatte er doch keinen Kredit mehr.

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"Lass gut sein, ich will wieder gehen", murmelte der Mann und verließ die Gaststube.

Es war ihm gleich, wohin der Weg ihn führte. Er spürte nur die kalte

Dezemberluft, die ihm jetzt wohler tat als die Wärme in der Gastwirtschaft.

Die Stille des Abends und die raumgreifenden Schritte gaben seinen aufgewühlten Gedanken Ruhe und Klarheit. Er konnte über seine Lage nachdenken.

Der zwar in Dunkelheit gehüllte, aber von der Stadt fortstrebende Weg wies ihm gleichsam das Ziel. "Du musst die Vergangenheit überwinden, musst fort von hier, musst einen neuen Anfang suchen! "So dachte der Mann und wusste, dass er gütige Menschen dazu brauchte.

Nun, da er seine Lethargie überwunden hatte, wurde ihm auch klar, welchen Weg er gegangen war. Bald nach der nächsten Kreuzung würde die Straße durch Seifersdorf führen. Dort wollte er dann umkehren.

Kurz vor der Straßenkreuzung hörte der Mann ein klägliches Weinen. Er ging darauf zu und fand einen Jungen, der sich an einen Straßenpfahl gelehnt hatte. "Nun, nun, hab keine Angst und weine nicht, tröstete der Mann. Er hockte sich vor den Jungen hin, legte dem zitternden Jungen seine Jacke um und sprach freundlich auf ihn ein. Das löste die Zunge des Kindes.

"Ich war bei meinem Freund weit außerhalb unseres Dorfes. Dort haben wir die Zeit verspielt, dass ich beim Heimweg in die Dunkelheit geriet. Ich bin aber nachtblind, da konnte ich bald nichts mehr sehen. "

"Komm nur, mein Junge, ich will dich gern ins Dorf führen und dich zu deinen Eltern bringen", versprach der Mann. Er nahm den Jungen an die Hand und führte ihn die Straße entlang.

Das sich rasch erwärmende Händchen, das vertrauensvoll in seiner großen Hand lag, erwärmte auch das Herz des Mannes.

Er erinnerte sich, dass heute der zweite Advent war, und begann, dem Jungen zu erzählen, wie er Advent und Weihnachten als Kind erlebt hatte. "Heute aber", so schloss der Mann seine Berichte, "heute ist der schönste Adventssonntag meines

Lebens, weil ich einem Jungen in seiner Ratlosigkeit helfen konnte."

Da zog der Junge heftig an der Hand des Mannes und fragte beim Stehenbleiben: "Und ich, kann ich dir auch helfen?"

"Ach Kind, wenn du wüsstest, wie sehr du mir schon geholfen hast! " antwortete der Mann.

Die beiden Wanderer hatten das Dorf erreicht. Auf die Frage des Mannes, wie er das Elternhaus des Jungen finden könnte, erhielt er zur Antwort: "Das sechste Haus auf der rechten Seite."

Dort warf das Außenlicht über der Tür einen hellen Schein auf die Straße. Der Mann wollte sich von dem Jungen verabschieden.

Im gleichen Augenblick ging die Haustür auf. Die Eltern des Jungen waren im

Aufbruch, den Vermissten zu suchen. Sie nahmen ihn in ihre Arme und baten den Mann ins Haus.

Im hellen Licht der Stube sahen die Eltern das ganze Elend des Mannes. Die Mutter stellte für den späten Gast ein schnell bereitetes Abendbrot auf den Tisch, der Vater setzte sich dem Mann gegenüber und sprach mit ihm.

Die warme, gemütliche Stube und die Freundlichkeit der drei Menschen um ihn, öffneten das verzagte Herz des Mannes. Und es quoll aus ihm heraus, quoll heraus und ließ Not und Verzweiflung dunkle Schatten zeichnen.

Während der Junge am Adventskranz zwei Kerzen ansteckte, hörte der Vater dem Mann zu. Er erkannte den aufrichtigen Wunsch des Mannes, ein neues Leben zu beginnen, und sagte mit Nachdruck: "Das muss für Sie nun vorbei sein. Die Schuld ist gebüßt, sie darf Sie nicht mehr belasten.

"Das sagen Sie so", seufzte der Mann, "wohin ich komme, immer hängt es mir an." "Sie dürfen sich nichts daraus machen", ermunterte der Vater, "die Leute sehen eben nicht, wie unser Junge und wir Sie erleben, so  wie Sie wirklich sind." "Das haben Sie schön gesagt sprach der Mann und sein Gesicht entspannte sich, "ich danke Ihnen, das war ein gutes Wort." "Ach was, Worte allein helfen nicht viel.

"Doch, o doch, mir ja. Ihre gute Meinung über mich stärkt mich ebenso wie das Vertrauen Ihres Jungen unterwegs. Ich sehe ein Licht in der Ferne, weiß nur noch nicht, wie ich's werde fassen können."

"Ich will Ihnen helfen dabei. Wir wollen es nicht bei Worten bleiben lassen." Vier Augenpaare sahen in die flackernden Kerzen am Kranz. In die Stille fiel die Bitte des Jungen: "Vater, lies doch etwas vor!" Und der Vater schlug Jesaja 60 auf und las:

Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.

Die Lichter am Kranz erloschen; aber in den Herzen der vier Menschen am Tisch war große Helligkeit zurückgeblieben.

Der Mond hatte die Wolkenschicht vertrieben und leuchtete durch die Nacht. "Heut habe ich ein Wunder erlebt", sagte der Mann, "aus dunkler Nacht wird heller Schein."

 

*Mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedel

*mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedel (Sohn) - mehr zu seiner Person finden Sie auf seiner Vereins-Homepage


Christina Telker
Ein Haar vom Christkind

Leise fiel der Schnee vom Himmel. Vom Vollmond begleitet, schritt das Christkind, in der vor Frost klirrenden Nacht behutsam durch den Wald, einen schweren, voll beladenen Schlitten hinter sich her ziehend. Behutsam streifte es die Zweige der Tannen beiseite, möglichst keine Unruhe zu verursachen, um die Tiere des Waldes nicht zu erschrecken. Bei der alten, dicken Kiefer in mitten der Schonung angekommen, lud es die mitgebrachten Gaben vom Schlitten und legte sie appetitlich angeordnet, um den Stamm des Baumes aus. ‚Auch meine geliebten Tiere brauchen ein Christfest‘, dachte es bei sich. ‚Sie haben es schwer genug in  diesem kalten Winter. ‘ Als der Schlitten gänzlich geleert war, betrachtete das Christkind mit einem Lächeln sein Werk. ‚So jetzt könnt ihr kommen. Ich wünsche euch ein gesegnetes Christfest‘, dachte es und zog sich mit seinem Schlitten in die Schonung zurück. Von hieraus beobachtete es das Ganze noch eine Weile. Erfreute sich daran, als es sah, daß der erste Hase vorsichtig heran hoppelte und begann, die Möhre mit Genuß zu verspeisen. Als das Christkind sah, dass sich der ‚Gabenbaum‘ wohl nach und nach im Wald herumgesprochen hatte, zog es sich endgültig in die Schonung zurück.

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Eng war der Weg zwischen den schwer mit Schnee beladen Tannen zurück. So geschah es wohl, dass das eine oder andere goldene Haar des Christkinds in den Zweigen hängen blieb. Bei Morgengrauen erschien der Förster, um ebenfalls seinen Tieren den Tisch zu decken, so sah er, dass bereits ein anderer vor ihm im Walde gewesen war. Nur wenige Reste erinnerten unter der alten Kiefer an das Festmahl. ‚Wer kann das nur gewesen sein‘, überlegte der Förster. Meinte er doch diesen Platz, unter der alten Kiefer, nur alleine zu kennen. Als er sich so umblickte und nach Spuren des nächtlichen Spenders suchte, entdeckte er plötzlich in manchen Zweigen der Tannen ein feines, zartes Glimmern.

Im ersten Moment hielt er es für die Strahlen, der gerade aufgehenden, Sonne. Beim Nähertreten erkannte er jedoch schnell, dass dies ein Irrtum war. Behutsam nahm er einen dieser goldenen Fäden in die Hand, um ihn zu betrachten. ‚Das Christkind war hier‘, kam ihm plötzlich die Erkenntnis. Mit viel Vorsicht sammelte er die wenigen Haare des Christkinds von den Tannen der Schonung und nahm sie mit heim.

Als er am nächsten Morgen den Christbaum für seine kleine Tochter schmückte, hing er diese goldenen Haare in die Tanne. Welch ein Jauchzen erfüllte am Abend das Weihnachtszimmer als das kleine Mädchen die goldenen Fäden im Christbaum entdeckte. Auch die Frau des Försters war begeistert von diesem besonderen Schmuck ihres Baumes und so machte sie sich ihre eigenen Gedanken. Als im nächsten Jahr wieder der Baum geschmückt wurde, erbat sie sich einen Moment allein im Weihnachtszimmer zu sein, von ihrem Mann. Dieser wunderte sich zwar, aber ließ es mit einem Schmunzeln geschehen. Als sich am Abend zur Bescherung die Tür zum Weihnachtszimmer öffnete, glitzerte der Christbaum wie im Märchen. Jedes Stück Glanzpapier hatte die Mutter das Jahr über aufgehoben und in feinste Streifen geschnitten. Hiermit hatte sie nun den Baum geschmückt. Wie staunten an den Weihnachtsfeiertagen die Gäste, die bei der Försterfamilie einkehrten. Solch einen Baum wollten auch sie gerne haben. So hielt nach und nach das Lametta Einzug in die Weihnachtszimmer. Auch heute erfreuen wir uns noch daran.

© Christina Telker

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Zur Internetseite von Christina Telker

Eva Zimmermann
Warum Martha ihr Weihnachtsgeschenk erst zu Ostern bekam

Der Weihnachtsmann war zufrieden mit seiner geleisteten Arbeit. Da die Ladung seines Schlittens umfangreicher denn je gewesen war, hatte sein Rundflug um die Welt in diesem Jahr noch länger als zu den vergangenen Weihnachtsfesten gedauert. Der alte Mann lehnte sich behaglich in seinem gepolsterten Sitz zurück, zog die Felldecke bis zum Kinn und gähnte. Er war von der anstrengenden Nacht rechtschaffen müde. Auch Fritzchen, der kleinste und jüngste Engel unter den Helfern des Weihnachtsmanns, machte einen schläfrigen Eindruck.
Nur ein einziges Kind war noch zu beschenken: die kleine Martha, die in einem weit abgelegenen Haus am Waldrand wohnte. Ein liebes Mädchen, für das die allerletzten Päckchen in dem Jutesack hinten auf der Ladefläche vorgesehen waren.
Als eines der Rene den Kopf wandte, sah es, dass der Weihnachtsmann eingenickt war. Das Zugtier machte seine Kameraden darauf aufmerksam und alle drehten sich kichernd um. Durch diese kurze Unaufmerksamkeit kam der Schlitten leicht ins Schlingern. Niemand, nicht einmal Fritzchen, merkte, dass dabei der letzte, fast geleerte Sack hinunterfiel.

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Mit sanftem Ruck hielt der Schlitten auf dem Dach von Marthas Haus und riss den alten Mann aus seinem Nickerchen. Er schrak auf, rieb sich die Augen und griff hinter sich, stutzte, schob seine Hand suchend von links nach rechts und wandte schließlich den Kopf um. Nichts! Kein Sack, keine Päckchen! Er erstarrte einen Augenblick vor Schrecken, rief dann aber seinen Renen zu: „Gut, gut! Ihr Schlingel habt mir einen Streich gespielt, weil ich eingeschlafen bin. Ihr habt mich ja schön reingelegt! Aber nun rückt Marthas Geschenke wieder raus!“
Verwundert sahen die Tiere einander an. Sie waren damit beschäftigt gewesen, den Schlitten durch die Lüfte zu tragen, wie sollten sie da die letzten Päckchen versteckt haben? “Fritzchen, hast du etwa …“ Aber ein Blick in die unschuldigen Engelsaugen ließ auch die letzte Hoffnung des alten Mannes schwinden.
Dem Weihnachtsmann dämmerte allmählich die traurige Wahrheit. Er hievte sich ächzend vom Schlitten und stapfte dann ratlos auf dem Dachfirst hin und her.
„Wenn ihr die Geschenke nicht habt, dann gibt es nur eine Möglichkeit: Wir haben sie verloren! Und was machen wir nun? Suchen fällt aus, denn es schneit zu sehr. Sie sind längst unter dem Schnee verschwunden. Die findet irgendein glückliches Kind dann im Frühjahr. Also, was schlagt ihr vor?“
Unter den Renen brach eine lautstarke Diskussion aus. Jedes gab seine Meinung zum Besten, aber ein brauchbarer Vorschlag war nicht darunter. Der Weihnachtsmann raufte sich den Bart vor Verzweiflung. „Von allen Kindern hat Martha ihre Geschenke am meisten verdient. Und nun so etwas!“, stöhnte er.
Plötzlich wurden sie von einem leisen Quietschen unterbrochen. Die Dachluke öffnete sich langsam und ein kleines Mädchen sah heraus. „Weihnachtsmann, du bist es!“, rief es erfreut, „Aber warum machen deine Rene denn so einen Krach? Und weshalb siehst du so traurig aus?“
„Ach, Martha, das ist eine schreckliche Geschichte! Ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll“, antwortete der Alte.
„Na, kommt doch erst mal alle ins Warme, dann kannst du mir erzählen, was passiert ist“, schlug Martha vor.
Das war eine Einladung, den das Grüppchen auf dem Dach gern annahm. Zwar wurde es im Wohnzimmer ein wenig eng mit all den Rentieren, aber es war mollig warm. Martha gab den Tiere Karotten, die sie genüsslich kauten.
Der Weihnachtmann und Fritzchen nahmen dankbar die heiße Schokolade an, die Martha ihnen reichte. Der alte Mann setzte sich in den Lehnstuhl und beichtete die ganze Sache. Zu seiner großen Erleichterung brach Martha nicht etwa in Tränen, sondern in lautes Lachen aus. „Das ist ja eine lustige Geschichte! Und weißt du was, Weihnachtsmann?“, rief sie, „Ich brauche eigentlich sowieso keine neuen Spielsachen. Ich habe doch schon so viele, und es gibt gar keine anderen Kinder, mit denen ich die Sachen ausprobieren könnte. Hier ist es so abgelegen. Sogar die Schule ist zu weit weg für mich.“
Martha beklagte sich nicht, aber der Weihnachtsmann merkte auch so, dass das Kind wegen seiner Einsamkeit traurig war. „Ja, aber wer wohnt denn sonst noch hier in diesem großen Haus?“, fragte er. „Nur meine Eltern und ich. Du hast Recht, das Haus ist für uns drei eigentlich viel zu riesig! Die meisten Zimmer benutzen wir gar nicht. Früher, als meine Großeltern es gebaut haben, war es voller Kinder. Mein Vater hatte nämlich viele Geschwister. Das muss lustig gewesen sein!“ Martha seufzte wehmütig.
Der Weihnachtsmann sagte nachdenklich: „Du brauchst ein ganz anderes Weihnachtsgeschenk als die Spielsachen, die in dem verlorenen Sack waren. Lass uns mal nachdenken …“
Fritzchen kletterte auf den Schoß seines Chefs und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Martha war ganz still, um die beiden nicht zu stören. Sie hatte das Gefühl, dass sich da gerade eine ganz große Idee zusammenbraute und sie fühlte plötzlich Schmetterlinge in ihrem Bauch herumflattern. Gespannt beobachtete sie das Gesicht des Mannes, dessen Stirn zuerst von tiefen Furchen durchzogen gewesen war. Dann aber machte sich allmählich ein Lächeln auf seinem Gesicht breit und schließlich sagte er nickend zu dem kleinen Engel: „Ja, ich glaube, das ist eine ausgezeichnete Idee! Fritzchen, du bist ein Goldstück!“
Mehr verriet er nicht. Stattdessen stellte er Martha viele Fragen zu dem großen Haus, dem umliegenden Wald mit dem kleinen See, den Eltern und deren Berufen. Der Vater war einmal Lehrer gewesen, hatte aber nun einen großen Garten angelegt, einen Stall gebaut und betrieb einen kleinen Bauernhof, mit dessen Erträgen er die Familie ernährte. Die Mutter war gelernte Kindergärtnerin und verbrachte einen Teil des Tages damit, Martha zu unterrichten, da es zur Schule zu weit war. Der Weihnachtsmann nickte befriedigt und sagte dann: „Weißt du was, Martha? Ich glaube, wir kommen in ein paar Monaten noch einmal zu dir. Dann können wir gleich den Osterhasen mitbringen!“
Obwohl Martha vor Neugierde fast platzte, ließen ihre Besucher sich nichts weiter entlocken, sondern verabschiedeten sich. Martha winkte dem Rentierschlitten noch lange nach.
Die Monate zogen ins Land. Der Schnee schmolz und, wie vorhergesagt, wurden Marthas Weihnachtsgeschenke von Kindern gefunden, die sich darüber freuten.
Der Weihnachtsmann und Fritzchen waren beschäftigt. Sie arbeiteten mit Hochdruck an ihrer Idee, statt, wie sonst um diese Zeit, sich im Bett von den Anstrengungen des Dezembers zu erholen.
Blitz, der Postengel, beförderte Briefe hin und her, vermittelte Telefongespräche zwischen seinem Boss und Marthas Eltern, ja, lernte sogar, wie man E-Mails verschickte und eine SMS verfasste. Aus der sonst um diese Jahreszeit stillen Weihnachtswerkstatt hörte man eifriges Sägen und Hämmern und Fritzchen hatte ständig bunte Farbkleckse an den Fingern.
Als die ersten Osterglocken blühten, flog der voll beladene Rentierschlitten wieder los. Auf dem Kutschbock saß neben Fritzchen und dem Weihnachtsmann auch eine kleine Gestalt mit langen Ohren und ängstlichen Augen. Für den Weihnachtsmann war es eine ganz neue Erfahrung, unter sich das grünende, blühende Land zu sehen und die laue Luft im Gesicht zu spüren. Er sah fasziniert auf die ungewohnte Aussicht, die sich ihm bot. So bemerkte er zuerst gar nicht, dass der Osterhase immer blasser um das Näschen herum wurde und sich krampfhaft an den Sitz krallte. Seine flatternden Ohren wirkten fast wie Segel, sodass der kleine Hase Angst hatte, bald abzuheben. Dann jedoch griff die große Hand des alten Mannes nach ihm und schob den kleinen Gesellen unter seinen roten Mantel. Hier konnte ihm nichts passieren.
Endlich landete der Schlitten neben Marthas Haus. Die kleine Familie kam sofort auf die Wiese gelaufen und begrüßte die Gäste voller Freude. Martha war ganz zappelig, wusste sie doch, dass sie nun endlich – neben ihren Ostereiern – auch ihr Weihnachtsgeschenk bekommen sollte. Staunend sah sie zu, wie der Schlitten entladen wurde. Da kamen zahlreiche bunte Kinderbetten zum Vorschein, Tische und Stühle in allen Farben, Regale, Bälle und Springseile, Klettergerüste und Schaukeln und sogar ein Schlauchboot. Die Möbel wurden von Fritzchen und Marthas Vater ins Haus getragen.
Dann war nur noch ein Ding auf dem Schlitten. Der Weihnachtsmann hob es mit Mühe heraus. Es war ein großes Brett, das an Pfosten genagelt war. Marthas Eltern halfen dem alten Mann, das Schild an der Einfahrt zum Haus aufzustellen.
Nun konnte Martha endlich sehen, was darauf geschrieben stand:
Ferienheim für Stadtkinder
Mit offenem Mund las sie die Aufschrift des Schildes zweimal, bevor sie es endlich begriff. Dann aber fiel sie dem alten Mann mit einem Jubelschrei um den Hals. „Weihnachtsmann, das ist das beste Weihnachtsgeschenk, das du mir machen konntest! Nun werde ich nie mehr allein spielen müssen!
Der Osterhase hatte das allgemeine Durcheinander genutzt und all seine mitgebrachten Eier versteckt. So kam es, dass der Weihnachtsmann auf Einladung von Martha erstmals in seinem langen Leben auf Ostereiersuche ging und so großen Spaß daran hatte, dass er ernsthaft erwog, in Zukunft auch die Weihnachtsgeschenke zu verstecken!

©Eva Zimmermann

*mit freundlicher Genehmigung der Autorin Eva Zimmermann

Heinz Riedel
Wir warten

Oh ja, warten muss gelernt sein!
Das fordern die vielen Wartezimmer, die wir im Leben überall antreffen.
Im Wartezimmer der Arztpraxis müssen sich sogar die Ungeduldigsten seiner zähmenden Macht beugen. Zuletzt gibt auch der Unruhigste es auf, seine Kleidung durch das Hin und Her rutschen auf dem Stuhl zu strapazieren und greift nach dem bereitliegenden Lesestoff, mit dem er dann sein Wissen durch altbackene Zeitschriften und zugleich seinen Vorrat an Bakterien und Bazillen auffrischen kann.
Die Unruhe ist erst beendet, wenn die Sprechstundenhilfe den Patienten namentlich aufruft. Der Seufzer ertönt: „Na, endlich!“

Die Wartesäle der Bahnhöfe verfügen über einen raffinierten Mechanismus, dem Wartenden die Zeit, sogar den kleinsten Sekundenschritt zu dehnen: Die schmucklose Bahnhofsuhr. Kein Wunder, wenn Viele den Versuch unternehmen, der schleppenden Zeit mit einem Schluck Muntermacher Beine zu machen.

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In den langen Wartefluren der Verwaltungsgebäude beschäftigt uns das Grübeln über Vorschriften und gesetzliche Bestimmungen. Schlimmer – und eine besondere Qual dieses Wartens – ist die nie endende Aufmerksamkeit, mit der die Bürotür überwacht werden muss, damit man bei der Aufforderung „Der Nächste bitte!“ rechtzeitig davorsteht und sich niemand vordrängeln kann.

In den Wartegängen der Gerichtsgebäude bringt nicht einmal der Ruf „Der Nächste bitte!“ Erlösung. Hier zittert jeder davor. Ihm folgt, womit sich jeder auf der Bank in den qualvollen Warteminuten, immer wieder beschäftigt hat: Das Urteil.

Recht bequem dagegen wartet es sich im Vorzimmer eines Generaldirektors. Bei einer Erfrischung und einer dicken Brasil scheint das Warten Freude zu bereiten. Aber auch hier beunruhigt die störende Frage, in welcher Laune man den Generaldirektor antrifft und welche Erfolgschancen sich bieten werden. Warten ist eine Last mit Reih-Stehen, großer Angst und viel Unsicherheit.

Die Alten und Schwachen, die Kranken im Bett warten mit Schmerzen des Körpers und großer Seelenqual auf den Samariter – ja, letztendlich auf den Samariter Tod, auf das Licht, das aus der Finsternis hervorleuchtet.
Licht bringt Klarheit, Wärme, Freude. Auf Licht warten lässt Hoffnung wachsen.

Am ersten Advent zünden wir eine Kerze an. Mit diesem Licht beginnt unsere Wartezeit vor dem Stall von Bethlehem, betreten wir den weihnachtlichen Warteraum.
Hier gibt es kein In-der-Reihe-Stehen, plagt keine Angst, beunruhigt keine Unsicherheit.

Der Weg durch diesen Warteraum wird immer heller. Es ist der Weg der Weisen aus dem Morgenland. Die Wartezeit zur Weihnacht ist kein Käfig, in dem wir unruhig hin und her laufen müssen. Wir können uns betätigen, all unsere Sinne einsetzen, an das Ziel zu gelangen.
So schauen wir das Licht. Es wächst symbolisch am Adventskranz. Es wächst in uns, wenn wir mit offenen Augen, in die sich mehrenden Kerzenflammen blicken, mit Augen, die das reinigende Feuer der Flamme, die Helle und Liebe des Lichtes, wahrnehmen, wie Kinder es in frommer Einfalt tun.

In dieser Wartezeit vor Weihnacht lassen wir unsere Stimme erklingen, singen fröhlich die Lieder zur Weihnacht und das Gloria der Engel auf dem Felde. Frei von dem was alltäglich ist wird sich unsere Stimme zu einem Lobgesang steigern.
Auch unsere Ohren sollen teilnehmen. Wir öffnen sie in den Schlummerstunden des Dezembers, in der Stille der Dunkelheit. Wenn alles Laute, alles Grelle vergeht lauschen wir den Gedichten und Erzählungen zur Weihnachtszeit.

Oh ja, im Warteraum zur Weihnacht können wir uns vielen Beschäftigungen hingeben – äußeren und inneren. Dieser Warteraum ist deshalb kein unbeliebtes Wartezimmer des täglichen Lebens mit Angst und Unsicherheit. Es ist der Raum, in dem wir uns der Freude durch Tätigkeiten mit Leib und Seele öffnen sollen.
Wir können sinnvoll unsere Hände rühren. Mit ihrer gestaltenden Arbeit transportieren wir Liebe und Andacht in unsere Seele und können durch alles was die Hände geformt haben, Liebe und Freude weitergeben an alle, die wir gerne haben. Es gibt so schöne Einfälle, wie man die Zuneigung zum anderen in ein selbst geschaffenes Weihnachtsgeschenk einbauen kann, um schenkend Herz und Gemüt des Empfängers zu streicheln.

Die eigene Seele streicheln wir, wenn wir unseren Christbaumschmuck mit eigenen Händen herstellen und dabei unsere Freude auf Heiligabend, unsere Hingabe an das Kind in der Krippe in den Baumschmuck einfügen.
Sogar die Wohnstube wird ihre Alltäglichkeit verlieren, wenn wir sie durch unsere Einfälle und mit tätigen Händen schmücken, so die alltäglichen Sorgen verjagen und den Weg freimachen für die Fröhlichkeit. Wenn wir in das Zimmer treten, öffnen wir nicht nur die Stubentür, sondern auch die Tür zum Stall von Bethlehem.
Die Tür zur Weihnacht zu öffnen, helfen uns dann sogar die lieblichen Düfte, die im Advent das Haus vom Pfefferkuchenbacken erfüllen. Bei Kerzenschein, adventsfrohen Gesprächen und Weihnachtsmusik können uns dann, über die Zunge, auch die geheimnisvollen morgenländischen Gewürze in Printen, Spekulatius und Christstollen helfen, den Weg der drei Weisen zu finden.

Unser Warten ist Freude.
Dieser Freudenruf erklingt immer wieder in der Adventszeit. Das Wartezimmer des alltäglichen Lebens betreten wir mit dem Seufzer: O ja – Warten muss gelernt sein!
In die Wartezeit Advent treten wir mit Freude ein, weil wir unser Herz mit Seligkeit füllen können durch alle Sinne: Die leuchtenden Augen, die lauschenden Ohren, die klingende Stimme, die tätigen Hände.

O ja – Dieses Warten ist Freude!
Es ist Advent.
Es ist Warten auf die Ankunft des Herrn.
Wartet nicht mit geschlossenen Augen und verschlossenen Herzen!
Vielleicht kommt der Herr morgen schon vorbei!

(c) Heinz Riedel

*eingereicht von Peter Riedel (Sohn)

* mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedel