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Schöne klassische Wintergedichte

Bekannte und weniger bekannte Wintergedichte klassischer Autoren

Klassische, zauberhafte Lyrik zur Winterzeit


 Winterlandschaft mit See
Bild: pixabay.com
Schöpfer, deine Herrlichkeit
leuchtet auch zur Winterzeit
in der wolkenlosen Luft,
in dem Schnee, dem Reif und Duft.


Johann Kaspar Lavater

Wintergedichte klassischer Autoren - von K - Z

Am Kamin
Adolf Friedrich von Schack

Baum im Winter
Alfons Petzold

Blumengeister
Luise Otto

Da wechselt um die alten Inselränder
Rainer Maria Rilke

Der Schneefall
Franz Werfel

Die Wintersonne an die Südländer
Elisabeth Kulmann

Ein winterliches Gedicht
Alexander Puschkin

Eines Morgens Schnee
Konrad Weiß

 

Flugzeug am Winterhimmel
Joachim Ringelnatz

Gestern
Alexander Puschkin

Gott über den Feldern
Franz Lüdtke

Im Schnee
Hedwig Lachmann

Im Winter
Justinus Kerner

Im Winter
Franz Lechleitner

Im Winter
Theobald Nöthig

Im Winter
Betti Paoli

Schlittschuhlaufen
Wolfgang Müller von Königswinter

Schnee
Francisca Stoecklin

Schneeflocken
Alfons Petzold

Spät im Jahr
Hedwig Lachmann

 

Winterabend
Richard Koppin

Wintergewitter
Albin Zollinger

Wintergrüne Fichte
Friedrich Rückert

Winterlied
Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Winterlied
Hermann Rollett

Wintermorgen
Johann Ludwig Uhland

Winterstille
Johannes Trojan

Wintertraum
Betty Paoli

 


Franz Lüdtke 1882 - 1945
Gott über den Feldern

Über die winterdunklen
Fluren schreitest du.
Sieh, noch schlummern die Saaten
Tief in heiliger Ruh.

Und sie warten der Stunde,
Da das scheue Licht
Um die zitternden Furchen
Blüten aus Sonne flicht.

Und sie harren, bis segnend
Deine Hand sich hebt,
Daß um die Ackerkrume
Heimliches Wunder webt -

Daß aus nebelnden Träumen
Leise der Tag erwacht
Und ein Leuchten fließe
Um die versinkende Nacht.

*Quelle: Vom Reichtum der deutschen Seele
Hausbuch deutscher Lyrik von Georg Vinsberg

Wolfgang Müller von Königswinter 1816 - 1873
Schlittschuhlaufen

Der Winter geht so starr und kalt,
Der Teich ist festgefroren,
Frischauf die Schlittschuh angeschnallt,
Die Pelze um die Ohren!

Wir gleiten hin, wir gleiten her
Auf spiegelglattem Eise,
Wir schwingen uns die Kreuz und Quer
Und schlingen unsre Kreise.

Und plumpst auch Einer ’mal dahin,
Das darf nicht scheu ihn machen,
Er stehet auf mit frischem Sinn
Und er beginnt zu lachen.

Er mischt sich wieder in die Reihn
Und läuft in Freude weiter,
Denn auf dem Eis, da muss man sein
Recht munter, frisch und heiter.

*Quelle: https://www.gedichte7.de/

Franz Lechleitner 1865 - 1928
Im Winter

Wo sind sie denn geblieben
Die Träume der Jugendzeit,
Mit Wandern und Jauchzen und Lieben
In Waldesherrlichkeit?

Wo sind sie hingeschwunden
Die Wunder des jungen Mai,
Das sanfte Herzgesunden
Im Lichte so voll und frei?

Wo sind sie hingegangen
Die Sonnen der leuchtenden Welt,
Die Blüten mit lockendem Prangen,
Die schlagenden Lerchen im Feld?

Ach! Es ist alles verschollen
In Wintereinsamkeit,
Und die treibenden Stürme wollen
Nicht wanken mehr weit und breit!

*Quelle: https://gedichte.xbib.de/

Albin Zollinger 1895 - 1941
Wintergewitter

Es blitzt in Explosionen von Schnee.
Weißer Geist
Fährt in Lücken der Lüfte, ein See
Der ergleißt.

Prasselnd in Trommeln voll Reif
Rollt der steinerne Donner aus.
Steif
Steht der Stille getünchtes Gespensterhaus

Brach mit Kanonen der Sommer schwer
In den Wintertraum?
Schlägt sich jenseitiges Heer
Im Getümmel von Flaum?

Widerhallend in Schüssen des Lichts
Reift die Schlacht
Zu den Ordnungen höchsten Gerichts
Das mit Gestirnen wacht.

Als blühte der Blitzglanz in Schnee
Aus gestillter Luft,
Rauscht's von flockiger Azalee
In Gewitterduft.

Alfons Petzold 1882 - 1923
Schneeflocken

Winzig kleine Englein fliegen
Auf die dunkle Erde nieder.
Sieh ihr Tanzen und ihr Wiegen,
Höre ihre frohen Lieder.
Wenn sie ruhen nach dem Tanze,
Tausend da und tausend dort,
Ist mit ihrem Silberglanze
Übersprüht ein jeder Ort.

Ihre Stirnen, hocherhoben,
Tragen Krönlein funkelhelle.
Ihre Röckchen sind gewoben
Aus dem Duft der Ätherwelle.
Und sie singen so, als übe
Jedes ein ein frommes Lied,
Wenn auch morgen schon die trübe
Gosse ihre Leichen sieht.

Seelchen sind es, ungezählte,
Die du siehst vor dir im Falle.
Gottgeküsste, gottbeseelte,
So wie du, wie ich, wie alle.
Wesen Gottes, die beseelt sind
Durch der Liebe starkes Licht,
Und wie wir zum Kampf erwählt sind
In dem engen Kreis der Pflicht.

Hermann Rollett 1819 - 1904
Winterlied

Warum so düster, Erdenraum?
Warum so kalt, so fremd?
Es deckt dich Schnee, du regst dich kaum
In deinem Totenhemd.

Mir glühts im Herzen immer licht —
Ob Sturm, ob Sonnenschein,
Wenn manchmal auch ein Bäumchen bricht,
Bald ist der Himmel rein!

Doch sieh, da schmilzt das starre Eis,
Und rings zerfließt der Schnee,
Und auf den Fluren, erst noch weiß,
Ich frisches Grün erseh.

Da rief ich laut in meinem Traum
Vom Lenz zur Winterszeit:
O Sonnengold, o Purpursaum —
Wie seid ihr noch so weit!

Wo bist du noch, o Lüftchen lau,
Vom Frühlingshauch bewegt,
Doch — dem ist stets der Himmel blau,
Der ihn im Herzen trägt.

Franz Werfel (1890-1945)
Der Schneefall

O langsames Fallen des Schnees,
Unendliches schleierndes Treiben!
Wär' doch mein Auge geistesgestählt,
Ihm könnte verborgen nicht bleiben,
Daß jede Flocke des weißen Gewehs
Gewußt ist, gewogen, gezählt.

O Flocken, die tanzend sich drehn,
Ihr klein beseelten Persönlichkeiten,
Vertragen von Schwere, Leichte und Wind,
In eurem Kommen und gehen
Seh ich die Schicksale niedergleiten,
Die ihr beginnt, vollendet, beginnt ...

Die eine fällt wollig und weich,
Die andre voll Trotz und kristallen,
Die dritte von Widerständen geballt.
Doch löst sich morgen das bleiche Reich,
So stirbt nicht eine von allen
Und die reinsten tauen zur Tropfengestalt.

Richard O. Koppin (1879-1939)
Winterabend

Schneeluft hängt in allen Gassen,
bleiche Dämmerfinger fassen
nach den flackernden Laternen,
die schon müde ihre blassen
Strahlen senden in die Fernen.

Dichter an den Kirchturm rücken
Stadttor schon und Bachtalbrücken,
und die trauten Giebeldächer,
draus mit weichen Kerzenblicken
grüßen rings die Schlafgemächer.

Und am Markt der alte Bronnen,
schneeverhängt und still versonnen,
träumt von lichten Frühlingszeiten,
wie er dann durch Blütenwonnen
plätschernd würde talwärts gleiten.


Holzhaus in Winterlandschaft
Bild: pixabay.com

Hedwig Lachmann (1865-1918)
Spät im Jahr

Der Herbst verflog. Der erste Nachtfrost kerbt
Die Felder, drauf die Spätfrucht abgeräumt,
Der Waldesboden ist kahl und entfärbt,
Der Wegrand rissig und mit Reif besäumt.

In klarer Luft fliegt hoch am Horizont
Die Krähe und entspannt die Flügel weit,
Die Welt ist nur von ferne noch besonnt,
Man spürt: es währt nicht lange, bis es schneit.

In einem Meer von grauen Nebeln rinnt
Der Tag ins Dunkel und lang wird die Nacht;
Es scheint, das Leben feiert oder sinnt,
Wie eine alte Mutter, die vollbracht

Ihr Tagwerk und nur noch der Kinder denkt,
Und einzig nur von ihrem Glücke zehrt,
In ihre fernste Zukunft sich versenkt,
Und die doch einsam ist und abgekehrt.

Justinus Kerner (1786-1862)
Im Winter

Als meine Freunde,
Die Bäume, noch blühten,
Rosen und Feuer-
Lilien glühten,
Waren die Menschen
All mir bekannt,
War mir die Erde
Lieb und verwandt.

Jetzt, wo die Freunde,
Die Bäume, gestorben,
Jetzt, wo die Lieben,
Die Blumen, verdorben,
Stehen die Menschen
Kalt auf dem Schnee,

Und was sie treiben,
Macht mir nur weh.

Friedrich Rückert (1788 - 1866)
Wintergrüne Fichte

Wintergrüne Fichte,
Bricht dein schlankes Reis
Unter dem Gewichte
Nicht von Schnee und Eis?
In den kalten Tagen,
Was erhält so kühn
Dich, wo alle zagen,
Fichte wintergrün!

Wintergrüne Fichte,
Wenn in Sturmes Wehn
Winters Strafgerichte
Ob der Flur ergehn,
Wenn nicht Baum noch Pflanze
Grünen darf noch blühn,
Bleibest du im Kranze
Ficht wintergrün.

Wintergrüne Fichte,
Wovon lebest du?
Strömt vom Himmelslichte
Dir die Nahrung zu?
Unter Frostes Kloben
Starrt der Erde Glühn;
Doch du lebst von oben
Fichte wintergrün.

Wintergrüne Fichte,
Weil vom Himmelsduft
Du mit Weltverzichte
Lebest auf der Gruft,
Darum schmückt dein Schimmer,
Deiner Lichter Sprühn,
Weihnachtliche Zimmer,
Fichte Wintergrün.

Wintergrüne Fichte,
An der Statt wo ich
Mir dies Haus errichte,
Siehe, pflanz´ich dich:
Wo einst Ruh ich habe
Von des Lebens Mühn,
Schatte meinem Grabe,
Fichte wintergrün!

*Quelle: Gedichte für einen Wintertag / dtv Verlag

Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834)
Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell, wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er fimmert blau und rot und weiss,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe.

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind´
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Pflaum
Wie leichter Blütenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet, mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten;
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg, von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lautrer blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalles Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der muntre Sperling pickt vertraut
Die Körner vor der Scheune.
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! auf festgediegner Bahn,
Klimm ich den Hügel schnell hinan,
Und blicke froh ins Weite;
Und preise den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.

Rainer Maria Rilke 1875 - 1926
(Da wechselt um die alten Inselränder)

Da wechselt um die alten Inselränder
das winterliche Meer sein Farbenspiel
und tief im Winde liegen irgend Länder
und sind wie nichts. Ein Jenseits, ein Profil;

nicht wirklicher als diese rasche Wolke,
der sich das Eiland schwarz entgegenstemmt.
Und da geht einer unterm Insel-Volke
und schaut in Augen und ist nichts als fremd.

Und schaut, so fremd er ist, hinaus, hinüber,
den Sturm hinein; zwar manchen Tag ist Ruh;
dann blüht das Land und lächelt noch. Worüber?
Und die Orangen reifen noch. Wozu?

Was müht der Garten sich ihn zu erheitern
den Fremden, der nichts zu erwarten schien,
und wenn sich seine Augen auch erweitern
für einen Augenblick —: er sieht nicht ihn.

Wenn er vom Vorgebirge in Gedanken
des Meeres winterliches Farbenspiel
und in den Himmeln ferner Küsten Schwanken
manchmal zu sehen glaubt: das ist schon viel.
 

Betty Paoli (1814-1894)
Im Winter

Wiesengrund und Bergeshöh'
Liegen wie begraben,
Auf dem schimmernd weißen Schnee
Tummeln sich die Raben.

Mag die Sonne auch ihr Licht
Fernehin entsenden,
Es erquickt und wärmet nicht,
Kann nur schmerzlich blenden.

Dicht vor meinem Fenster steht
Eine schlanke Linde,
Mit Demanten übersä't
Stöhnet sie im Winde.

An die Scheiben pocht sie leis',
Leis' wie Glöckchen läuten;
Was sie sagen will, ich weiß
Mir es wohl zu deuten.

Arme Linde! Tag und Nacht
Scheinst du mir zu klagen:
»Dürft ich doch, statt todter Pracht,
Wieder Blüthen tragen!«

Quelle: http://www.wortblume.de/dichterinnen/

Johann Ludwig Uhland (1787 - 1862)
Wintermorgen

Ein trüber Wintermorgen war`s,
als wollt` es gar nicht tagen,
Und eine dumpfe Glocke ward
Im Nebel angeschlagen.

Und als die dumpfe Glocke bald,
Die einzige verklungen,
Da ward ein heisres Grabeslied,
ein einz`ger Vers gesungen.

Es war ein armer, alter Mann,
Der lag gewankt am Stabe,
Trüb, klanglos, wie sein Lebensweg,
So war sein Weg zum Grabe.

Nun höret er in lichten Höhn
Der Engel Chöre singen
Und einen schönen, vollen Klang
Durch alle Welten schwingen.

Alexander Puschkin (1799 - 1837)
Gestern

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.
Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.
Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.
Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder.
Der Bach rauscht lustig unterm Eis,
nur finster stehn die Wälder.

Alexander Puschkin (1799 - 1837)
Ein winterliches Gedicht

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.

Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.

Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder,
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.

Francisca Stoecklin (1894 - 1931)
Schnee

Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
schwebe, sinke -
breit alles in Schweigen
und Vergessenheit!
Gibt es noch Böses,
wo Schnee liegt?
Verhüllt, verfernt er nicht
alles zu Nahe und Harte
mit seiner beschwichtigenden
Weichheit, und dämpft selbst
die Schritte des Lautesten
in Leise?
Schnee, zärtliches Grüßen
der Engel,
den Menschen, den Tieren! -
Weißeste Feier
der Abgeschiedenheit.


Winter Amsel auf frostigem Zweig
Bild: PenjaK /pixabay.com

Hedwig Lachmann (1865-1918)
Im Schnee

Schneegeriesel. Flocken über Flocken.
In der weichen Luft zerfließt der Schaum,
Und kein Windhauch weht die Erde trocken.

Aber, wenn im Frost erstarrt der Flaum,
Reift er schnell zu glitzernden Kristallen
Und blinkt dann am Boden und am Baum.

Nasser Schnee ist auf mein Haar gefallen .
In den Bergen türmt er sich zu Eis
Und zu donnernden Lawinenballen.

Von den Dächern tropft es leise, leis,
Und dazwischen gleiten und verschwimmen
Fern und ferner, kaum dass ich es weiß,

Dämmernde Gedanken, leise Stimmen
Wie Erinnern, wie ein Atem bloß,
Einer Sehnsucht aufgescheuchtes Glimmen.

Alles fließt der Erde in den Schoss.
Dieses Lebens gleitende Gesichte,
Ungezählte Tropfen, Los um Los,

Einen Augenblick beglänzt vom Lichte -
Oder in der rauen Luft gereift,
Und nun auf der harten Erde dichte
Sternkristalle, bis ein Wind sie streift.

Adolf Friedrich von Schack (1815 - 1894)
Am Kamin

Stürme, Dezember, vor meinem Gemach,
Hänge, Zapfen von Eis an das Dach;
Nichts doch weiß ich vom Froste;
Hier am wärmenden, trauten Kamin
Ist mir, als ob des Frühlings Grün
Rings um mich rankte und sprosste.

All das Gezweig, wie es flackert und flammt,
Plaudert vom Walde, dem es entstand,
Redet von seligen Tagen,
Als es, durchfächelt von Sommerluft,
Knospen und Blüten voll Glanz und Duft,
Grünende Blätter getragen.

Fernher hallenden Waldhornklang
Glaub´ ich zu hören, Drosselgesang,
Sprudelnder Quellen Schäumen,
Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,
Der die brütenden Vögel im Nest
Weckt aus den Mittagsträumen.

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!
An den Kamin herzaubert den Wald
Mit der Flammen Geknister,
Bis ich bei Frühlingssonnenschein
Wieder im goldgrün schimmernden Hain
Lausche dem Elfengeflüster.

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)
Flugzeug am Winterhimmel

Ich fliege im Flockengewimmel.
Ach, guter Himmel, laß das doch sein!
Ich Flugriese bin nur klein Vögelein
Gegen dich, schüttender Himmel.

Sag Schneegestöber, ich bäte es sehr,
Ein wenig nachzulassen.
Denn meine Flügel tragen schon schwer
An sechs ganz dicken Insassen.

Die spielen Karten in meinem Leib
Und trinken, weil sie so frieren.
Und wollen nach Zoppot, um Zeitvertreib
Und Örtliches zu studieren.

Und käme ich dort nicht pünktlich hin,
Die würden es niemals verzeihen.
Lieber Himmel, wenn ich gelandet bin,
Dann darfst du gern wieder schneien.

Alfons Petzold (1882-1923)
Baum im Winter

Es steht ein Baum vor meinem Haus -
Armseligstruppiges Geäst
Hebt sich aus seinem Stamm heraus
Und hält ihn an das Leben fest.

Im Sommer hat die schnelle Faust
Des Blitzes seinen Stamm zersägt,
Und Sturmwind, der im Herbst gebraust,
Die letzte Kraft hinweggefegt.

Die andern Bäume stehen stark
Und kühn um diesen Krüppel her.
In ihnen singt gesundes Mark
Und macht ihr Dasein tatenschwer.

Doch wenn ein Ast im Winde bebt
An seinem Leibe, glaubt auch er,
Daß er noch für den Frühling lebt,
Wie seine Brüder ringsumher.

Konrad Weiß (1880-1940)
Eines Morgens Schnee

Was man gelebt, was immer mehr geblieben,
stets mehr gelesen, um so dunkler nur,
was man im Lichte schon wie aufgeschrieben
vorfand und ging auf unstörbarer Spur,
was man mit Sinn erreicht, was man mit Lieben
doch nie vollbringen konnte, – deine Flur
wird dir, du Mensch von Ernte niemals satt,
mit eines Morgens Schnee ein reinstes Blatt.

Es ist kein Trost; und nun der Sonne Scheinen
teilt alles nur noch weiter vor dir aus,
so spurlos steht die Zeit, du willst sie einen
gleich einer Träne dort am letzten Strauß,
du horchst auf einen Laut, nun hörst du keinen,
der Schnee macht nur ein regungsloses Haus, –
geh fort, und wie es dir im Busen klopft,
fühlst du den Schnee, der kalt vom Baume tropft.

Du fühlst nicht Nähe mehr, nur noch dies Pochen,
das dir die kalte Wange seltsam näßt,
das Land scheint dir so weit und ganz zerbrochen,
die weißen Berge gleich dem schweren Rest
von einem Himmel, den du nie besprochen,
und der, je mehr du sprichst, dich werden läßt
gleich einer Spur, die sich aus ihm verlor,
und die du kennst, wenn dir im Herzen fror.

So geh nun fort, und was umsonst bestritten
du Tag und Nacht, was schon im Licht verdorrt,
was du gelebt, was du dir selbst inmitten
gelöst, du Mensch, im stets zerbrochnen Wort,
auf dunkler Spur mit unhörbaren Schritten
gewinnt die Zeit ihr Licht, geh mit ihr fort,
noch blüht zur stillen Nacht die Spur so frisch
wie alle Ernte auf dem Ladentisch.

Betty Paoli (1814-1894)
Wintertraum

Der finst're König Frost hält mich gefangen,
Ich trage seiner Fesseln starres Erz,
Bleich wie sein Leichentuch sind meine Wangen,
Des Todes Ahnung schauert durch mein Herz,
Und wie des Blaubarts Weib in grauser Stunde
Verzweifelnd forschte nach der Rettungskunde
So frag' ich, gramentstellten Angesichts,
Mein spähend Aug': Siehst du noch nichts? noch nichts?
 
Noch keine jungen Triebe an den Bäumen,
Noch keinen Sonnenpfeil, der fliegt und trifft,
Noch keinen Purpur an den Wolkensäumen,
Noch keine fromme Primel auf der Trift?
Noch nichts, was des Befreiers Nah'n verkündet,
Ein zagend Herz mit neuem Muth entzündet?
Noch keinen Schimmer wärmern, reinern Lichts?
Mein treues Aug'! siehst du noch nichts? noch nichts?
 
Schon holt der finst're König aus zum Streiche -
O Retter Lenz! sieh' her auf meine Qual!
Willst du denn erst auf meine starre Leiche
Herniedergießen deinen milden Strahl?
Dies Herz, das heiß entgegen dir geschlagen,
Dein schönes Bild so treu in sich getragen,
In wilder Sehnsucht dunklem Jammer bricht's -
Unselig Aug': siehst du noch nichts? - »Noch nichts!«

Theobald Nöthig 1841 - 1925
Im Winter

Wirft auch der Wind mit Flocken,
Ist auch der Pfad verschneit,
Hinaus! vom Stubenhocken
Wird Herz und Hirn nur trocken,
Wird nie die Seele weit.

Hinaus,  dem  Sturm  entgegen!
Er lehrt mich kurz und gut,
Das Dürre allerwegen
Zu fassen und zu fegen,
Entfacht mir Glut und Mut.

Er bläst, will ich ermatten,
Mir frischen Odem ein
Und schuf, wenn Wolkenschatten
Den Tag verfinstert hatten,
Noch immer Sonnenschein.

Er ruft: „An blütenreiche
Lenztage dennoch glaub!
Der Weihnachtstanne gleiche,
Behalt nicht, wie die  Eiche
Im Winter welkes Laub!"

*Quelle: https://gedichte.xbib.de/

Johannes Trojan 1837 - 1915
Winterstille

Nun hat der Berg sein Schneekleid angetan,
Und Schnee liegt lastend auf den Tannenbäumen
Und deckt die Felder zu, ein weißer Plan,
Darunter still die jungen Saaten träumen.

Fried' in der Weite! Nicht ein Laut erklingt —
Ein Zweig nur bebt und stäubt Kristalle nieder,
Gestreift vom Vogel, der empor sich schwingt —
Und still ist alles rings und reglos wieder.

In Winters Banden liegt der See und ruht,
Die Wellen schlafen, die einst lockend riefen.
Nicht spielen mehr die Winde mit der Flut,
Kaum regt sich Leben noch in ihren Tiefen.

O Sonne, wenn durch Wolken du einmal
Hernieder blickst — wo blieb der Erde Prangen?
Schlafende Augen nur erblickt dein Strahl,
Er weckt kein Hoffen auf und kein Verlangen.

Welch‘ eine Stille! Kaum im Herzen mag
Ein Wunsch sich regen, daß es anders werde.
Und doch, o Herz, du weißt, es kommt der Tag,
Der wieder schmückt mit blühndem Kranz die Erde.

Luise Otto (1819-1895)
Blumengeister

Nun ist im Sturm mit Schnee und Eis
Der Winter angekommen,
Hat auf tyrannisches Geheiß
Die Blüten all genommen.
 
Sie sind dahin mit einem mal
Und hängen welk hernieder,
Es weckt kein milder Sonnenstrahl
Die Frostgetroffnen wieder.
 
Ihr Glanz, ihr Duft, ihr Leben schwand
Und öd' sind Flur und Garten,
Zur weißen Wüste ward das Land,
Die Flüsse selbst erstarrten.
 
So sinken in die kalte Gruft
Die letzten Blumenleichen,
Und harren bis der Lenz sie ruft
Aus ihrem Grab zu steigen.
 
Doch kann der Blumengeister Schar
Wohl nächtlich um noch gehen -
In kalter Mondnacht, hell und klar
Sind sie gar oft zu sehen.
 
Sie kommen aus dem Grab hervor
Wie neckende Gespenster,
Und blühen - ein krystall'ner Flor -
An dem gefrornen Fenster.
 
Und rufen die Erinnrung wach
An alle Sommerstunden,
Wo Menschenhand die Blümlein brach
Und sie zum Kranz gewunden -
 
Wo Menschenfuß sie gar zertrat,
Nicht achtend auf ihr Flehen -
Es läßt zu rächen solche That,
Die Geisterschar sich sehen.
 
Und mahnt mit glänzend heller Schrift:
»Dein eignes Thun bewache,
Damit dich nicht im Winter trifft
Der Blumengeister Rache!«

Elisabeth Kulmann (1808-1825)
Die Wintersonne an die Südländer

Hängt länger euch, o Kinder,
Nicht an mein goldnes Kleid!
Hab' ja noch andre Kinder
Im Norden, weit, weit, weit!

In ihrem grimmen Winter
Bin ich ihr einz'ger Trost:
Komm' ich nicht auf ein Stündchen,
Sie sterben mir vor Frost.

Auf dumpfer Hütten Schwelle,
Um die ein Eiswall ragt,
Erwarten ungeduldig
Sie mich, sobald es tagt.

Sie grüßen lautaufjauchzend
Mit Schmeichelnamen mich,
Und weinen fast, entfernet
Mein goldner Wagen sich.